1708: Beginn in der Judengasse
Offenbach, den 22.04.2008Aufstieg, Vernichtung und Wiedergeburt der Judengemeinde: Ein geordnetes jüdisches Gemeindeleben beginnt in Offenbach mit dem Statut und dem Synagogenbau von 1708. Das ist die Zeit, in der auch die französischen Hugenotten in Offenbach Entfaltungsraum fanden.
Eine Freiheit, die Katholiken immerhin noch 90 Jahre lang verwehrt blieb. Sie durften erst 1798 Gottesdienste halten, und auch dann noch ohne Glockengeläute und Prozessionen.
Es ist wohl der frischen Luft aus der Französischen Revolution zu verdanken, dass im Fürstentum Isenburg mit seiner Hauptstadt Offenbach 1803 der „Leibzoll“ aufgehoben wurde, der Juden mit einer Sondersteuer belastete. Dass es früher geschah als in den meisten deutschen Ländern wird freilich auch dem „Hofagenten“ Wolf Breidenbach und seinem Einfluss auf den Fürsten zugeschrieben. Sein Grabmal auf dem Alten Friedhof ist bis heute erhalten.
Eine bettelarme Minderheit kann die Offenbacher Judengemeinde trotz des Leibzolls nicht gewesen sein. Als 1721 bei einem Brand in der Judengasse die Synagoge vernichtet wurde, gelang der Wiederaufbau nach acht Jahren.
Zu Ende des 19. Jahrhunderts hat sich unter den Offenbacher Juden sogar eine Zwei-Klassen-Gesellschaft herausgebildet. Das arrivierte, bürgerliche Judentum, häufig religiös liberal und politisch stramm konservativ orientiert, distanzierte sich mit Unbehagen von eingewanderten „Ostjuden“. Ärmlich gekleidet im Habit ihrer Tradition und zudem von orthodoxer Religiosität, beschädigte diese Gruppe das Bild, das die Arrivierten von sich selber hatten und der Umwelt bieten wollten.
Es waren denn auch vornehmlich die Bürgerlichen, die im Kriegsjahr 1916 die Einweihung der neuen Synagoge an der Goethestraße feierten, mit schwarzweißroten Fahnen und Gebeten für den Kaiser und den Sieg der deutschen Waffen. Das triumphal ausgelegte Gebäude konnte im Gottesdienst-Raum 800 Personen aufnehmen. Er verfügte über eine Orgel, die dem Orthodoxen ein Greuel ist. Angegliedert war ein Gemeindehaus mit Veranstaltungsräumen, Schulräumen und Büros. Die alte Synagoge in der nun Große Marktstraße genannten Judengasse wurde verkauft. Offenbacher der mittleren Generation haben sie noch als Kino erlebt.
Die neue Synagoge freilich blieb nicht lange Gotteshaus. Beim Novemberpogrom 1938 hat der Mob sie verwüstet. Das Gebäude indes wurde geschont. 1941 richteten die nationalsozialistischen Beutemacher darin ihr „Nationaltheater“ ein, ein Haus für Kino, Theater, Konzerte und politische Feierstunden. 22 Tage lang lief dort im Mai 1942 der berüchtigte Hetzfilm „Jud Süß“. Er war ein Publikumserfolg.
Im selben Jahr, im September, begann die große Deportation in die Vernichtungslager, öffentlich deklariert als „Wohnsitzverlegung ins Generalgouvernement“. Der letzte Gemeinderabbiner Dr. Max Dienemann und der Vorsitzende und spätere Ehrenbürger Dr. Siegfried Guggenheim hatten schon nach dem Novemberpogrom 1938 Schutz im Ausland gefunden. Wer die Möglichkeit der Rettung hatte, war 1942 nicht mehr in Offenbach.
Eine Volkszählung im Jahr 1939 ermittelte unter rund 85000 Offenbachern noch 580 „Glaubensjuden“. Vielfach waren das in „Judenhäuser“ eingewiesene Bürger von Nachbargemeinden. Als nach dem Krieg, im Juli 1945, an der Kaiserstraße eine Notsynagoge geweiht wurde, zählte die neue Gemeinde zwölf Köpfe: Überlebende, Zurückgekehrte und heimatlos gewordene Zuwanderer aus den Baracken der Todeslager
Offenbach – Ein geordnetes jüdisches Gemeindeleben beginnt in Offenbach mit dem Statut und dem Synagogenbau von 1708. Das ist die Zeit, in der auch die französischen Hugenotten in Offenbach Entfaltungsraum fanden. Eine Freiheit, die Katholiken immerhin noch 90 Jahre lang verwehrt blieb. Sie durften erst 1798 Gottesdienste halten, und auch dann noch ohne Glockengeläute und Prozessionen.
