Erziehungs- und Bildungsbericht in Offenbach: Sprache ist Schlüssel zum Bildungserfolg
Offenbach, den 12.02.2010, letzte Bearbeitung: 15.02.2010Sprachförderung bleibt in Offenbach weiterhin ein zentrales Element aller Anstrengungen im Bildungssektor. Das geht aus dem fünften Bericht „Erziehung und Bildung in Offenbach“ für das Berichtsjahr 2008 hervor, den der Magistrat nun vorgelegt hat, und der in Kooperation städtischer Ämter mit dem Staatlichen Schulamt entstanden ist. Sprachförderung bedeutet nicht allein, Kinder – sowohl deutscher als auch nicht-deutscher Herkunft – bereits in den städtischen Kindertagesstätten systematisch beim Erlernen der deutschen Sprache zu unterstützen, um so ihren Schulerfolg zu sichern und ihre Zukunftschancen zu erhöhen. Sprachförderung bedeutet zunehmend auch, muttersprachliche Kompetenzen anzuerkennen und auszubauen.
Die Zahl der Kinder, die in Kitas der Stadt Offenbach Sprachförderung erhalten, ist zwischen 2006 und 2008 von 1341 auf 1533 gestiegen. Die Stadt verhandle weiter mit den freien Trägern, dass auch in deren Kindertagesstätten Sprachförderung angeboten werde, so Bürgermeisterin und Jugenddezernentin Birgit Simon. In Kitas freier Träger gebe es aktuell 84 Plätze für Sprachförderung, ergänzt Jugendamtsleiter Hermann Dorenburg.
Längst ist unstrittig, dass Sprachförderung nicht allein Kindern aus Einwandererfamilien zugute kommen soll, sondern auch Kindern aus deutschsprachigen Familien, deren Kenntnisse aus verschiedenen Gründen für die Schule nicht ausreichen.
Der Magistrat möchte den Erziehungs- und Bildungsbericht perspektivisch stärker als Steuerungsinstrument nutzen. Stärker noch als bisher, soll das Erreichen selbst gesteckter Bildungsziele anhand des EBO überprüft werden, sollen Defizite festgestellt und Maßnahmen zu deren Beseitigung daraus abgeleitet werden. Ein Ziel, das Bürgermeisterin Simon mit Sprachförderung verbindet, ist, dass mehr Kinder aus Einwandererfamilien das Gymnasium besuchen. Für 2008 hält der EBO fest: In den Klassenstufen fünf bis zehn besuchen 47 Prozent aller deutschen Schüler das Gymnasium, aber nur 24 Prozent der Schüler ohne deutschen Pass.
Für Bildungsdezernent Paul-Gerhard Weiß ist wichtig, dass gleichzeitig die Anerkennung der muttersprachlichen Kompetenzen steigt. Die Volkshochschule Offenbach hat im Rahmen der Initiative hessencampus Tests entwickelt, um die Kompetenz im Umgang mit der Herkunftssprache festzustellen. 2008 gab es solche Tests zunächst in Türkisch, Italienisch und Bosnisch. 2009 kam erstmals Arabisch hinzu. Was 2007 als Pilotprojekt mit zehn Schülern der Theodor-Heuss-Schule begann, wurde 2008 mit inzwischen 49 Teilnehmern fortgesetzt. Die Vhs berät Absolventen des Sprachtests in der Frage, wie sie weitergehende Zertifikate erwerben können. Laut Vhs-Leiterin Dr. Gabriele Botte, geht dieser Prozess aber nur in kleinen Schritten voran. Denn es sei nicht einfach, die Tests zu entwickeln und geeignete Prüfer zu finden. „Diese Zertifikate stellen zum einen eine Anerkennung des kulturellen Hintergrunds von Migrantinnen und Migranten dar und sie lassen sich in einer globalisierten Welt auch beruflich gut verwerten“, so Paul-Gerhard Weiß. Die Muttersprache zu sichern und so die Berufsaussichten zu verbessern, ist aus Sicht von Bürgermeisterin Birgit Simon ein Prozess, der bereits in der Schule ansetzen muss - durch die Ausweitung von muttersprachlichem Unterricht und bilingualen Konzepten. Seit dem Schuljahr 2009/2010 gibt es in Offenbach eine Grundschule mit mehrsprachigem Konzept in privater Trägerschaft, nämlich die Erasmus-Grundschule, wo die Kinder ab der ersten Klasse in Deutsch und Englisch lernen, ab der zweiten Klasse kommt Spanisch hinzu. Laut Bildungsdezernent Weiß besteht der Anspruch, ein solches Angebot auch an öffentlichen Schulen zu etablieren. Die Friedrich-Ebert-Schule habe entsprechendes Interesse bekundet. Muttersprachlichen Unterricht gibt es inzwischen vermehrt an Offenbacher Schulen.
Der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund und auch an sozial schwachen Familien sei in Offenbach deutlich höher als überall sonst in Hessen. Nirgends sonst im Land sei die Sozialstruktur im Hinblick auf die Bildungsvoraussetzungen so problematisch wie in Offenbach, so Dr. Volker Stürzer vom Staatlichen Schulamt. Dennoch bildeten Offenbacher Schüler bei Prüfungen oder Wettbewerben landesweit nie das Schlusslicht, sondern lägen stets etwa im Mittelfeld - ein Beleg auch für das besondere Bildungsengagement der Stadt. Sie baue Schulen um und aus zu Orten, an denen die Kinder und Jugendlichen gerne lernen, investiere erheblich in den Ganztagsbetrieb und leiste Sprachförderung.
Aber Offenbach brauche mehr finanzielle Unterstützung, ergänzt Stadtrat Weiß. „Hier ist die Situation grundlegend anders als im ländlichen Raum: Hier leeren sich die Grundschulen nicht – im Gegenteil.“ Wegen der absehbar ansteigenden Schülerzahlen brauche die Stadt im Nordend eine zusätzliche Grundschule. „Und wir brauchen eine verstärkte Lehrerzuweisung, die unseren Sozialstrukturindex berücksichtigt“, so Weiß. Auch beim Ausbau der Schulen für den Ganztagsbetrieb bedürfe es auf Landesebene zusätzlicher Förderprogramme. „Sonst stoßen wir als Schulträger an unsere Grenzen.“
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