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An keinem anderen Ort lebte Sophie von La Roche so lange wie in Offenbach am Main – über zwanzig Jahre. Sie schrieb im November 1786 aus Speyer an ihren Freund Jakob Sarasin: »La Roche will in Offenbach wohnen, weil ihm Luft und Ärzte mehr bekommen.«(1) Sie selbst wäre lieber in Speyer geblieben. Georg Michael Frank von La Roche war schon im Juli 1786 nach Offenbach übergesiedelt.

D[en] 10 t[en] Julius kame ich durch die Freundschaftl[iche] Hülfe und Anleitung meiner geliebten Brent:[ano] Sohn und Tochter in Offenbach abends um 6. Uhr Bey Frau André an.(2)

Porträt Marie Sophie von La Roche, gemalt um 1776 von Georg Oswald May
Porträt Marie Sophie von La Roche, gemalt um 1776 von Georg Oswald May © Ulrich Schrader/ Gleimhaus Halberstadt
Es steht zu vermuten, daß er seinen Lebensabend in der Nähe seiner Schwester und seiner Tochter Maximiliane Brentano verbringen wollte. Die Briefe, die er in den ersten Wochen an seine Tochter aus Offenbach am Main schrieb, zeugen von seinem bereits schlechten gesundheitlichen Zustand. »Ungeachtet meines gesundheits barometres Befinde ich mich raisonnable. Dem Himmel seye Dank.«(3) Während Sophie von La Roche in Speyer die Vorbereitungen für ihre Reise nach England traf, bemühte sich ihr Mann in Offenbach um ein Haus.

So wechselt ruhe und zufridenheit ohne chagrin noch Verdruss. Gott lasse mich es mehr geniesen, und gebe mir nur bald ein sicheres Versichertes mir selbst eigen nicht vertriebenes Pläzgen. amen. Du weist / : Liebe Max : / was ich Denke und Bitte.(4)

Sommer- und Alterssitz für vermögende Frankfurter

La Roches Schwiegersohn, Peter Anton Brentano, war ein vermögender Geschäftsmann aus Frankfurt am Main und unterstützte ihn beim Kauf des Hauses in der Offenbacher Domstraße finanziell. Die isenburgische Residenz Offenbach am Main war zur damaligen Zeit für vermögende Frankfurter Bürger nicht nur ein beliebtes Ausflugsziel, sondern auch Sommer- und Alterssitz. Man befand sich auf dem Lande, nur wenige Kilometer entfernt von der nahegelegenen Handels- und Messestadt Frankfurt am Main. Es gab in den Außenbezirken des Ortes prächtige Anwesen, wobei die Gärtenflächen der Häuser in der Dom- und Herrnstraße bis an den Fluß reichten. Dabei fällt es dem späteren Betrachter schwer, sich die bürgerliche Vornehmheit Offenbachs im endenden 18. Jahrhundert vorzustellen. Goethe, der sich oft und gerne in Offenbach bei der Familie André und bei den Familien Bernard und d’Orville aufhielt, schrieb in seinen Lebenserinnerungen:

Trat man am Morgen in aller Frühe aus dem Hause, so fand man sich in der freisten Luft aber nicht eigentlich auf dem Lande. Ansehnliche Gebäude die zu jener Zeit einer Stadt Ehre gemacht hätten, Gärten parterrartig übersehbar, mit flachen Blumen- und sonstigen Prunkbeeten, freie Übersicht über den Fluß bis ans jenseitige Ufer, oft schon früh eine tätige Schiffahrt von Flößen und gelenken Marktschiffen und Kähnen, eine sanft hingleitende lebendige Welt, mit liebevollen zarten Empfindungen im Einklang. Selbst das einsame Vorüberwogen eines leise bewegten Stromes ward höchst erquicklich und verfehlte nicht einen entschieden beruhigenden Zauber über den Herantretenden zu verbreiten. Ein heiterer Himmel der schönsten Jahrszeit überwölbte das Ganze und wie angenehm mußte sich eine traute Gesellschaft, von solchen Szenen umgeben, morgendlich wiederfinden.(5)

Rückblick auf eine gelöste Verlobung

Es muß hinzugefügt werden, daß Goethe diese begeisterte Beschreibung Offenbachs im Rückblick auf seine 1775 erfolgte, im gleichen Jahr gelöste Verlobung mit der Frankfurter Bankierstochter Lili Schönemann schrieb. Deren Mutter war eine geborene d’Orville. Sophie von La Roche wiederum wurde, im folgenden Jahrzehnt von einer Englandreise zurückkommend, davon überrascht, daß ihr Mann in Offenbach ein Haus erwerben wollte und bereits an den Main umgezogen war. Sie schrieb in ihrem letzten Brief aus Speyer an Johannes von Müller am 9. Dezember 1786:

Sie sollen den letzten Brief haben, welchen ich in meiner lieben grünen Stube in Speyer schreiben werde, denn mein guter La Roche ist überredet worden, in Offenbach zu wohnen, und ich will morgen früh zu ihm reisen.(6)

Sophie von La Roche lebte sich in Offenbach am Main trotz ihrer Anhänglichkeit an Speyer rasch ein. Ihr Haus in der Offenbacher Domstraße ging unter dem Namen »Grillenhütte«, in Anspielung an die dort ausgebrüteten »Grillen« (sonderbare Angewohnheiten, eigentümliche Interessen), in die Literaturgeschichte ein. Die neue Unterkunft war geräumig und erstreckte sich über zweieinhalb Stockwerke mit fünf Fenstern in der Breite. Dabei hatte das Haus einen Garten, der von Sophie von La Roche selbst gepflegt wurde. Die »Grillenhütte« befand sich in der Domstraße neben dem Haus der Musikverleger-Familie André. Sie stand etwa an der Stelle, an der sich in der Gegenwart die von Hans Mettel gefertigte Plastik ›Der Sitzende‹, am Rande des Büsingparks, befindet.