Es ist wohl der frischen Luft aus der Französischen Revolution zu verdanken, dass im Fürstentum Isenburg mit seiner Hauptstadt Offenbach 1803 der „Leibzoll“ aufgehoben wurde, der Juden mit einer Sondersteuer belastete. Dass es früher geschah als in den meisten deutschen Ländern wird freilich auch dem „Hofagenten“ Wolf Breidenbach und seinem Einfluss auf den Fürsten zugeschrieben. Sein Grabmal auf dem Alten Friedhof ist bis heute erhalten.
Eine bettelarme Minderheit kann die Offenbacher Judengemeinde trotz des Leibzolls nicht gewesen sein. Als 1721 bei einem Brand in der Judengasse die Synagoge vernichtet wurde, gelang der Wiederaufbau nach acht Jahren.
Zu Ende des 19. Jahrhunderts hat sich unter den Offenbacher Juden sogar eine Zwei-Klassen-Gesellschaft herausgebildet. Das arrivierte, bürgerliche Judentum, häufig religiös liberal und politisch stramm konservativ orientiert, distanzierte sich mit Unbehagen von eingewanderten „Ostjuden“. Ärmlich gekleidet im Habit ihrer Tradition und zudem von orthodoxer Religiosität, beschädigte diese Gruppe das Bild, das die Arrivierten von sich selber hatten und der Umwelt bieten wollten.
Es waren denn auch vornehmlich die Bürgerlichen, die im Kriegsjahr 1916 die Einweihung der neuen Synagoge an der Goethestraße feierten, mit schwarzweißroten Fahnen und Gebeten für den Kaiser und den Sieg der deutschen Waffen. Das triumphal ausgelegte Gebäude konnte im Gottesdienst-Raum 800 Personen aufnehmen. Er verfügte über eine Orgel, die dem Orthodoxen ein Greuel ist. Angegliedert war ein Gemeindehaus mit Veranstaltungsräumen, Schulräumen und Büros. Die alte Synagoge in der nun Große Marktstraße genannten Judengasse wurde verkauft. Offenbacher der mittleren Generation haben sie noch als Kino erlebt.
Die neue Synagoge freilich blieb nicht lange Gotteshaus. Beim Novemberpogrom 1938 hat der Mob sie verwüstet. Das Gebäude indes wurde geschont. 1941 richteten die nationalsozialistischen Beutemacher darin ihr „Nationaltheater“ ein, ein Haus für Kino, Theater, Konzerte und politische Feierstunden. 22 Tage lang lief dort im Mai 1942 der berüchtigte Hetzfilm „Jud Süß“. Er war ein Publikumserfolg.
Im selben Jahr, im September, begann die große Deportation in die Vernichtungslager, öffentlich deklariert als „Wohnsitzverlegung ins Generalgouvernement“. Der letzte Gemeinderabbiner Dr. Max Dienemann und der Vorsitzende und spätere Ehrenbürger Dr. Siegfried Guggenheim hatten schon nach dem Novemberpogrom 1938 Schutz im Ausland gefunden. Wer die Möglichkeit der Rettung hatte, war 1942 nicht mehr in Offenbach.
Eine Volkszählung im Jahr 1939 ermittelte unter rund 85000 Offenbachern noch 580 „Glaubensjuden“. Vielfach waren das in „Judenhäuser“ eingewiesene Bürger von Nachbargemeinden. Als nach dem Krieg, im Juli 1945, an der Kaiserstraße eine Notsynagoge geweiht wurde, zählte die neue Gemeinde zwölf Köpfe: Überlebende, Zurückgekehrte und heimatlos gewordene Zuwanderer aus den Baracken der Todeslager.
Von Lothar R. Braun
Offenbach.de
Stadtwerke Offenbach Holding
Energieversorgung Offenbach AG
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