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Blick auf den Kreisel kurz vor Ende der Bauzeit.
Blick auf den Kreisel kurz vor Ende der Bauzeit. © Stadtarchiv Offenbach

Ein letzter Feinschliff mit dem Besen, ein prüfender Ringsum-Blick des Bauleiters bevor starke Arme die verbliebenen Barken an den Straßenrand schieben konnten. Vielleicht noch ein kleine Runde Schnaps vom Polier für die Straßenbauer auf das gelungene Werk. So oder so ähnlich mag sie am 18. Juni 1965 stattgefunden haben: die endgültige Eröffnung der vollen Runde um den Kaiserleikreisel. Ein Ereignis ohne Minister, die gemeinsam mit den Oberbürgermeistern vor jubelnden Menschen ein Band durchschnitten, und ohne Edelkarossen, die in einer langen Kolonne dem Geschehen Bedeutung verliehen. Den  lokalen Medien war die Freigabe des mit 250 Metern Durchmesser größten europäischen Kreisels nur eine Meldung auf der Seite fünf wert: ein knapper Hinweis auf die erneut geänderte Verkehrsführung eines Provisoriums. Die heftige Diskussion um die Anhebung des Preises für das „Stöffche“ um fünf Pfennig pro Glas Apfelwein schien die Gemüter in jener Zeit mehr zu bewegen.

Seit dem Jahr 1957 plante das Straßenneubauamt Hessen Süd im Kaiserlei den zentralen Verkehrsknotenpunkt im Osten der Region, zunächst freilich „nur“ als Schnittpunkt von Bundesstraßen. Seine Umgebung lag zu jener Zeit noch „vor den Toren“ Offenbachs auf freiem Feld. Am Kaiserlei sollte sich binnen eines Jahrzehnts der Schnellweg aus dem Osten Frankfurts nach Langen und Darmstadt mit der Verbindung von Frankfurt Sachsenhausen über  Offenbach nach Hanau kreuzen.

Während die Planer noch zeichneten, stieg die Zahl der Automobile rasant. In Offenbach quälten sich zu den Hauptverkehrszeiten lange Autoschlangen aus dem Ostkreis entlang des Dreieichparks Richtung Oberrad und Frankfurt. Die Berliner Straße und die südlichen Ringstraßen, heute Rückgrat für den Durchgangsverkehr, waren gerade einmal angedacht. Die A 661 wurde erst ein Jahrzehnt später eingeweiht. Und der Frankfurter Magistrat wartete mit dem Ausbau der Strahlenbergerstraße am Deutschherrenufer bis Ende der siebziger Jahre. Um den wachsenden Autoverkehr zu lenken, mussten Bund, Land und Kommunen improvisieren. Jedes noch so kleine Teilstück wurde sofort nach seiner Fertigstellung freigegeben, auch die ersten Teilabschnitte des Kaiserleikreisels.

Kaiserleibrücke und Hochstraße über den Kreisel
Kaiserleibrücke und Hochstraße über den Kreisel © Stadt Offenbach/Vermessungsamt

Eröffnung der Kaiserleibrücke

Die Verkehrsführung musste dann bald, lange bevor das Rondell endgültig gänzlich umrundet werden konnte, ihre erste Bewährungsprobe bestehen. Am 18. Dezember 1964 eröffnete der damalige Bundesverkehrsminister Dr.-Ing Hans Christoph Seebohm auf der Frankfurter Seite vor der lokalen Prominenz aus der gesamten Region und zahlreichen Bürgern im dichten Nebel die Kaiserleibrücke.

Diese Brücke war nicht nur das erste Teilstück der künftigen Autobahn in Richtung Darmstadt sondern auch die zentrale Verbindung aus dem Osten Frankfurts über den Main nach Offenbach. Freilich: Die Fahrbahnen des 220 Meter langen Fünf-Bogen-Überwegs, der  etwa 15 Millionen Mark (7,5 Mio. Euro)kostete, endeten unmittelbar im noch nicht fertig gestellten Kreisel. Über eine Rampe stiegen die Autos quasi ein Stockwerk tiefer.

Dieser Kreisel war in seinen Anfangstagen ein Provisorium. Sein fehlender nordwestlicher Abschnitt machte Gegenverkehr notwendig. „Die neuralgischen Punkte“ wurden von Verkehrsteilnehmern und Medien schnell identifiziert. An der Ab- und Zufahrt in die Offenbacher Innenstadt, die damals noch einzig über die verlängerte Goethestraße führte, mussten die Wagen an drei Stellen die Spur wechseln und die Fahrbahn im Kreisel kreuzen. Eine große Frankfurter Zeitung titelte: „Erzwungene Experimente auf Offenbacher Seite“. Und  im Herbst 1964 schrieb ein Frankfurter Journalist nach einer Fahrt durch die überhöhten Radien des Rondells: „Das Fahrzeug schleudert und wird immer schleudern“. Er hoffe inständig, dieses Provisorium werde bald verschwinden.

Ein Rondell - berühmt wie berüchtigt

Aber auch nach der Rundum-Freigabe am 18. Juni 1965 war der Kreisel Hauptunfallschwerpunkt in Offenbach. „Der Ruhmestraum, den man mit dem Europarekord von zweihundertfünfzig Meter Kreisdurchmesser verband, ist vom Alptraum der Verkehrsteilnehmer ausgelöscht worden“, bilanzierte die FAZ am 30. April 1970 mit leichtem Pathos.