Prächtige Renaissance-Fassade

Offenbach am Main war seit dem 16. Jahrhundert isenburgische Residenz. Graf Reinhard hatte aufgrund geographisch-strategischer Erwägungen seinen Sitz von Birstein in den Ort am Main verlegt. Mit dem Isenburger Schloß und dessen prächtiger Südfassade entstand damals eines der schönsten Renaissance-Schlösser nördlich der Alpen. Das Haus Isenburg gewährte in den Jahren um 1700 Minderheiten Schutz und Aufnahme. Als durch die Aufhebung des Ediktes von Nantes (1685) die französischen Hugenotten durch König Ludwig XIV. verfolgt und für vogelfrei erklärt worden waren, erfolgte im Jahr 1699 unter der Regierung des Grafen Johann Philipp die Gründung der französisch-reformierten Gemeinde. Dieser war an der Ansiedlung von handwerklich und kaufmännisch ausgebildeten Hugenotten interessiert, so daß er ihnen im Jahr 1705 Privilegien gewährte. Im Jahr 1707 erfolgte dann die Gründung der jüdischen Gemeinde durch Beschlüsse, die im Jahr 1708 durch den Grafen sanktioniert wurden. In der Folge entwickelte sich in Offenbach am Main auch eine hebräische Drucktradition.
Frankfurter Straße 19. Jahrhundert
© Stadt Offenbach
Zum damaligen Zeitpunkt lebten in Offenbach etwa sechshundert Einwohner, vorwiegend Bauern oder Fischer. Johann Philipp Graf von Isenburg verfolgte das Ziel, den dörflichen Ort weiter auszubauen. Mit den Hugenotten hatten sich Fachleute des Textilgewerbes niedergelassen: Leinweber, Strumpfweber, Seidenweber, Hutmacher und andere Berufe. Bäuerlich geprägte Hugenotten verließen den Ort. Sie hatten ein Landstück zur Rodung angewiesen bekommen, womit 1699 zugleich mit der Gründung einer französisch-reformierten Gemeinde in Offenbach der nahegelegene Ort Neu-Isenburg angelegt wurde.

Westgrenze der Stadt

Wenige Jahre nach dem Zuzug der ersten Hugenotten hatte sich die Einwohnerzahl bereits verdoppelt. Zur Zeit der Sophie von La Roche zählte Offenbach am Main bereits etwa 6000 Einwohner. Infolge der merkantilistischen Politik des 18. Jahrhunderts war es nötig, neue Straßen anzulegen. Bestand die Stadt zuvor aus dem Schloß und einigen kleinen Gassen in unmittelbarer Nähe, so wurde in einer ersten Erweiterungsphase zu Beginn des Jahrhunderts der Marktplatz mit Großer Marktstraße, Großem Biergrund und Frankfurter Straße angelegt. Ende des 18. Jahrhunderts erstreckte sich Offenbach am Main bereits vom Marktplatz mit Frankfurter Straße, Großem Biergrund, Großer Marktstraße, Kleiner Marktstraße, Herrnstraße (die damals nur bis zum heutigem Linsenberg reichte) und Domstraße bis zur Kanalstraße (heute Kaiserstraße), die die Westgrenze der Stadt markierte.
Zu den bekanntesten und auch vermögendsten Familien Offenbachs zur Zeit der Sophie von La Roche zählten die Bernards und die d’Orvilles. Im Januar 1733 hatte Johann Nicolaus Bernard durch isenburgisches Privilegium die Erlaubnis zur Errichtung eine Schnupftabakfabrik erhalten. Teilhaber war sein Bruder Johann Heinrich, Vater von Peter und Rahel Bernard. Im Jahr 1768 schloß Johann Nicolaus Bernard einen Societätskontrakt mit dem Frankfurter Bankier Jean Georg d’Orville; ein Jahr später heiratete dieser Rahel Bernard. Ihr Bruder Peter heiratete Maria Elisabeth, eine geborene Thurneisen. Um 1775 / 80 wurde das Herrenhaus der Familien Bernard und d’Orville errichtet, das spätere Büsingpalais. Maria Elisabeth Bernard vermerkte am 26. Dezember 1786 in ihrem Tagebuch:

Zum Gefallen der Fürstinnen
Die Frau Laroche ist hier angekommen […] hat aber außer bei den Fürstinnen, denen sie äußerst gefallen soll, noch keine Visiten gemacht, weil ihr Mann einen Überfall bekommen hatte, doch geht es jetzt wieder besser. (7)

In einem Brief an ihre zukünftige Schwiegertochter Elsy de l’Espinasse äußerte sich Sophie von La Roche lobend über Bernards Privattheater und die Musikkapelle:

Die hiesigen Häuser Bernard und d’Orville unterhalten eine Theatergesellschaft, veranstalten zwanglose Assembleen und Konzerte. […] Ich wage zu sagen, daß Sie es besser finden werden, als ich es male.(8)

Sophies Enkelin Bettine berichtete später begeistert über die Sinfonien des Orchesters, denen sie abends bei geöffnetem Fenster lauschte. Zuweilen kletterte sie auch in einen Baum vor ihrem Fenster, um der Musik näher zu sein.
Historischer Stich der Grillenhütte
Historische Ansicht der Grillenhütte © Stadt Offenbach

Innovative Nachbarn

Die direkten Nachbarn der La Roches waren die Andrés, deren Vorfahren als hugenottische Seidenweber nach Offenbach am Main gekommen waren. In der Domstraße 21, neben dem Haus der Familie La Roche, das später die Nummer 23 erhielt, war die Familie André mit ihrem 1774 gegründeten Musikverlag und angeschlossener Notendruckerei ansässig. Der Verlagsgründer Johann André zählte während Goethes Offenbacher Besuchen von 1775 zum unmittelbaren Freundeskreis des Dichters. Im Jahr 1799 begegneten sich in München zwei Menschen, die Geschichte schrieben: Johann Anton André, der Sohn des Verlagsgründers, und Alois Senefelder, Autor, Schauspieler und Erfinder der Lithographie, des ersten modernen Druckverfahrens. Der junge André investierte als neuer Inhaber des Verlags in das wegweisende Verfahren und beauftragte Senefelder, im Hinterhof der Domstraße 21 eine Steindruckerei einzurichten.
Im Jahr 1800 trat die neue Technik – mit ihrer ersten kommerziellen Nutzung – einen Siegeszug um die Welt an. Sie wurde bedeutend vor allem für die Reproduktion hochwertiger Künstlergraphik. Das Verfahren führte später auch zum modernen Offset-Druck. Schließlich erwarb Johann Anton André auf der Reise von 1799, die ihn weiter nach Wien führte, von Mozarts Witwe Constanze den musikalischen Nachlass des großen Komponisten. Neunundsiebzig Mozart-Kompositionen sind daraufhin in Offenbach am Main im Erstdruck erschienen, zahlreiche lithographiert. Außerdem katalogisierte Johann Anton André den Nachlaß und schuf damit eine Grundlage des späteren Köchel-Verzeichnisses als Werkkatalog.(9)

