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DeutschSommer 2010: Endspurt im Landschulheim Wegscheide

Offenbach, den 06.01.2011

Ein bisschen Heimweh hat Mariam schon, aber die Tage sind aufregend genug, um das schnell wieder vergessen zu machen. Gemeinsam mit 11 anderen Grundschülern aus Offenbach nimmt die Neunjährige für eine Woche am „Endspurt des DeutschSommers“ im Landschulheim Wegscheide in Bad Orb teil. Ziel des DeutschSommers ist die deutliche Verbesserung des sprachlichen Verständnisses und Ausdrucks kurz vor dem Übergang in die - für die weitere Schullaufbahn wegweisende - vierte Klasse.

Die Fahrt führt durch einen tiefen Winterwald, vorbei an Häusern, die wie mit Puderzucker bestäubt in der Landschaft ruhen, an den Dachrinnen hängen dicke Eiszapfen. Drinnen ist es wohlig warm und später steht für die Kinder noch ein Ausflug in die weiße Pracht an. Jetzt allerdings sind alle hochkonzentriert bei der Sache: insgesamt vier Stationen haben sich die betreuenden Lehrkräfte ausgedacht, um die Grundschüler spielerisch in der Anwendung der deutschen Sprache zu trainieren. Jeweils zwei Theaterpädagogen, zwei Sozialpädagogen und zwei auf Deutsch als Zweitsprache („DAZ“) spezialisierte Lehrkräfte kümmern sich eine Woche intensiv um die Sprachkompetenz der 12 Grundschüler. Ursprünglich sollten 20 Schüler zur Wegscheide fahren, aber die für diese Jahreszeit typischen Erkältungskrankheiten ermöglichen den verbliebenen Kindern nun eine intensive Betreuung.

Literarische Grundlage ist das Märchen „Von der Fee, die Feuer speien konnte“ von Franz Führmann, anhand derer die Kinder Akkusativergänzungen üben. Mehmet würfelt gerade Sätze, mit jedem Wurf sind neue Kombinationen aus Subjekt, Prädikat und Objekt möglich: Die Fee rettet den Igel, der König sitzt im Dunkeln….zehn Sätze will er mindestens auf das Papier bringen, der interne Rekord liegt bei siebzehn. Dass er jetzt seine Ferien mit Deutschlernen verbringt, findet er nicht schlimm. Ganz im Gegenteil macht es ihm sichtlich Spass, gemeinsam mit den anderen die Spielstationen zu durchlaufen.
In einem anderen Raum werden die Sätze unter der Anleitung einer Theaterpädagogin szenisch dargestellt. Die anderen Endspurtler der Gruppe sollen die Sätze später erraten. Gar nicht so einfach, wie stellt man beispielsweise einen König dar, der im Dunkeln wohnt?

Nichts lässt an Schule denken, die Kinder sind interessiert und mit Freude dabei, ihre eigenen Ausdrucksfähigkeiten zu erproben. Manche von ihnen wachsen in einem Umfeld auf, in dem zwei Sprachen und mehr gesprochen werden, einen sicherer Umgang mit der deutschen Sprache konnten sie bisher noch nicht entwickeln. Aufgrund ihrer sprachlichen Defizite bleibt ihnen der Zugang zu schulischen Erfolgen oftmals verwehrt. Nicht mangelnde Intelligenz, sondern fehlende Sprachkenntnisse lassen viele Kinder an einer mathematischen Textaufgabe scheitern.

In der Kombination aus Theater und Unterricht lernen die Kinder ihre sprachlichen Ausdrucksfähigkeiten zu verbessern, das Zusammenleben in der Gruppe fördert zudem die soziale Kompetenz, bestätigt auch DAZ-Kraft Sandy Schulz. Sie hat mit ihren Kollegen auch die Spielstationen entwickelt, die am Nachmittag auf die Kinder warten. Dem Wetter entsprechend gibt es dann eine Grammatikwinterolympiade mit Disziplinen wie Akkusativ-Hockey und Dativ-Rodeln. Dabei können die Kinder, wie bei allen anderen Stationen Sterne sammeln, die auf einem großen Plakat gesammelt werden. Maximal drei Sterne lassen sich an einem Tag gewinnen, am Ende der Woche darf der Gewinner sich als erster etwas aus der Schatzkiste aussuchen.
Neben dem Plakat hängt auch die Liste mit den Regeln der Gruppe für die gemeinsame Zeit. Diese wurden von allen zusammen verfasst und jeder hat unterschrieben.

Jeden Tag stehen morgens 45 Minuten Theater und 90 Minuten Deutschunterricht und nachmittags 90 Minuten Theater und 45 Minuten Deutsch auf dem Stundenplan. Den Tag beginnt die Gruppe mit dem „Geräusch des Tages“, heute mussten die Kinder eine brühende Kaffeemaschine erkennen. Den ganzen Tag über wird gesprochen, gesungen, geschrieben oder gelesen. Am besten gefällt Marikah die Märchenstunde am Abend, wenn aus einem Buch vorgelesen wird. Kein Telefon, kein Fernsehen, aber eine große Auswahl Bücher liegt für die Kinder bereit. Die Stadtbücherei Offenbach hat diese für die Woche zur Verfügung gestellt und abends darf sich jeder ein bis zwei Bücher aussuchen und lesen.

Insgesamt sind rund 160 Kinder beim Endspurt des Deutschsommers auf der Wegscheide dabei. Am dreiwöchigen DeutschSommer nahmen insgesamt 255 an vier Projektstandorten an den Sprachferien teil. Jetzt sind es rund 100 Kinder aus Frankfurt, 12 aus Offenbach und jeweils 10 bis 15 aus Wiesbaden und Hanau, die eine Woche ihrer Weihnachtsferien auf der Wegscheide verbringen und ihre Sprachkenntnisse vor Beginn des zweiten Halbjahres vertiefen und ausbauen können.
Ebenso wie in Offenbach nahmen auch Wiesbaden und Hanau 2010 erstmals am DeutschSommer teil. In Frankfurt wird das Projekt bereits zum vierten Mal von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft mit Partnern durchgeführt.

Sieben der vierzehn Grundschulen Offenbachs haben sich beim ersten DeutschSommer beteiligt und nach dem guten Start des Projektes in Offenbach ist Bildungsdezernent Paul-Gerhard Weiß optimistisch: „Unsere Erfahrungen aus dem Sommer waren bereits rundum positiv. Die Kinder waren von dem Programm begeistert und konnten ihre Sprachkenntnisse verbessern. Nun haben sie im Endspurt die Chance, sich vor Ablauf des ersten Halbjahres nochmals ihren Klassenlehrern zu beweisen, bevor die Empfehlung für die weiterführende Schule ausgesprochen wird. Ich bin sicher: die Kinder werden diese Chance nutzen.“

Finanziert werden die Sprachangebote durch die Stadt Offenbach (30.000,- €), die Dr. Marschner Stiftung (30.000,- €) und das Hessische Kultusministerium (30.000,- €). Auch das Staatliche Schulamt und das Deutsche Jugendherbergswerk-Landesverband Hessen e.V. unterstützen den DeutschSommer in Offenbach. Regionalpartner sind die Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main, die das Projektformat zur Verfügung stellt sowie die Deutsche Bank Stiftung, die die Koordinationskosten (Kosten des Projektbüros) übernimmt.

weitere Bilder:
Sternchen-Liste der Endspurt-Teilnehmer
Sternchen-Liste der Endspurt-Teilnehmer
Buchauswahl der Stadtbücherei für Leseabende
Buchauswahl der Stadtbücherei für Leseabende