Kulturpreisträgerin Gabriele Juvan: "Offenbach - ein klitzekleiner Ort auf dieser Welt, aber mit einem sehr weiten kulturellen Horizont"
Offenbach, den 23.01.2007, letzte Bearbeitung: 18.06.2008Gabriele Juvan ist die Kulturpreisträgerin der Stadt Offenbach 2006. Die Künstlerin konzentriert sich in ihrem Schaffen auf die Entstehung von Kommunikation im öffentlichen Raum. Im Gespräch mit Online-Redakteur Peter Kropp zeigt sich die überzeugte Wahl-Offenbacherin überrascht von der Entscheidung der Jury, freut sich über die große Anerkennung und spricht über ihre Projekte und ihr Verhältnis zu Offenbach.
Online-Redaktion: Frau Juvan, Sie sind die Kulturpreisträgerin der Stadt Offenbach 2006. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung und wie haben Sie von der Entscheidung der Jury erfahren?
Gabriele Juvan: Der Anruf von Oberbürgermeister Schneider hat mich total überrascht. Ich habe nichts geahnt und war total perplex. Die Entscheidung der Jury und der externen Befürworter freut mich sehr. In rund 20 Jahren kontinuierlicher künstlerischer Arbeit gibt es natürlich auch immer wieder Durststrecken. Je länger ich davon weiß, desto mehr spüre ich, wie mir der Preis den Rücken stärkt. Eine solche Auszeichnung in einer Stadt, in der man lebt und arbeitet, mit der man sich verbunden fühlt ist eine riesige Anerkennung.
Online-Redaktion: Sie bezeichnen Ihre Räumlichkeiten nicht als Atelier, sondern als „Büro Gabriele Juvan, Menschen, Begegnungen, Dialoge“...
Gabriele Juvan: Ja, das ist Programm. Ich arbeite als Künstlerin bewusst als „Büro“, weil diese großen Kommunikationsprojekte Prozesse sind, die über wenigstens ein bis zwei Jahre laufen, bis tatsächlich ein Ereignis stattfindet. Meine Arbeit versucht, möglichst viele Menschen einzubinden, die im normalen Leben gar nichts mit Kunst zu tun haben. Eine Idee muss so bestechend oder witzig sein, dass wie bei ein „Dach für Offenbach“ rund 100 Leute sagen: „Wir bauen am Samstag ein symbolisches Dach über den Wilhelmsplatz, da geh ich mal hin und helfe mit.“ „Büro“ steht dafür, dass es eben nicht um einen einzelnen Menschen geht, der ein einzelnes Bild aus sich selbst herausholt, sondern dass an diesem flüchtigen Bild viele Menschen beteiligt sind.
"Kunst ist sehr weit vorne"
Gabriele Juvan: Politisch vielleicht nicht, aber auf jeden Fall gesellschaftlich. Ich denke schon, dass Künstlerinnen und Künstler einen Beitrag zu dem leisten, wo eine Gesellschaft steht und wohin sie sich vielleicht weiterentwickeln kann oder weiterentwickelt. Kunst ist sehr weit vorne, der Sensor für das, was sich in der Gesellschaft tut und auch verändert.
Online-Redaktion: Sie sind international viel unterwegs. Was verbindet Sie mit den Offenbacher Menschen und wie sehen Sie ihre Projekte in dieser Stadt im Vergleich zu den Auswärtigen?
Gabriele Juvan: „Das Fünf Städte Projekt“ lief von 1992 bis 1999 in Frankfurt, New York, Prag, Moskau und Tokio. In dieser Zeit habe ich noch in Frankfurt gewohnt und bin mit dem Atelier nach Offenbach gekommen. Das Projekt hat sich damit beschäftigt, was passiert, wenn ein einzelner Mensch die Möglichkeiten, die sich in einer globalen Gesellschaft auftun, wirklich in Anspruch nimmt. Wenn ich also mit einer Gruppe von Leuten von außerhalb und mit einer Gruppe von Leuten von vor Ort in einer Stadt wie Tokio einen Kunst- und Begegnungsort auf Zeit schaffe, der keine etablierte Galerie und kein Museum ist. Was passiert, wenn ein kleiner Mensch die Möglichkeiten der großen weiten Welt ernst nimmt? Als ich danach das erste Mal bewusst in Offenbach angekommen bin, habe ich gemerkt, dass Offenbach ein klitzekleiner Ort auf dieser Welt ist, aber als Stadt einen sehr weiten kulturellen Horizont hat durch die Menschen aus 137 Nationalitäten, die damals laut Einwohnerstatistik hier lebten. So ist das Projekt „Ein Dach für Offenbach“ entstanden – als unmittelbar umgekehrter Ansatz des „Fünf Städte Projekts“. Bei beiden geht es um eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie man als Individuum zwischen verschiedenen Ländern und Kulturen leben kann. Das tun in unserer Zeit ja viele Menschen, egal ob freiwillig und unfreiwillig.
Online-Redaktion: Die „Offenbacher Bilder“ waren ein Projekt von Ihnen, in dem rund 1200 Offenbacher von sich und ihrer Stadt ein Bild entworfen haben.