"Die sanftesten Töne vereinen"

Über die nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen den Andrés und den La Roches ist wenig überliefert. Allerdings vermittelte Sophie von La Roche zwischen Schriftstellern und dem Komponisten Johann André. So schrieb sie am 3. März 1787 an Elise Gräfin zu Solms-Laubach:

H[err] André will die sanftesten Töne vereinen, um zu Jacobis Lied eine würdige Melodie zu finden, ich muß also um die Gnade bitten, es mir wieder zu schicken […].(10)

Auch stand die Familie André Georg Michael Frank von La Roche bei seiner Ankunft in Offenbach freundschaftlich zur Seite: »Die Andreesche Frauen- und Kinder alle sind mir gar Lieb und wohl thunlich.«(11)

Obwohl Offenbach am Main von den Kriegswirren Ende des 18. Jahrhunderts weitestgehend verschont blieb, waren unruhige Zeiten angebrochen. Als die österreichische Rheinflotille im Mai 1796 anlegte, gab es zahlreiche Einquartierungen. Frankfurt am Main war durch die Belagerung der Franzosen im Juli des gleichen Jahres betroffen. Bei der Beschießung der Stadt flüchtete Goethes Mutter, Catharina Elisabeth Goethe, zu Sophie von La Roche nach Offenbach. Nach ein paar Tagen Aufenthalt war jedoch die Gefahr vorüber und Frau Rat Goethe mußte rasch zurückkehren, da die Frankfurter ihre Tore wieder schließen würden. Als kein Fuhrwerk zu haben war, halfen die Andrés mit einem »Kütschgen« aus, wie Goethes Mutter es nannte. Die Französische Revolution war der Beginn tiefgreifender Veränderungen in ganz Europa, so auch in Offenbach. Der isenburgische Regent, Fürst Carl, hatte 1799 mit General Augereau einen Neutralitätsvertrag abgeschlossen und wurde 1806 in den Rheinbund aufgenommen. Bei den Beschlüssen des Wiener Kongresses mußte er für seine Bindung an Napoleon büßen. Offenbach wurde 1815 zunächst unter österreichische Verwaltung gestellt, bevor es 1816 an Hessen-Darmstadt fiel und die isenburgische, seit dem späten Mittelalter bestehende Herrschaft endete. Georg Michael Frank von La Roche war bereits krank nach Offenbach übergesiedelt. Schon bei seiner Ankunft in Offenbach hatte er mit den Folgen eines Schlaganfalls zu kämpfen, von dem er sich langsam erholte.

[U]ngeacht des unaufhörlich Regen, kann ich doch zimlich, reden, und / : wie zu ersehen ist : / einige Buchstaben zu schreiben.(12)

Stich von Franz Wilhelm von LaRoche
Bildnis von Franz Wilhelm von La Roche. Er war der Lieblingssohn von Sophie von La Roche und starb im jungen Alter von 23 Jahren an Darmentzündung © Stadt Offenbach
Nach einigen kurz aufeinander folgenden Schlaganfällen wurde er fast zwei Jahre lang von seiner Frau gepflegt, bevor er 1788 starb. Drei Jahre nach dem Tod ihres Mannes starb ihr geliebter Sohn Franz Wilhelm im Alter von dreiundzwanzig Jahren an einer Darmentzündung. Franz Wilhelm hatte gerade seinen Dienst als Forstbeamter am Hof zu Hessen-Darmstadt aufgenommen, und Sophie von La Roche war glücklich gewesen, ihn versorgt zu wissen. Hatte sie den Tod ihres Mannes noch gefaßt ertragen, so ist sie über diesen Schicksalsschlag niemals hinweggekommen. Zum Tode ihres Sohnes Franz Wilhelm schrieb sie am 14. September 1791 an Elise Gräfin zu Solms-Laubach:

O edle, gütige Fürstin Elise, bedauern Sie mich. Gott nahm meinen teuren Sohn Franz an einer Entzündungskolik. Tief gebeugt bitte ich um Ihre Teilnahme. Mein Schmerz ist unaussprechlich. Ergebung ist eine schwere Tugend in so einem Fall. Man will mich in die Schweiz führen. Ach, nirgend find ich wieder, was ich verlor. Bitten Sie, daß Gott mich stütze und meinen Karl erhalte, der mich dieses Jahr noch nötig hat. Ich geh mit Frau von Steinberg zu Tissot, um ihren sieben Jahr alten Sohn retten zu helfen, und mein 23 [Jahr] alter ist tot. Früh zur Ewigkeit reif, fiel er als reine Blüte der Tugend und des Verdienstes. Ewig glücklich ruht neben seinem Vater mein bestes Kind, das am meisten mich liebte und das meine Verehrung verdiente.(13)

Tod der Tochter

Im Jahr 1793, zwei Jahre später, starb ihre älteste Tochter Maximiliane nach der Geburt ihres zwölften Kindes und hinterließ acht minderjährige Halbwaisen. Die siebzehnjährige »Maxe« war auf Drängen ihrer Eltern 1774 mit dem reichen achtunddreißigjährigen Kaufmann Peter Anton Brentano aus Frankfurt, einem Witwer italienischer Herkunft mit fünf Kindern, verheiratet worden. Sie erreichte dadurch zwar einen gewissen Lebensstandard, litt aber in dem düsteren Geschäftshaushalt darunter, daß sie keine Zeit für ihre künstlerischen Interessen finden konnte. Sophie von La Roche schrieb nach dem Tod ihrer Tochter an Elise Gräfin zu Solms-Laubach am 27. November 1793:

