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Produktionsschulen geben Jugendlichen eine zweite Chance

Offenbach, den 26.01.2011, letzte Bearbeitung: 27.01.2011

Kooperation, fachliche Kompetenz und Zuverlässigkeit: diese Attribute sind im Berufsleben unabdingbar und müssen doch erst erlernt werden. 1995 wurde in Offenbach die erste Produktionsschule eingerichtet, seit 2004 wurde das Spektrum auf weitere Fachrichtungen ausgeweitet. Ob der Aufbau von Flightcases, Raumgestaltung, Hauswirtschaft - das Angebot der Produktionsschulen geht über die formale Qualifikation des Schulabschlusses hinaus.

Denn die Produktionsschulen unterstützen Jugendliche, die im System Regelschule versagten, mit einem besonderen Förderangebot aus der Kombination von praktischer Arbeit und schulischem Lernen. Im günstigen Fall stehen am Ende der zwölfmonatigen Produktionsschule ein Hauptschulabschluss und ein qualifiziertes Arbeitszeugnis. Die Bilanz des Schuljahres 2009/2010 kann sich sehen lassen: von 84 Jugendlichen verließen 67 die Produktionsschule mit einem qualifizierten Hauptschulabschluss in der Tasche, 14 brachen ab und 3 verblieben in der Maßnahme.

Dass die Produktionsschule eine echte Chance darstellt, haben auch Büsra Cagrici und Abdul Bhatti erkannt. Die beiden Jugendlichen besuchen seit letztem Sommer die Produktionsschule Start. Abdul Bhatti hatte bereits eine kleine Karriere als Schulverweigerer hinter sich, mehrere Schulverweise lagen hinter ihm, aber seit dem Besuch der Produktionssschule konnte er eine berufliche Perspektive entwickeln: Einzelhandelskaufmann will er werden und dafür konzentriert er sich nun voll und ganz auf das Erlangen des Schulabschlusses. „Denn“, so Bhatti, „in der Schule hat es niemanden interessiert, ob ich da bin, Hier ruft gleich jemand an und will wissen, wo ich bin.“ Das bestätigt auch Büsra Cagrici, die im Gastronomieprojekt des Start-Projektes arbeitet: „Wenn in der Küche jemand fehlt, funktioniert es nicht mehr. Es kommt auf jeden Einzelnen an.“ Nach einem ersten Gespräch mit dem Leiter des Start-Projektes, Frank Schobes, dachte sie, nachdem sie das Wort Produktionsschule hörte, sie müsse nun im Lager arbeiten. Aber bereits in der Probewoche gefiel ihr die konkrete Arbeit gut und nach dem Jahr möchte sie nun eine Ausbildung beginnen.

Frank Schobes kennt diesen ersten Eindruck gut. Er nimmt sich Zeit, hört zu und versucht, die Jugendlichen ihren Interessen und Fähigkeiten entsprechend unterzubringen. Insgesamt 80 Plätze stehen inzwischen zur Verfügung, im Verbund mit GOAB und dem Gelben Haus können die Jugendlichen betriebliche Erfahrungen im Bereich Gastronomie, Betriebsbekleidungsservice, Flightcases-Bau und Raumgestaltung erlangen. Jede Produktionsschule verfügt über 12 bis 15 Plätze, die Jugendlichen werden von einem Pädagogen und einem Fachreferenten betreut – die Vermittlung des Schulstoffes findet im Projekt statt. Die ständige Rückkopplung des Gelernten und dessen konkrete Anwendung bezeichnet auch Markus Hansen von der Initiative Arbeit im Bistum Mainz als die „Seele der Produktionsschule“. Er ist Geschäftsführer des Gelben Hauses, das in der Produktionsschule Verkauf Jugendlichen über den dem gastronomischen Ausbildungsbetrieb INA angeschlossenen Laden praktisches Wissen und echten Kundenkontakt vermittelt. „Die Themen des Unterrichts“, so Hansen, „ergeben sich dabei oftmals aus der Praxis“: beispielsweise lande man bei der Fragestellung nach dem Haltbarkeitsdatum beziehungsweise der Frage „warum werden Waren schlecht ?“ unweigerlich bei den Naturwissenschaften. Und bei Rabattaktionen im Laden sei die Anwendung des Dreisatzes unabdingbar. Damit die Jugendlichen ihre Kenntnisse und Fähigkeiten ausbauen können, plant Hansen einen Verkaufsstand auf dem Wochenmarkt: bereits der Marktbeginn um 6 Uhr sei für viele Jugendliche schon eine Herausforderung für sich.

„Das wiederum stärkt auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten“, weiß Thomas Iser, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit, aus Gesprächen mit Jugendlichen. Für ihn sind die Produktionsschulen eine Erfolgsmodell. „Eine der aufwendigeren Maßnahmen, aber eine lohnende Investition“, resümiert Dr. Matthias Schulze Böing, Amt für Arbeitsförderung, Statistik und Integration und betont die Relevanz dieses Systems der zweiten Chance. Immerhin 960 EURO kostet ein Platz im Monat. Andererseits müssen die Produktionsschulen Umsätze erwirtschaften, die Vorgabe liegt bei mindestens 10 Prozent. Im vergangenen Jahr haben die Produktionsschulen sogar 22 Prozent der Maßnahmenkosten selbst erwirtschaftet.
Zudem ermöglichen die Produktionsschulen Jugendlichen eine Perspektive jenseits von unqualifizierten Tätigkeiten und SGBII: denn 65 Prozent der Jugendlichen setzen im Anschluss ihre Ausbildung erfolgreich fort, in einer Lehre oder einer weiterführenden Schule. „Die Kombination aus lernen und arbeiten motiviert und schafft Perspektiven,“ lautet denn auch das Fazit von Bürgermeisterin Birgit Simon: „.Das Projekt hat sich bewährt und muss weitergehen.“