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Die vertikale Sicht auf die Stadt – der Sozialbericht 2009

Offenbach, den 15.11.2010, letzte Bearbeitung: 19.11.2010

Im bevölkerungsstärksten statistischen Bezirk, in Bieber, wohnen knapp 11.400 Menschen zwischen 0 und 64 Jahren. 16,1 Prozent, also fast jeder sechste von ihnen, bezieht Leistungen aus dem Grundsicherungssystem Sozialgesetzbuch SGB II (Grundsicherung für Arbeitssuchende). Diese mit SGB II-Quote bezeichnete Kennziffer ist definiert als Anteil der Empfänger von Grundsicherungsleistungen für Arbeitssuchende an der 0-64-jährigen Wohnbevölkerung. In dem mit knapp 9.300 Menschen zwischen 0 und 64 Jahren am zweitstärksten bewohnte Bezirk Lauterborn bezieht fast jeder vierte Leistungen nach SGB II. In den innerstädtischen Bezirken Messehalle, Wilhelm- und Mathildenschule gibt es noch höhere SGB II-Quoten. Gegenüber 2006 gilt aber: Die meisten statistischen Bezirke weisen heute weniger Bewohner im SGB-Bezug auf als noch vor vier Jahren.

Ausschnitt aus dem pdf "Statistischen Bezirke SGB II 2009"
Ausschnitt aus dem pdf "Statistischen Bezirke SGB II 2009"

Wo muss man genauer hinschauen? Welche Maßnahmen waren erfolgreich? Wie sieht die Entwicklung der Stadt mit vergleichbaren Kommunen aus? Bürgermeisterin Birgit Simon stellte am Montag zusammen mit Dr. Matthias Schulze-Böing, Leiter des Amtes für Arbeitsförderung, Statistik und Integration, und Ralf Theisen, als Sozialplaner zuständig für den Bereich Soziale Stadtentwicklung und Sozialplanung, den Sozialbericht 2009 vor. Dieser gibt Auskunft über Umfang und Bedeutung der Leistungen aus den beiden Grundsicherungssystemen SGB II und SGB XII.

Zugenommen hat der Anteil der Personen, die Leistungen aus dem Grundsicherungssystem des SGB XII (Sozialhilfe) beziehen. 2.595 Bedarfsgemeinschaften mit 2.848 Leistungsempfängern erhielten 2009 Hilfen zum Lebensunterhalt (239 Bedarfsgemeinschaften), aber auch Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung (2.005 Bedarfsgemeinschaften). Bürgermeisterin Birgit Simon sieht den Anstieg in längeren Pflege- und Betreuungszeiten von alten und pflegebedürftigen Menschen, aber auch in den teilweise geringen Rentenbezügen begründet. Innerhalb von Einrichtungen stiegen die Empfängerzahlen um drei Prozent (Plus 17 Personen), Hilfen in besonderen Lebenslagen erhielten 13,5 Prozent aller Bedarfsgemeinschaften.

Die Auswirkungen der Finanzkrise, die als Immobilien-Krise in den USA begann, haben sich zeitversetzt auch im Sozialbericht der Stadt Offenbach - vor allem im Bereich des SGB II, dem Grundsicherungssystem für Arbeitssuchende - niedergeschlagen: Während die Zahl der Bedarfsgemeinschaften bis 2008 abnahm, waren Ende 2009 18.964 Leistungsempfänger in über 8.747 Bedarfsgemeinschaften registriert, von denen zwei Drittel wiederum erwerbsfähig waren. Knapp 95 Prozent in der Gruppe der nichterwerbsfähigen Leistungsempfänger waren Kinder bis 14 Jahren, insgesamt rund 6000 Kinder. Die Stadt will ihre Anstrengungen weiter erhöhen, um diesen Kindern zumindest Chancengleichheit zu ermöglichen. Entsprechend kritisch bewertet Simon in diesem Zusammenhang die Bildungschipkarte, die der Gesetzgeber ab 1. Januar 2011 bundesweit zur Förderung von Kindern aus sozialschwachen Familien einführen will. Bisher seien weder die konkreten Inhalte noch die Rahmenbedingungen klar definiert. Simon würde das Geld lieber in die Ausgestaltung der bestehenden Zusammenarbeit zwischen Familienservice und Jugendamt investieren, denn dort sei man sehr nah an den Familien dran und könne wesentlich gezielter Maßnahmen zur Förderung der Kinder ergreifen.

Viele Kinder und ein großer Niedriglohnsektor: Matthias Schulze-Böing bezeichnet die Tatsache, dass es in Offenbach mit durchschnittlich 2,1 Mitgliedern große Bedarfsgemeinschaften gibt, durchaus als ein Strukturmerkmal der Stadt. Rund 3.500 Familien gibt es in der Stadt, die meist über ein niedriges Einkommen und keinen ausreichenden und bezahlbaren Wohnraum verfügen. Rund ein Viertel der 12.586 erwerbsfähigen SGB II-Bezieher sind sogenannte „Aufstocker“, die mit dem Arbeitslosengeld II eine Grundsicherungsleistung für Erwerbstätige erhalten. Auf 36,4 Prozent (4.584 Personen) gestiegen ist der Anteil der Arbeitslosen unter den erwerbsfähigen Hilfeempfängern. Jeder zweite erwerbsfähige SGB II-Bezieher ist Ausländer (6.288 Personen). Kleine Erfolge ließen sich im Bereich der Vermittlung der unter 25 jährigen erwerbsfähigen Jugendlichen verbuchen: von 2.291 Personen in 2008 sank deren Zahl bis Ende Dezember 2009 auf 2.237 Personen.

Zahlreiche Instrumente flankieren die Maßnahmen der Kommune zur Aktivierung und Integration in Erwerbsarbeit, wie Kinderbetreuung, Schuldnerberatung, psychosoziale Hilfe, aber auch Orientierung und Eignungsfeststellung. Dabei gehe es immer darum, ein realistisches Modell zu finden. Dies gelte, so Simon, vor allem für Jugendliche.

Mit einer Aktivierungsquote (Anteil der durch eine Maßnahme geförderten erwerbsfähigen SGB II-Bezieher) von 29 Prozent liegt Offenbach unter deutschlandweit vergleichbaren Städten an der Spitze. Unter diesen Städten (wie Köln oder Hamburg) hat Offenbach mit 19,5 Prozent jedoch die vergleichsweise höchste SGB II-Quote. Dies ist ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr (19,3 Prozent).

Im Vergleich mit hessischen Großstädten weist Offenbach mit 37,4 Prozent eine kürzere Verweildauer von Langzeit-Leistungsbeziehern im SGB II auf, Frankfurt liegt hier bei 42,3 und Wiesbaden bei 44,9 Prozent.