›Sie ist bei Gott, über alle Leiden der Erde erhaben.‹ Aber ach, ihre Kinder. Acht noch lebend, glücklich vier vorausgegangen, und dann Erinnerungen, Anblick von Menschen, die erinnern, wieviel unnötiger, aus Bösartigkeit gegebener Kummer durch ihr Herz getrieben wurde. Was waren die ersten acht Tage nach ihrem Tode für mich ! Ich floh aus dem Haus, wie aus einer Mörderhöhle, ging zu Bethmann, bat sie, mich gleich nach Offenbach führen zu lassen, weil ich allein sein wolle und müsse. Ich komme in mein Haus und finde den Mann mit vier Kindern. O beste, gütigste Frau ! Denken Sie sich ein zerrissenes Herz, auf welches eine Zentnerlast gewälzt wird. Sie sind vorüber, die acht Tage. Er ist wieder in seinem Haus, ich mit einer Enkelin allein bei einer alten, 74 Jahre alten Nichte meines Mannes, die jammert, daß sie meinen Sohn, meine Tochter überleben mußte. Ich lebe auch, teile, trage, gütige Fürstin Elise ! (14)

"Gantz gottloß fluchen"

Auch Ihre zweite Tochter Louise führte eine unglückliche und unfreiwillige Ehe. Sie war 1779 mit dem kurtrierischen Hofrat Joseph Christian von Möhn verheiratet worden, was im Bekanntenkreis der La Roches auf völliges Unverständnis stieß. Frau Rat Goethe äußerte sich hierzu in einem Brief an Herzogin Anna Amalia in Weimar:

[…] Madamm la Roche ist auch da ! ! ! ! Theureste Fürstin ! Könte Docter Wolf den Tochtermann sehen, den die Verfasserin der Sternheim Ihrer zweyten Tochter Louise aufhengen will; so würde Er nach seiner sonst löblichen Gewohnheit mit den Zähnen knirschen, und gantz Gottloß fluchen. Gestern stellte Sie mir das Ungeheuer vor – Großer Gott ! ! ! Wenn mich der zur Königin der Erden / : Americka mit eingeschloßen : / machen wolte; so – ja so – gebe ich Ihm einen Korb – Er sieht aus – wie der Teufel in der 7 ten Bitte in Luthers kleinem Catesichmus [!]– ist so dumm wie ein Heu Pferd – und zu allem seinem seinem[!] Unglück ist Er Hoffrath – Wann ich von all dem Zeug was begreife; so will ich zur Auster werden. Eine Frau wie die la Roche von einem gewiß nicht gemeinem Verstand, von zimlichen Glücksgütern, von Ansehn, Rang u.s.w. die es recht drauf anfängt Ihre Töchter unglücklich zu machen – und doch Sternheime und Frauenzimmer Briefe schreibt – mit einem Wort, mein Kopf ist wie in einer Mühle. Verzeihen Ihro Durchlaucht, daß ich Ihnen so was vor erzähle, ich habe aber eben das Awentheuer vor Augen – und die Thränen der guten Louise kan ich nicht ausstehn.(15)

Louise trennte sich von ihrem Mann, als dieser wegen Alkoholismus aus seiner Stellung am Revisionsgericht in Koblenz ausscheiden mußte und zog 1789 verbittert zu ihrer Mutter nach Offenbach. Ihr ältester Sohn Fritz, der mehrere Jahre bei Wieland in Erfurt erzogen worden war, ließ sich, nachdem er auf französischer Seite im amerikanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte, mit seiner frisch vermählten Frau, einer reichen Amsterdamer Witwe, Elsina de l’Espinasse, genannt Elsy, für zwei Jahre in Offenbach nieder. Sophie von La Roche berichtete an Elise Gräfin zu Solms-Laubach am 3. März 1787:

"Eine schöne, lachende Gegend"


Versichern Sie Ihrer Frau Mutter, daß ich vor Gott ihre Stelle einnehmen und ihre Pflichten erfüllen werde. Sie werden, meine liebenswürdige Tochter, eine schöne, lachende Gegend finden, einen schönen Fluß, der den Saum jenes Landstücks umspült, das wir zu Ihrem Garten bestimmen, eine Gesellschaft sehr ehrenwerter Leute […].(17)

Fritz konnte schließlich aufgrund des ehelichen Vermögens einen Teil von Sophies dritter Reise in die Schweiz finanzieren. Nachdem er mit seiner Familie nach Amerika ausgewandert war, um sein Glück als Farmer im Staat New York zu suchen, begann für Sophie großer Kummer um ihren ältesten Sohn. Die Ehe scheiterte, nachdem er nahezu das gesamte Vermögen seiner Frau verschleudert hatte. Sophie von La Roche, die ihre Schwiegertochter sehr ins Herz geschlossen hatte, war entsetzt, sie mit drei Kindern – eines aus erster Ehe, zwei aus der Ehe mit Fritz – in dieser Lage zu wissen. Sie schrieb an Elsy:

Sie und Ihre Kinder in einer so grausamen Lage, durch meinen Sohn ! O meine Elsy ! Nichts kann ausdrücken, was ich durch Ihre Situation und meine Machtlosigkeit leide.(18)

Elsy blieb bei ihrer Schwester in Amerika. Sophie von La Roche brach mit ihrem Sohn Fritz. Sie schrieb an Elise Gräfin zu Solms-Laubach am 15. November 1797:

In meiner Seele, gütige, großmütige Frau, ist eine neue Düsterheit entstanden, seit ich die Erscheinung meines ältesten Sohnes aus Amerika hatte, welcher nach Frankreich geht, um vier seiner Societät verlorenen und von Korsaren genommenen Schiffe zu reklamieren, auf welchen sein ganzes Vermögen war […] Alle Art von Weh drückt die Erde und den Teil ihrer gefühlvollsten Bewohner am härtesten. Die wenigen Stunden, da ich meinen durch sich selbst unglücklichen Sohn um mich sah, waren sehr traurig. Zwischen dem Grab meines Franz und den Ruinen des Wohlstands von seinem Bruder fühlte ich neu die Wahrheit des Ausspruchs der Königin von England: ›Es ist süßer, um ein Kind zu weinen, so tot ist, als über eines, das lebt.‹(19)

