Offenbach.de - Diese Seite ist das Portal der Stadt Offenbach. Hier finden Sie Informationen zu verschiedenen Themen, Veranstaltungen und Neuigkeiten der Stadt.
 

1858: Unterhosen für die Preussen - ein neues Rathaus für Offenbach

Offenbach, den 17.04.2008

„Die Stadt will das Stadthaus kaufen!“ Vor 150 Jahren war das ein beherrschendes Thema an den Stammtischen. Kurz vor dem Auslauf einer zehnjährigen Amtszeit suchte Bürgermeister Friedrich August Schäfer (1810-1889) ein neues Rathaus für die Stadt. Er fand es im einst fürstlichen „Stadthaus“ an der Frankfurter Straße.

Angelehnt an die Löwenapotheke stand es dort, wo der Aliceplatz sich zum heutigen Rathaus hin erweitert. Nach seinem Kauf konnte die „Mehlwaage“ auf dem Marktplatz abgerissen werden, in deren Obergeschoss von 1726 bis 1858 die Schultheißen und Bürgermeister ihres Amtes walteten.

Bis 1921 blieb das Haus an der Frankfurter Straße die Zentrale der Stadtverwaltung.. Dann erwarb die Stadt das Büsingpalais als neues Rathaus. Beide Gebäude zerstörte 1943 der Luftkrieg. Nur das Büsingpalais wurde zu anderer Nutzung wieder aufgebaut. Vom „Stadthaus“ blieb allein der leere Platz, der 1971 Rathaus-Vorplatz werden konnte, als die Stadtverwaltung an ihren früheren Standort zurückkehrte.

Entstanden ist das „Stadthaus“, nachdem 1766 auf der Höhe des Aliceplatzes das „Frankfurter Tor“ niedergelegt worden war. Wer durch dieses Tor die Stadt verließ, befand sich auf einem Holperweg zwischen Äckern und Wiesen.. Nun aber konnte dort gebaut werden, vom Aliceplatz bis an die Kaiserstraße..

Gewinnbringend engagierte sich ein Bauunternehmer aus Homburg vor der Höhe, der Haus neben Haus erstellte. Seine Abnehmer gehörten zur Oberschicht; die meisten standen dem fürstlichen Hof nahe. Das Haus, von dem wir reden, erwarb ein Geheimer Rat. Als er gestorben war, verkaufte die Witwe es 1783 an Fürst Wolfgang Ernst II. von Isenburg-Birstein. Er nutzte es als bequemes „Stadthaus“; sein Schloss am Main war ihm längst allzu unwirtlich geworden.

Wolfgang Ernst II., nicht mehr jung und gerade zum zweiten Mal verheiratet, brauchte Platz. 1791 kaufte er das gegenüber liegende Eckhaus am Aliceplatz und verlegte seine Wohnung dorthin. Im alten „Stadthaus“ verblieben Diener- und Gästewohnungen sowie die Küche.

Wolfgang Ernst starb 1803. Das Eckhaus wurde zum „Altfürstinhaus“, zum Witwensitz. Der neue Fürst Carl bevorzugte sein Palais an der Ecker Frankfurter und Kaiserstraße. Das nicht mehr benötigte „Stadthaus“ wurde verkauft an wechselnde Besitzer. Einer von ihnen stockte ein drittes Geschoss auf. 1858 griff die Stadt zu. 35.000 Gulden musste sie zahlen. Dann konnten Bürgermeister und Beamte einziehen, zeitweise auch Polizei, Handelskammer und Gericht. Als 1866 mit dem Schreckensruf „Die Preußen kommen!“ der „Deutsche Krieg“ entbrannte, suchte im „Stadthaus“ auch die Sparkasse etwas mehr Sicherheit.

An einem dieser Kriegstage stiegen am Rathaus preußische Husaren aus dem Sattel. In Hessen befanden sie sich in Feindesland. Barsch verlangte ihr Rittmeister nach Bürgermeister Hirschmann. Der war nicht zugegen, und so knöpfte der Rittmeister sich den Stadtsekretär Max Schmidt vor. Er verlangte frische Unterwäsche für seine Reiter: “Sie haften mit ihrem Kopf!“ Verstört hastete der Stadtsekretär Schmidt durch Offenbach. Von Haus zu Haus sammelte er Hemden und Unterhosen, um seinen Kopf zu retten..

1874 zog in das Haus der erste Berufs-Bürgermeister ein, der unbeliebte Norddeutsche Hermann Stölting. 1888 erhielt auf dem „Stadthof“ hinter dem „Stadthaus“ die Feuerwehr ein modernes Gerätehaus. Im Dezember 1890 leuchtete vor dem Stadthaus Offenbachs erste dauerhafte elektrische Straßenlaterne auf.

Betagte Offenbacher können sich noch erinnern an das dreigeschossige Amtsgebäude mit den Klappläden an den Fenstern, das einmal ein fürstliches Stadthaus war und dann diesen Namen in anderer Bedeutung trug: als Haus der Stadt. Vor allem erinnern sich jene, die täglich den Weg durch die seitliche Toreinfahrt zur „Oberrealschule auf dem Stadthof“ nahmen.. Über dieser Toreinfahrt, in einem ehemaligen Tanzsaal, hatte jahrelang der Gemeinderat getagt.

Nur noch in den Regalen des Stadtarchivs indes finden sich Erinnerungen daran, dass die Stadtverwaltung mit ihrem Rathaus an der Frankfurter Straße nicht lange zufrieden war. Am Anfang des 20. Jahrhunderts war die Rathaus-Frage zu einem Dauerbrenner geworden. Geprüft wurden Neubauten an der Kirchgasse, erweiternde Anbauten auf dem Stadthof und ein Neubau auf dem „Lagerhausplatz“ vor dem heutigen Ledermuseum.. Hätte nicht 1914 der Krieg erst einmal alles gestoppt, dann gäbe es dort möglicherweise kein Ledermuseum, sondern das Offenbacher Rathaus.

Von Lothar R. Braun