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Seit mehr als 300 Jahren gibt es eine jüdische Gemeinde in Offenbach. Sie hat über die Jahrhunderte herausragende Persönlichkeiten hervorgebracht und Impulse gesetzt, deren historische Bedeutung über Offenbach hinausreicht.
Synagoge in der Goethestraße
Die Synagoge an der Goethestraße wird 1916 eingeweiht © Stadt Offenbach / Stadtarchiv
Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Offenbach beginnt Anfang des 18. Jahrhunderts. Graf Johann Philipp, der von 1685 bis 1718 im Isenburger Schloss regiert, will die verheerenden Folgen des 30-jährigen Krieges lindern. Er fördert die Ansiedlung hugenottischer Glaubensflüchtlinge aus Frankreich ebenso wie die Niederlassung von Juden. Die Zuwanderer sollen die stark dezimierte Bevölkerung vermehren und die Wirtschaft wieder in Schwung bringen. Um 1700 leben unter den rund 800 Einwohnern Offenbachs etwa 120 Juden. Für ihr befristetes Aufenthaltsrecht müssen sie ein hohes Schutzgeld zahlen.

Zentrum des hebräischen Buchdrucks

1707 konstituiert sich die Israelitische Gemeinde. Graf Johann Philipp billigt die Gemeindestatuten und den Bau einer Synagoge. Das 1708 unterzeichnete Privileg erlaubt es der Gemeinde, an der Ecke Bismarckstraße/Groß-Hasenbach-Straße einen eigenen Friedhof anzulegen.

1714 erhält der Frankfurter Verleger Seligmann Hirz Reis die Erlaubnis, in Offenbach ein Druckhaus zu gründen. Während in Frankfurt Juden der Druck mit hebräischen Lettern verboten ist, entwickelt sich Offenbach zu einem Zentrum des hebräischen Buchdrucks. Zwischen 1715 und dem frühen 19. Jahrhundert werden hier mehr als 200 hebräische Bücher herausgegeben. Etwa ein Viertel dieser Schriften ist heute im Besitz des Stadtarchivs.

Jüdischer Friedhof
Jüdischer Friedhof © Stadt Offenbach

Vier jüdische Ehrenbürger

1784 leben rund 700 Juden in Offenbach. Seit 1719 ist ihnen eine eingeschränkte wirtschaftliche Betätigung, zum Beispiel als Händler, Metzger oder Wirt, erlaubt.

Der erste jüdische Friedhof muss um 1860 der neuen Bahnlinie weichen, die von Frankfurt nach Bebra führt. Zum Ausgleich erhält die Gemeinde ein Gelände, das östlich an den Neuen (heute Alten) Friedhof angrenzt. Bedeutende Persönlichkeiten des jüdischen Lebens in Offenbach sind dort beigesetzt, darunter die vier jüdischen Ehrenbürger der Stadt: Salomon Formstecher, Ludo Mayer, Siegfried Guggenheim und Max Willner.

Auch Wolf Breidenbach wird 1829 dort beerdigt. Als Hoffaktor von Fürst Carl von Isenburg-Birstein erwirkt Breidenbach 1803 die Abschaffung des „Judenleibzolls“, einer Kopfsteuer für jüdische Reisende, welche die Menschenwürde verletzt und jüdische Händler auch wirtschaftlich benachteiligt. Zahlreiche deutsche Staaten folgen bald dem Offenbacher Vorbild.

Blütezeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Anfang des 20. Jahrhunderts erlebt die Jüdische Gemeinde Offenbach ihre Blütezeit. Die Gemeinde zählt 2361 Mitglieder, unter ihnen Kaufleute und Fabrikanten, Handwerker, Arbeiter und Freiberufler.

Größter Arbeitgeber der Stadt ist zu dieser Zeit die Lederfabrik Mayer & Sohn. Wegen seiner Verdienste als Wohltäter und Kulturmäzen erhält Ludo Mayer, Sohn des Firmengründers, 1915 als zweiter Jude in Offenbach die Ehrenbürgerwürde.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten geht das stattliche Kaufhaus von Hugo Oppenheimer an der Frankfurter Straße im Jahr 1936 in „arischen Besitz“ über. Die Familie flüchtet. Auch die Inhaber des 1832 gegründeten Bankhauses Merzbach sowie der Gemeindevorsitzende und spätere Ehrenbürger Offenbachs, Rechtsanwalt Siegfried Guggenheim, und viele andere verlassen die Stadt.

Neugründung nach der Schoah

Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs leben noch rund 900 Juden in Offenbach. Rund 450 gelingt rechtzeitig die Flucht. Ebenso viele fallen 1942/43 den Massendeportationen in die Vernichtungslager zum Opfer.