In Russland verschollen

Fritz kehrte in späteren Jahren nach Europa zurück und galt seit dem Jahr 1814 als in Rußland verschollen. Sein Aufenthalt in Amerika inspirierte die Schriftstellerin zu dem Roman ›Erscheinungen am See Oneida‹ (1798). Mit ihrem Sohn Georg Carl hatte Sophie von La Roche weniger Kummer. Beruflich sehr eingespannt, konnte er sich zwar nur selten um seine Mutter kümmern, arbeitete aber bereits seit dem Jahr 1786 als Bergrat im Salzbergbau in Schönebeck bei Magdeburg. Später lebte er mit seiner Familie in Berlin.

Im Jahr 1794 besetzten die Franzosen die linke Rheinseite. Die Bezüge der kurtrierischen Witwenkasse blieben aus, womit Sophie von La Roche auf finanzielle Unterstützung angewiesen war. Von einer wohltätigen Dame erhielt sie über ein anonymes Frankfurter Konto regelmäßig Spenden.(20) Sie konnte ihr Haus kaum finanziell halten, und zudem lebte eine verarmte alte Nichte ihres verstorbenen Mannes, Cordula, bei ihr. Als zahlende Kostgänger nahm sie den Sohn der Elise von Bethmann mit dessen Hofmeister auf, nach dem Tod ihres Schwiegersohnes Peter Anton Brentano im Jahr 1797 drei ihrer unversorgten, minderjährigen Enkelinnen: Bettine, Lulu und Meline. So wohnten mit Louise und einer Magd bis zu neun Personen in der Grillenhütte.

"Alle Gefühle der Sorgfalt und Liebe"

[…] ich [werde] jetzt meine drei jüngsten Enkelinnen zu mir nehmen und die vater- und mutterlosen Waisen erziehen […]. Ihr Vermögen ist hinreichend, um billiges Kostgeld zu geben, und mein Herz reicht genug, um alle Gefühle der Sorgfalt und Liebe auf ihre Ausbildung zu verwenden. Und so werde ich dann den Abend meines Lebens mit einer Tatsache und nicht mit Idealen endigen.(21)

Intensiv und vertrauensvoll gestaltete sich Sophies Verhältnis zu ihrer eigenwilligen Enkelin Bettine, die gerne ihren wunderbaren Geschichten zuhörte, zunehmend in schwäbischer Mundart, und mit der sie auch die Freude am Garten teilte. So konnte wohl auch am ehesten Bettine nachempfinden, was ihre Großmutter fühlte, nachdem die Bäume im Garten gefällt worden waren:

[…] als ich zurückkam zur Großmutter – sah ich blaß und zerstört aus und sie sah wohl die Spuren von meinen Tränen. – Sie sah mich an ein Weilchen – und sagte: ›Du warst im Garten ?‹ – da reichte sie mir die Hand. – Was sollt ich sagen ? – ich schwieg, und sie auch. – Sie sagte: ›Ich werd wohl nicht mehr lang leben !‹ – ich wagte nichts zu sagen – aber bald darauf machte sie das Nebenzimmer auf, von wo man nach dem Garten sieht, und sagte: ›das Rauschen im Abendwind war meine Freude, ich werds nicht mehr wieder hören, ich hätt mirs lassen gefallen wenn ich unter ihrem Rauschen am letzten Abend wär eingeschlafen ! sie hätten mir diesen feierlichen Dienst geleistet die lieben Freunde die ich jeden Tag besuchte, die ich mit großer Freude hoch über mir sah; – Du hast sie auch geliebt, es war Dein liebster Aufenthalt – ich hab Dich oft vom Fenster sehen in ihrem Wipfel Abends steigen und glaubtest es säh es niemand – nimm meinen Segen, liebes Kind, ich hab an Dich gedacht, wie man sie trotz der schmerzlichen Verletzung meiner Gefühle verstümmelte.‹ (22)

Zeichnung von Georg Carl von la Roche
Georg Carl von La Roche - Sohn von Sophie von La Roche © Stadt Offenbach

Schreiben für den Lebensunterhalt

Das Kostgeld, das sie von einem Sohn des Peter Anton Brentano aus dessen erster Ehe annahm, wurde teilweise mit der Finanzierung des Hauses in der Domstraße verrechnet. Sophie von La Roche schrieb weiter, ungeachtet aller Schicksalsschläge. Mehr noch: Ihr Schreiben beruhte nun endgültig nicht mehr auf Freiwilligkeit, sondern war ihre Arbeit, mit der sie einen Teil ihres Lebensunterhaltes bestritt. Somit hatte sie sich, beginnend als »Erzieherin von Teutschlands Töchtern«, endgültig in Offenbach zur Berufsschriftstellerin entwickelt. Sie bewies ein hohes Maß an Geschäftstüchtigkeit, wenn sie Literatur für den Tagesbedarf produzierte. Aufgrund ihrer Lebenssituation mußte dieser Arbeitsprozeß ein erstaunliches Tempo erlangen: Sie setzte ihre pädagogischen Schriften fort und verfaßte vier Romane. In ihrer Offenbacher Zeit schrieb sie die umfangreichen Erzählungen und Romane ›Geschichte von Miß Lony und der schöne Bund‹ (1789), ›Rosalie und Cleberg auf dem Lande‹ (1791), ›Schönes Bild der Resignation‹ (1795 / 96), ›Erscheinungen am See Oneida‹ (1798), ›Briefe über Mannheim‹ (1791), ›Mein Schreibetisch‹ (1799), ›Fanny und Julia‹ (1801 / 02), ›Liebe-Hütten‹ (1803 / 04), ›Herbsttage‹ (1805). Ihr letzter Roman ›Melusinens Sommer-Abende‹ (1806) wurde, wie schon ihr erster Roman, von ihrem Jugendfreund Christoph Martin Wieland herausgegeben.

