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Ob Bundespräsident oder Olympiasieger, Bischof oder Botschafter: Offenbach hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Ehrengäste empfangen. Von ihren Besuchen zeugt das Goldene Buch der Stadt, das seit 1949 geführt wird.

Japanische und arabische Schriftzeichen

Bettina Jöst sorgt auch dafür, dass stets nur die rechte Seite des Buches beschrieben wird: „Sonst drücken die Schriften durch.“ In den Anfangsjahren wurden die Seiten noch doppelt genutzt, etwa von den Teilnehmern einer Landesplanungskonferenz oder für eine Sitzung des hessischen Städteverbands (beide 1950).

Zum Deutschen Städtetag 1951 unterzeichneten erstmals Gäste aus ganz Deutschland – etwa aus Kiel, Bochum und München – in dem Buch. Zwei Jahre später folgte der erste wahrhaft internationale Eintrag: Die „Japanische Studenten-Fußball-Nationalmannschaft“ weilte in Offenbach, und einige Sportler unterschrieben mit japanischen Schriftzeichen. Ebenfalls 1953 finden sich Einträge in arabischer Schrift: Schwimmer des Heliopolis Sportingclub Kairo hatten den 1. Offenbacher Schwimmclub besucht.

Am 7. November 1953 wurde das Klingspor Museum in Offenbach eröffnet, und das außergewöhnliche Haus erfuhr umgehend eine große Wertschätzung: Zwölf Tage später kam Bundespräsident Theodor Heuss in die Stadt, um das Klingspor- und das Ledermuseum zu besichtigen. Persönliche Kommentare fehlten bis dato, auch Heuss setzte „nur“ seine Unterschrift auf die Seiten.

Das Buch ist ein richtiger Wälzer, es wurde von Offenbacher Meisterschülern aus edlem, hellen Leder mit Goldschnitt gefertigt, es steckt in einer ebensolchen Schutzhülle – und trägt doch den bescheidenen Titel „Gästebuch der Stadt Offenbach am Main“. Der erste Eintrag stammt vom 28. Juni 1949: Johann Rebholz, der damalige Oberbürgermeister, erinnerte an den weltberühmten Offenbacher Gast Johann Wolfgang von Goethe, der als junger Dichter im Lilipark einen amourösen Sommer verbrachte. „Alle Gäste unserer Stadt seien uns herzlich willkommen und gebeten, sich in dieses Buch einzutragen“, notierte der OB.

Die ersten Unterschriften steuerten die Mitglieder des im Juni 1948 gewählten Magistrats bei. Im Januar 1950 folgten Teilnehmer der II. Offenbacher Lederwarenmesse – zu diesem Anlass wurde das Buch in den Folgejahren häufig genutzt. Wie bundesweit üblich, gestaltet auch in Offenbach ein Kalligraph den Eintrag der Gäste vor, indem er ihre Namen sowie Datum und Anlass des Besuchs aufschreibt. „Insofern passt das Goldene Buch besonders gut zu Offenbach: Schließlich sind wir die Stadt des Leders und der Lettern“, sagt Bettina Jöst. Sie ist in der Stadtverwaltung für Ehrungen, die Städtepartnerschaften und seit 2008 auch für das Goldene Buch zuständig und erläutert, dass in ihm die verschiedensten Varianten der Schriftkunst zu finden sind.

Walter Scheel und Karl Carstens unterzeichneten

Ausführlichere Einträge finden sich erstmals zum Partnerschaftsfest an Pfingsten 1960: Der Dank eines Teilnehmers gilt „der Gastfreundlichkeit des Bürgermeisters und seiner gnädigen Frau“. 1964 wünscht ein Angehöriger der russischen Studentendelegation aus Moskau und Gorki auf Deutsch „Frieden, Glück und Wohlergehen“. Und zum zehnjährigen Bestehen der Städtepartnerschaft mit Puteaux entstanden 1966 drei eng mit Unterschriften und französischen Grußworten beschriebene Seiten.