Kaum mehr als ein Dutzend Überlebender der Schoah findet sich im Sommer 1945 zusammen, um wieder eine Jüdische Gemeinde in Offenbach zu gründen. Einer von ihnen ist der spätere Ehrenbürger Max Willner.

Heute ist die Offenbacher Jüdische Gemeinde mit rund 1000 Mitgliedern die zweitgrößte in Hessen.

Zum Weiterlesen: „Sachor“ – Orte der Erinnerung. Ein Stadtplan zu historischen Stätten jüdischen Lebens in Offenbach. Hrsg.: Max Dienemann/Salomon Formstecher Gesellschaft Offenbach e. V.

Synagoge wird 1707 erstmals erwähnt

Offenbachs erste Synagoge dürfte wohl um 1707 an der Ecke Große Marktstraße/Hintergasse errichtet worden sein. Bis 1822 trägt die Große Marktstraße den Namen Große Judengasse. Doch sie ist kein Ghetto. In der Großen und Kleinen Juden­gasse (der späteren Kleinen Marktstraße) leben Juden und Christen Tür an Tür.

Erstmals erwähnt wird die Synagoge im Gemeindestatut von 1707. Der regierende Graf Johann Philipp von Isenburg billigt die Bildung einer selbstständigen jüdischen Gemeinde. Bei einem Brand in der Großen Judengasse wird die ursprüngliche Synagoge zerstört. An ihrer Stelle errichtet die Gemeinde 1729/1730 einen Neubau.

Diese Synagoge, zu der ein rituelles Tauchbad („Mikwe“) gehört, bildet zusammen mit dem Gemeindehaus für mehr als 200 Jahre das Zentrum jüdischen Lebens in Offenbach. In der Nähe erwirbt die Gemeinde 1751 ein Gebäude, in dem sie ein Hospital einrichtet.

Salomon Formstecher
Dr. Salomon Formstecher © Stadt Offenbach

Vordenker der Reformbewegung

In der Synagoge predigt und lehrt Rabbiner Dr. Salomon Formstecher (1808 – 1889), ein Vordenker der jüdischen Reformbewegung. Die Stadt ernennt ihn 1882 zum ersten jüdischen Ehrenbürger Offenbachs. Als eine der ersten bekennt sich die Israelitische Gemeinde Offenbach schon 1821 zur Reformbe­wegung. Diese ist bestrebt, das Gemeindeleben zu modernisieren, um Werte, Normen und Rituale des Judentums mit der bürgerlichen Gesellschaft in Einklang zu bringen.

Die Pogrome im zaristischen Russland zwingen ab dem späten 19. Jahrhundert zahlreiche Juden zur Flucht. Viele kommen auch nach Offenbach. Bis 1910 steigt die Zahl der jüdischen Gemeindemitglieder auf 2360 Personen an. Die bisherige Synagoge wird zu klein.

Nachdem die Gemeinde bereits 1832 eine Frauensynagoge angebaut hat, wird 1901 eine zusätzliche Frauengalerie benötigt. Für ein bau­polizeilich gefordertes neues Treppenhaus muss 1902 die Mikwe weichen.

Sinnbild der Gleichstellung

Dies alles reicht aber nicht aus: 1916 wird die alte Synagoge aufgegeben und eine neue in der Goethestraße eingeweiht. Die einstige Synagoge in der Großen Judengasse wird 1919 zu einem Kino um­gebaut, das 1927 im Stil der Neuen Sachlichkeit umgestaltet wird.

Die neue Synagoge in der Goethestraße, ein monumentaler Kuppelbau mit fast 800 Plätzen, sollte Sinnbild sein für die im Kaiserreich endlich erlangte Gleichstellung der deutschen Juden. Hier wirkt ab 1919 der Rabbiner Dr. Max Dienemann, ein traditionsbewusster Erneuerer jüdischer Frömmigkeit und bedeutender Repräsentant des jüdischen Liberalismus.

1935 ordiniert er in Offenbach die Berlinerin Regina Jonas zur weltweit ersten Frau im Rabbiner-Amt. Dienemann wird 1938 nach der Internierung im KZ Buchenwald zur Emigration gezwungen. Der Rabbiner stirbt 1939 in Tel Aviv.

Jüdisches Gemeindezentrum in der Kaiserstraße

Das Jüdische Gemeindezentrum befindet sich heute in der Kaiserstraße. Dort wird nach Entwürfen des Architekten Hermann Zvi Guttmann die erste Synagoge in Hessen nach der Schoah errichtet und 1956 eingeweiht. 1997 wird das denkmalgeschützte Gebäude nach Plänen von Alfred Jacoby auf 160 Plätze erweitert. Das Gemeindezentrum umfasst auch einen Kindergarten und einen großen Saal.