Reisen in Begleitung

In den Jahren 1787 bis 1793 entstanden in rascher Folge zahlreiche Reisebeschreibungen, in denen Sophie von La Roche ihre Reisen literarisch auswertete und geschickt vermarktete. Sie reiste nicht allein, sondern als Begleitung wohlhabender Freunde, die diese Reisen finanzierten und ihr darüber hinaus Schutz gewährten. Einige reiche Freundinnen wie zum Beispiel Elise von Bethmann oder Baronesse von Werthern interessierten sich für fremde Länder und benötigten eine Reisebegleitung, da es sich für Frauen im 18. Jahrhundert nicht schickte, alleine zu reisen. Die dritte Reise in die Schweiz war von Traurigkeit geprägt, denn diese Fahrt erinnerte sie an ihren Sohn Franz Wilhelm. »O Fürstin Elise, ich leide ! Diese Reise sollte mich zerstreuen, sie beweist mir meinen Verlust«,(23) schrieb sie an Gräfin Elise zu Solms-Laubach am 29. November 1791 aus Lausanne. Auf ihrer letzten großen Reise – aus Offenbach nach Oßmannstedt bei Weimar – wurde sie von ihrer Enkelin Sophie Brentano begleitet.

Während in den ersten Offenbacher Jahren literarisch tätige Zeitgenossen ihr Haus in der Domstraße besuchten und oft auch nur ihretwegen nach Offenbach kamen, lebte sie nach ihren zahlreichen Schicksalsschlägen zurückgezogener. Sie hielt Kontakt zu den Frankfurter Familien Bethmann und Holzhausen sowie zu Goethes Mutter, die 1793 an ihren Sohn schrieb:

Brief von Sophie la Roche
© Stadt Offenbach

Wie eine Mutter verehrt

Ich habe die Gnade gehabt am vergangenen Sontag bey Ihro Durchlaucht der Regienden Frau Herzogin in Gesellschaft der Mama la Roche und verschiedenen Preuschischen Officiren zu Mittag zu speißen. Wir waren sehr vergnügt – blieben biß 5 Uhr – gingen dann samt und sonders ins Schauspiel.(24)

Sophie von La Roche pflegte Freundschaft mit dem Offenbacher Schriftsteller Christian Carl Ernst Wilhelm Buri, der sie wie eine Mutter verehrte. Von 1780 bis zum Tode der Sophie von La Roche 1807 weilte Buri als isenburgischer Hofgerichts-Advokat in Offenbach. Der kleine schwärmerische Kreis empfindsamer Seelen, der sich in Offenbach am Main um die »Sternheim« gesammelt hatte, bildete für Buri die Quelle eigener dichterischer Versuche. Durch Sophie von La Roches Beziehung zu Christoph Martin Wieland konnte Buri häufig in dessen Zeitschrift ›Der Neue Teutsche Merkur‹ veröffentlichen. In einigen seiner Romane hat er manche Personen aus ihren Romanen ›Liebe-Hütten‹, ›Geschichte von Miß Lony und der schöne Bund‹ und ›Melusinens Sommer-Abende‹ entlehnt. Sophie von La Roche weihte er unter anderem ›Das Lebensfest‹, ein Geburtstagspoem, aber auch das Gedicht ›Todtenfeier‹. Buri war eng befreundet mit Sophies Sohn Franz Wilhelm und dem Offenbacher Kaufmann Peter Bernard. Es ist nicht überliefert, wie eng die Beziehung zwischen Sophie von La Roche und der Familie Bernard war, aber da Peter Bernard zum Offenbacher Kreis um Sophie gehörte, ist anzunehmen, daß sie Kontakte auch zur übrigen Familie Bernard pflegte. In einem Exemplar der ›Liebe-Hütten‹ ist eine handschriftliche Zueignung »Madame Bernhard / gebohrene Turneisen – Zu erinnerung / von La Roche« an Maria Elisabeth Bernard überliefert.

"Verlust von unermeßner Größe"

Der Tod seiner Freundin Sophie von La Roche war für Buri, der so viel Hochachtung und Ergebenheit empfand, von einschneidender Bedeutung. Er schrieb an Elise Gräfin zu Solms-Laubach:

Durchlauchtigste Fürstinn, Gnädigste Fürstinn und Frau ! Es ist ein unwiderstehlicher Drang in meinem durch den Tod der unvergleichlichen Mutter la Roche verwundeten Herzen, Ew. hochfürstlichen Durchlaucht die anliegende Trauer-Ode, die ich ihrem Grabe weihte, unterthänigst mitzutheilen, da ich weiß, wie sehr höchstdieselben diese seltne einzige Frau geschätzt haben, und da die Verewigte so oft mit mir voll Begeisterung von Ihnen sprach. Ach ! Welch ein Verlust von unermeßner Größe für Alle, die mit dieser Perle der Menschheit in Verbindung standen ! (25)

Noch im gleichen Jahr verließ er Offenbach, ging zu Volrat Graf zu Solms-Rödelheim; später wirkte er in Homburg und Hanau. Zum fürstlichen Haus Isenburg hatte Sophie von La Roche Verbindungen. Eine freundschaftliche bestand zu Elise Gräfin zu Solms-Laubach, eine geborene Gräfin von Isenburg-Birstein. Aus der Zeit zwischen 1783 und 1807 sind über dreihundert Briefe an die Gräfin und deren Tochter Gräfin Sophie zu Solms-Rödelheim und Assenheim erhalten. Sie zeichnen auch ein Bild der isenburgischen Residenz Offenbach am Main an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Sophie von La Roche beschrieb einmal sogar ausführlich eine Hochzeit der Isenburger, berichtete zudem vom aufgeklärten Regenten in Offenbach. In diesem Briefwechsel zeigt sie sich – wie auch in ihren Schriften – als historisch gebildete, politisch und gesellschaftlich interessierte, in vielen Dingen wißbegierige Frau.
Auf dem Luzerner See, Zeichnung von Franz Wilhelm von la Roche
"Auf dem Luzerner See". Franz Wilhelm von La Roche zeichnete diese Szene während einer Bootsfahrt mit seiner Mutter. Sophie von La Roche erwähnt dies in ihrem "Tagebuch einer Reise durch die Schweiz". © Stadt Offenbach