Zur 1000-Jahr-Feier der Stadt Offenbach besuchte 1977 erneut ein Bundespräsident das Rathaus: Walter Scheel unterzeichnete ebenso wie der damalige hessische Ministerpräsident Holger Börner. Auch Scheels Nachfolger Karl Carstens lernte Offenbach kennen: 1981 nahm er an der 70. Internationalen Lederwarenmesse und an der Wiedereröffnung des erweiterten Leder-/Schuhmuseums teil. „Wahrscheinlich hat er gleich ein Paar Wanderstiefel mitgenommen“, meint Bettina Jöst schmunzelnd.

Der erste Besuch einer Delegation aus Kawagoe/Japan datiert von August 1982. Gut ein Jahr später wurde die Städtepartnerschaft offiziell besiegelt. Aus dem russischen Orjol trafen 1987 die ersten Gäste ein, um dann im Mai 1989 die Partnerschaftsurkunde – und das Goldene Buch – in Offenbach zu unterzeichnen.

Bischof wünscht „Gottes Segen und darin alles Gute“

1984 zeigte sich die Stadt „stolz auf ihre Olympiasieger, die den Ruf Offenbachs als Sportstadt erneut festigten“: Der Schwimmer Michael Groß sowie die Fechterinnen Cornelia Hanisch und Christiane Weber hatten aus Los Angeles vier Gold- und drei Silbermedaillen mit an den Main gebracht, was ihnen einen Ehrenplatz im Gästebuch sicherte. Vier Jahre später trugen sich insgesamt sieben Olympiateilnehmer aus Offenbach ins Goldene Buch ein. Zwischendrin findet sich 1995 ein Eintrag des damaligen Bischofs von Mainz: „Prof. Dr. Dr. Karl Lehmann“ wünscht der Stadt und ihren Bewohnern „Gottes Segen und darin alles Gute“.

Seit 1990 sind die kalligraphischen Einträge im Buch weniger künstlerisch gestaltet: „Das Papier ist so trocken, dass die Tintenstriche auf den Seiten verlaufen“, bedauert Bettina Jöst. Der Künstler Zhu Xu aus der chinesischen Stadt Yangzhou wählte 1998 einen eigenen Weg und malte zur Partnerschaftsausstellung in Offenbach wunderschöne violette Blumen auf eine Doppelseite. Heute hält Bettina Jöst immer einen speziellen Füller für die Unterschriften parat, der flüssig schreibt und nicht auf dem betagten Papier verläuft.

Einträge von Besuchern aus den vielen Partnerstädten kennzeichneten die nächsten Jahre im Goldenen Buch ebenso wie Unterschriften von Sportlern: Als die Kickers 2005 in die Zweite Liga aufstiegen und offiziell im Büsingpalais empfangen wurden, verewigten sich die Fußballer stürmisch im Gästebuch, inklusive ihrer Trikotnummern. „Das Goldene Buch liegt nun für den nächsten Aufstieg bereit“, sagt Bettina Jöst.

Ansturm auf Otto Rehhagel

2008 besuchte der ehemalige OFC-Trainer Otto Rehhagel das Offenbacher Rathaus. „Im Saal bekam man fast keine Luft mehr, so viele Leute drängelten sich dort – nur um ihm beim Unterschreiben im Goldenen Buch zuzusehen“, erinnert sich Jöst. Es folgen die Einträge namhafter Gäste der Offenbacher Sportgala wie Rudi Völler (2009), Franziska van Almsick und Nia Künzer (2011).

Auch ein echtes Topmodel weilte bereits in Offenbach: Der Schwede Markus Schenkenberg trug sich im April 2013 als „Hauptsponsor der 1. Damenmannschaft des Offenbacher Tennisclubs“ ins Goldene Buch ein – die Geschichte dahinter erzählt das Buch leider nicht. Der vorerst letzte Eintrag stammt von Liang Jianguan, Generalkonsul der Volksrepublik China, der im Februar 2015 zu einem Informationsaustausch bei Oberbürgermeister Horst Schneider geladen war.

Noch sind viele Seiten in dem edlen Wälzer frei, doch angesichts des äußerst porösen Papiers entwickelt Bettina Jöst derzeit Ideen für ein neues Goldenes Buch. „Das ist natürlich auch eine finanzielle Frage“, gibt sie zu bedenken. „Mal sehen, was gegen Ende des Jahres möglich ist.“ Jedenfalls wird das bisherige Gästebuch, das einen Schatz an städtischen Erinnerungen birgt, immer einen Ehrenplatz im Rathaus erhalten.