Schon am 23. Juni 1965 meldete die Offenbach Post im Aufmacher „Es war kaum fünfzig Stunden rund gegangen als es zum ersten Mal schiefging“:  Ein Kleinlaster aus Frankfurt wurde bei der Einfahrt in das Rondell aus der Kurve getragen und prallte gegen eine Straßenlaterne. Ein Offenbacher schlitterte ebenfalls von der Fahrbahn und beklagte in den Medien eine Schadenshöhe von 700 Mark (350 Euro). Fünf ähnliche Unfälle sollen sich in diesen Stunden ereignet haben. Zweihundert kleinere und größere Unglücke  sind aus dem Jahr 1969 überliefert, die Bagatellschäden nicht mitgerechnet.

Als Unfallursache beklagten die Medien, die Zufahrt von der Strahlenbergerstraße in den Kreisverkehr sei zu „scharf“, die zuführenden Wege würden zu „kurzkurvig für normale Geschwindigkeiten“ einbiegen. Dem widersprach der Leiter der Offenbacher Schutzpolizei Karl Weber: „Die Einfahrt in den Kreisel ist aus Richtung Frankfurt völlig ungefährlich, wenn die Verkehrsregeln eingehalten werden“.

Das zuständige Straßenneubauamt Hessen-Süd wollte lediglich, die erhöhten Kurven abflachen. Sein Sprecher erklärte wenig diplomatisch: „Wer im Kreisel verunglückte, ist selbst dran schuld“. Aber nachdem die Wagenlenker serienweise über die drei Mittelstreifen rutschten, reagierten die Behörden fast hektisch mit Schildern, die die Geschwindigkeit von fünfzig auf vierzig und wenig später auf dreißig Stundenkilometer beschränkten. Blitzer überwachten das Tempo quasi rund um die Uhr. Sogar eine zusätzliche Untertunnelung des Rondells war vom Offenbacher Magistrat angedacht. Die Idee verlor sich aber wohl im Mainsand, auf dem Offenbach buchstäblich gebaut ist

Brücke über den Kreisel

Eine Reduzierung der Unfallhäufigkeit gelang erst sukzessive mit jeder fertiggestellten Zufahrt. Anfang September 1965 konnte die Freigabe der Verbindung zur Berliner Straße erfolgen, der neu errichteten Magistrale quer durch Offenbach. Am 28. November 1968 wurde das Autobahnteilstück zwischen dem Taunusring und dem Kreisel eröffnet und von den Repräsentanten aus Offenbach „mit Sekt begossen“, so die Frankfurter Neue Presse. Aber auch dieser autobahnähnliche Weg endete zu jener Zeit hinter einer steilen Abfahrt im Kaiserlei auf  Straßenniveau unmittelbar in den Radien des Kreisverkehrs.

Vollendet wurde das Werk erst am 17. Dezember 1972. An diesem Tag übergab der hessische Minister für Wirtschaft und Technik Heinz-Herbert Karry gemeinsam mit dem Offenbacher Oberbürgermeister Georg Dietrich – ein Jahr früher als geplant – ein 380 Meter langes Brückenbauwerk über den Kaiserleikreisel dem Verkehr.

„Ja, mir san mit´m Radl da“ tönte es aus den Lautsprechern als die kleine Eskorte mit den Offiziellen auf das noch jungfräuliche Straßenstück zufuhr. Die Brücke war der Lückenschluss zwischen der Kaiserleibrücke und der bereits fertiggestellten Fahrbahn zum Taunusring und somit ein Teilstück der geplanten Verbindung von Bad Homburg nach Darmstadt, die heute bei Egelsbach endet.

Die Brücke führte den Durchgangsverkehr auf eine zweite Ebene und entlastete so den Kreisel nachhaltig. Europas größtes Rondell, das im Jahr 1964 für viele Menschen noch überdimensioniert wirkte, hat heute wieder seine Kapazitätsgrenzen erreicht. Der Osten der Region boomt mit dem Einzug der Europäischen Zentralbank (EZB) auf beiden Seiten des Mains. Der Kaiserlei ist heute eine der ersten Adressen in der Region für Dienstleistungen und Gewerbe.

Rathauschefs besichtigen Standort: Petra Roth und Horst Schneider (vorne).
Rathauschefs besichtigen Standort: Petra Roth und Horst Schneider (vorne). © Stadt Offenbach

Entwicklung des Standorts

Die beiden Städte Frankfurt und Offenbach haben vereinbart, ihn gemeinsam zu entwickeln. Offenbachs Einwohnerzahl wächst. In unmittelbarer Nachbarschaft entsteht am Hafen ein neuer Stadtteil für Wohnen und Arbeiten. Bereits im Jahr 2013, also vor der Fertigstellung der Honsellbrücke an der Schnittstelle der beiden Kernstädte in Sichtweite der EZB passierten täglich 65.000 Autos den Kreisel. Eine Steigerung auf rund 94.000 Fahrzeuge ist prognostiziert.

Der Verkehrsknoten ist ein wichtiger Zubringer zum Frankfurter Flughafen. In den sechziger Jahren nutzten etwa 10 Millionen Passagiere den Airport. Heute sind es etwa 60 Millionen. Künftig soll eine Doppelkreuzung den Kreisel ersetzen und seine Aufgabe übernehmen. Der Verkehr Richtung Autobahn und nach Offenbach soll so entflochten und entzerrt werden. Davon profitieren nicht nur die Autofahrer.

Offenbach gewinnt über ein Hektar Fläche für die Ansiedlung von Unternehmen. Damit verbunden sind Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Somit wird der Kaiserleikreisel mit dem die Stadt Offenbach einen europaweiten Rekord hält nach kaum mehr als einem halben Jahrhundert als kleine Episode in der über tausendjährigen Stadtgeschichte enden.