"Empfindsamkeit" ist überholt

Anfänglich der Französischen Revolution nicht abgeneigt, verabscheute sie bald die zunehmenden Gewalttaten und äußerte sich im Juli 1800 in einem Brief an die Gräfin zu Solms-Laubach resigniert:

So lange daß Schiksal unßers guten Offenbach, noch in den Händen der Pohlnischen Legion stand – und von beyden seiten der Strasse alle garten wände durchgebrochen waren um sich wechselseitig zu unterstüzen – – so lange konnte, und wolte [ich] nicht schreiben – aber nun sind wir zu der Ehre deß französischen Hauptquatiers gekommen – unßere garten wände wieder hergestelt – daß land Isenburg hat 36 / m schaden gelitten – und wir können wieder etwas ruhig schlafen oder wachend von bessern Zeiten träumen – denn Gütigste Fürstinn es wird immer mehr bekräftigt, daß Gutes hoffen – Traum ist – auch höre ich niemand mehr an – leße keine Zeitung und frage nur nach dem nächsten so man zu thun hat – – Die Providenz weiß alles besser als ich – Gott [hat] die allmacht – u[nd] läßt es so gehen – ich will anbeten u[nd] schweigen so binn ich ruhiger geworden – u[nd] leße und arbeite, um so mehr: […] Dem Himmel sey dank, es geschah nicht so viel als man fürchtete – nun aber ist Frankfort gespert – alles Fuhrwerk darf hienein – aber nichts heraus u[nd] sie sollen 800 / m livres bezalen – auf neutralitet zälend wollen Sie nicht – u[nd] haben nun 2000 Mann executions trouppen biß am Samßtag der abgeschikte Courier die entscheidung von Buonaparte bringt.(26)

Mit ihren späten Schriften gelang es Sophie von La Roche nicht, an den einstigen Erfolg – der sich auf ihren ersten Roman ›Geschichte des Fräuleins von Sternheim‹ gründete – anzuknüpfen. Der empfindsame Stil der Schriftstellerin galt nunmehr als überholt. Hoffnung auf Genesung Am 9. Februar 1807 schrieb Sophie von La Roche an Elise Gräfin zu Solms-Laubach:

Alte La Roche leidet seit sechs Tagen an heftigem Magen- und Rückenweh, hofft aber bald alle ihren Dank für überfließende Gnade auszudrücken, denn der Doktor will helfen. Segen der Fürstin Elise wird es vollkommen machen.(27)

Am 18. Februar 1807 starb Sophie von La Roche im Alter von sechsundsiebzig Jahren. Ihre Tochter Louise teilte daraufhin der Gräfin mit:

Gnädigste Frau, Frau !
Nichts ist härter für mich als ihre Durchlaucht mit dem grossen Verlust Bekant zu machen den ich am 18ten dieses Monats Abends gegen 7 Uhr durch den Tod meiner Besten Mutter erlitt. Doppelt Empfindlich ist mir es ihnen Gnädigste Frau ! zu schreiben, daß eine Frau die das grosse glük genoß Von Eüer [Durchlaucht] einen so ausgezeichneten Vorzug zu erhalten, dieses auch so tief so innig Empfand nicht mehr ist. Ach ! ihr Herz sprach noch auf ihrem Kranken Bett die Worte: die Edle ! die Vortreffliche ! die gütige ! – – Sie war auf ihrem Kranken Bett so wie sie lebte ruhig, sanft, geduldig, ergäben. schmerzen hatte sie in den letzten 8 tage gar Keine, gänzliche entkräftung war ihr Tod. Verzeien ihro Durchlaucht daß ich in diese détail eingieng, aber sie liebten ja Diese gute Mutter die nun mir entrissen ist. Erlauben sie daß ich mich mit schuldigstem respect nenne
Eüer Durchlaucht
gehorsamste Dienerin
Von Möhn. g.[eborene] Von La Roche (28)

Katholisches Begräbnis in Bürgel

Obwohl sie Protestantin war, wollte Sophie von La Roche auf dem katholischen Friedhof in Bürgel neben ihrem katholischen Mann und ihrem geliebten Sohn Franz Wilhelm begraben sein. In Offenbach am Main selbst gab es zu dieser Zeit noch keine katholische Gemeinde und somit auch keinen katholischen Friedhof. Der Grabstein der Familie La Roche besteht aus rotem Sandstein und zeigt zwei übereinander gelagerte Schriftfelder auf einem pyramidalen Epitaph, mit Blumengirlanden und Palmetten geziert. Auf dem oberen Schriftfeld, das wie das untere, sockelartig, als gliedernde Fläche erscheint, steht eine Urne. Auf dem unteren, nach dem Tod ihres Mannes zuerst beschrifteten Feld steht geschrieben: (29)

Bey diesem Stein ruhet / Georg Michael Edler von Laroche / Alter Canzler und Staatsrat v.[on] Churtrier / Sein Grosser Geist seine Rechtschaffenheit / und Guete / werden von Allen Redlichen verehrt / Er liebte die Landleute und wuenschte / sich ein Grab bei ihnen. / Gott rufet Ihn zum Lohn seiner Tugenden / den 21. November 1788 im 69. Jahre seines Lebens / in Offenbach am Mayn.

Auf dem oberen, nach Sophie von La Roches Tod beschrifteten Feld, erscheint – mit falschem Todestag des Sohnes – die Inschrift:(30)

An des Vaters Seite / ruht die Gattin / Sophie de la Roche / geb.[orene] Guterman– / gest.[orben] 18. Febr.[uar] 1807. / und der Sohn Franz / Wilhem [!] de la Roche / gest.[orben] 12. Dez.[ember] 1791.

Lebendiges Andenken

Als der Friedhof aufgelassen wurde, unternahmen die Verantwortlichen den Versuch, Nachkommen der Familie von La Roche ausfindig zu machen, wobei sich nach einer Frist kein Angehöriger meldete. An den Kirchturm versetzt, wurde der stark verwitterte Grabstein im August 1928 dem Offenbacher Heimatmuseum überwiesen. Dieses befand sich damals in Räumen des Isenburger Schlosses. So wurde das Epitaph im Arkadengang des Isenburger Schlosses aufgestellt, wo es noch heute steht, während am Kirchturm der St. Pankratius-Kirche in Bürgel (1908 nach Offenbach eingemeindet) – in der Nähe der vorigen Ruhestätte – eine originalgetreue Nachbildung gesetzt wurde. Damit wird das Andenken der Sophie von La Roche für alle Zeiten in Offenbach am Main lebendig bleiben.

Anmerkungen
(1) Sophie von La Roche, Brief an Jakob Sarasin, Speyer, 11. November 1786, zit. nach: Maurer 1985 I, S. 283.
(2) Georg Michael Frank von La Roche, Brief an Maximiliane Brentano, Offenbach am Main, [11.] Juli [1786]. (Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum)
(3) Georg Michael Frank von La Roche, Brief an Maximiliane Brentano, Offenbach am Main, 15. Juli [1786]. (Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum)
(4) Georg Michael Frank von La Roche, Brief an Maximiliane Brentano, Offenbach am Main, 18. Juli [1786]. (Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum)
(5) Zit. nach: Müller 1986 [Frankf. Goethe-Ausg.], S. 754.
(6) Sophie von La Roche, Brief an Johannes von Müller, Speyer, 9. September 1786, zit. nach: Maurer 1985 I, S. 283 f.
(7) Zit. nach: Wingenfeld 1975, S. 138.
(8) Sophie von La Roche, Brief an Elsy de l’Espinasse, spätere von La Roche, Offenbach am Main, 4. Oktober 1787, zit. nach: Maurer 1985 I, S. 293.
(9) Vgl. Eichenauer 2006.
(10) Sophie von La Roche, Brief an Elise Gräfin zu Solms-Laubach, Offenbach am Main, 3. März 1787, zit. nach: Kampf 1965, S. 29.
(11) Georg Michael Frank von La Roche, Brief an Maximiliane Brentano, Offenbach am Main, 10. Juli [1786]. (Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum)
(12) Georg Michael Frank von La Roche, Brief an Maximiliane Brentano, Offenbach am Main, 12. Juli [1786]. (Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum)
(13) Sophie von La Roche, Brief an Elise Gräfin zu Solms-Laubach, Offenbach am Main, 14. September 1791, zit. nach: Kampf 1965, S. 39.
(14) Sophie von La Roche, Brief an Elise Gräfin zu Solms-Laubach, Offenbach am Main, 27. November 1793, zit. nach: ebd., S. 50.
(15) Catharina Elisabeth Goethe, Brief an Anna Amalia Herzogin von Sachsen-Weimar und Eisenach, Frankfurt am Main, 11. April 1779, zit. nach: Leis u. a. 1996, S. 95 f.
(16) Sophie von la Roche, Brief an Elise Gräfin zu Solms-Laubach, Offenbach am Main, 3. März 1787, zit. nach: Kampf 1965, S. 28 f.
(17) Sophie von La Roche, Brief an Elsy de l’Espinasse, spätere von La Roche, Offenbach am Main, 4. März 1787, zit. nach: Maurer 1985 I, S. 292.
(18) Sophie von La Roche, Brief an Elsy von La Roche, Offenbach am Main, 17. Oktober 1797, zit. nach: ebd., S. 365.
(19) Sophie von La Roche, Brief an Elise Gräfin zu Solms-Laubach, Offenbach am Main, 15. November 1797, zit. nach: Kampf 1965, S. 72 f.
(20) Vgl. ebd., Einleitung, S. 12.
(21) Sophie von La Roche, Brief an Elise Gräfin zu Solms-Laubach, Offenbach am Main, 30. März 1797, zit. nach: ebd., S. 70.
(22) Zit. nach: Schmitz / Steinsdorff 1986 / 92, Bd. 1, S. 581. (23) Sophie von La Roche, Brief an Elise Gräfin zu Solms-Laubach, Lausanne, 29. November 1791, zit. nach: Kampf 1965, S. 40.
(24) Catharina Elisabeth Goethe, Brief an J.W. Goethe, ohne Ort, 22. Januar 1793, zit. nach: Leis u. a. 1996, S. 303.
(25) Christian Carl Ernst Wilhelm Buri, Brief an Elise Gräfin zu Solms-Laubach, Offenbach am Main, 23. Februar 1807. (Haus der Stadtgeschichte, Archiv, Offenbach am Main)
(26) Sophie von La Roche, Brief an Elise Gräfin zu Solms-Laubach, Offenbach am Main, 29. Juli 1800. (Haus der Stadtgeschichte, Archiv, Offenbach am Main)
(27) Sophie von La Roche, Brief an Elise Gräfin zu Solms-Laubach, Offenbach am Main, 9. Februar 1807, zit. nach: Kampf, 1965, S. 106.
(28) Louise von Möhn, Brief an Elise Gräfin zu Solms-Laubach, Offenbach am Main [1807]. (Haus der Stadtgeschichte, Archiv, Offenbach am Main)
(29) Die Angabe der unteren Tafel erfolgt nach der Kopie des Steines in Offenbach-Bürgel, weil die Inschrift auf dem originalen Stein im Arkadengang des Isenburger Schlosses nicht mehr in allen Teilen lesbar ist. Es gibt im erhaltenen Teil der Inschrift einige wenige orthographische Abweichungen im Vergleich mit der Kopie, beispielsweise »Redlichn« statt »Redlichen« u. ä.
(30) Die Angabe der oberen Tafel erfolgt nach der noch lesbaren Originalschrift des Grabsteins


Quelle: Der Aufsatz von Daniela Kohls und Heidrun Weber-Grandke ist erschienen in: Dr. Jürgen Eichenauer (Hrsg.): "Meine Freiheit, nach meinem Charakter zu leben". Sophie von La Roche (1730 - 1807) - Schriftstellerin der Empfindsamkeit. Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften, Weimar 2007 Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlages und der Autorinnen.