Gabriele Juvan: Ich suche immer nach Aktionsformen, durch die Menschen aus möglichst vielen Lebensschichten, Altersstufen, Kulturen angesprochen werden. Das Prinzip der „Offenbacher Bilder“ entstand eher zufällig: Ich habe entdeckt, dass bei einem großen Bild mit nummerierten Feldern – etwa wie bei „Malen nach Zahlen“ – sich plötzlich viele Leute trauten, ein einzelnes Feld auszumalen. Diese Idee habe ich dann systematisiert. An 16 Orten in Offenbach sind insgesamt 16 Bilder entstanden, die jeweils exemplarisch für einen gesellschaftlichen Lebensbereich stehen: Zum Beispiel die Wilhelmschule für Bildung, eine Obdachloseneinrichtung für die durch das Netz gefallenen einer Gesellschaft, die Stadtverordneten für die Politik, der Deutsche Wetterdienst als hier ansässige Bundesbehörde. Betrachtet man die Bilder genau, kann man sehen, wie die Menschen über die kleinen Felder ihre Befindlichkeiten und Gefühle zur Stadt zeigen. Manche haben einen Hundehaufen gemalt und andere den Mainbogen unter einer strahlenden Sonne. Das sagt sehr viel darüber aus, wie man seine Stadt sieht und erlebt.
"Alles in Rot und Weiß"
Online-Redaktion: Ein wichtiger gesellschaftlicher Lebensbereich in dieser Stadt sind die Offenbacher Kickers, die auch vertreten sind.
Gabriele Juvan: Auf dem Bild aus dem Kickers-Stadion ist wirklich alles in Rot und Weiß - OFC von hinten bis vorn. Es gibt Bilder, die leben vor allem aus der Farbe und es gibt solche, in die die Leute auch hineingeschrieben haben. Beim Bild in der Stadtbücherei war am Tag vorher der Irak-Krieg ausgebrochen. Viele junge Leute haben dann plötzlich ihre Statements gegen den Krieg abgegeben: „War for peace is like fucking for virginity.“
Online-Redaktion: Kunst schafft damit gesellschaftliche Zusammenhänge und Netzwerke. Wie sehen Sie die Situation der Zusammenarbeit von Künstlern und öffentlichen Institutionen in Offenbach ?
Gabriele Juvan: Das Atelier gibt es schon länger, aber seit mehr als sechs Jahren wohne ich auch hier. Ich bin überzeugte Wahl-Offenbacherin aus zwei Gründen: Offenbach ist zwischen den Lebenswelten transparenter als andere Städte. Man begegnet sich eher zwischen Menschen und nicht als ein Jurist, der nur mit Juristen zu tun hat, eine Künstlerin, die nur mit Künstlern zu tun hat oder ein Politiker, der nur mit Politikern zu tun hat. Es gibt hier eine diffuse Art, wirklich miteinander zu sprechen. Das ist eine große Stärke, weil nicht nur jeder in seiner eigenen Suppe kocht, sondern auch etwas von den anderen mitbekommt. Zweitens ist die Kunstszene hier sehr lebendig, dynamisch und auch breit. Die Nachbarschaft und das Eingebundensein schätze ich sehr, auch den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, die zum Teil ganz andere Sachen machen. Wir helfen uns, geben uns Rückmeldung und diskutieren auch Dinge, die man als Künstler miteinander diskutieren muss, wenn man einen Beitrag zum Leben in der Stadt liefert. Wir stellen – vielfach im engen Zusammenspiel mit den Institutionen - mehr auf die Beine, als die äußerst geringen Mittel eigentlich erlauben. Ich würde mir wünschen, dass dieser Beitrag sich auch in den finanziellen Rahmenbedingungen niederschlägt. Wenn plötzlich erhebliche Gelder in einen überregionalen Topf für Projekte „von nationalem und internationalem Rang“ fließen, verhindert man letztlich, dass sich das eigene professionell arbeitende Mittelfeld genau dahin weiterentwickeln kann.
Weiter hier präsent
Gabriele Juvan: Ich werde weiter hier ansässig und präsent sein, künftig aber auch wieder stärker außerhalb arbeiten. In diesem Jahr kommt in Luxemburg, Kulturhauptstadt Europas 2007, ein fahrender Cocoon – einer meiner Kommunikationsräume für die Begegnung mit sich selbst. Dann läuft seit drei Jahren das Projekt „Keynote Congo: Extending the Limits of the Possible“, eine sehr langfristige Fortsetzung des „Fünf Städte Projekts“. Im nächsten Schritt muss ich versuchen, auch in den Osten des Kongo hinzukommen und zu erkunden, ob es sinnvolle Möglichkeiten der Realisierung gibt. Und jetzt zurück nach Offenbach: Das Derby geht 2:1 aus - für Offenbach.
Biografie:
Gabriele JUVAN
studierte Journalismus an der Deutschen Journalistenschule und Kommunikationswissenschaften an der Universität München. Seit 1990 zahlreiche Projekte und Installationen zur Entstehung von Kommunikation im öffentlichen Raum. Unter anderem
| seit 2003 | Keynote Congo: Extending the Limits of the Possible |
| 2007 | Le Temps des Cerises (Veranstaltungsreihe ´Ni Vu Ni Connu´, Luxemburg Kulturhauptstadt Europas 2007 ; in Vorber.) |
| 2006 | Sieben Tage – Ein Raum zur Schöpfungsgeschichte |
| 2005 | Die Blaue Blume, vogelfrei 6 Biennale Darmstadt Crocodile Lounge, Dt. Ledermuseum |
| 2001 - 2004 | Offenbacher Bilder |
| 2003 | Sechs Häuser, vogelfrei 5 Biennale Darmstadt g7-lifeline, Wunsiedel |
| 2001 | Ein Dach für Offenbach |
| 2000 | Fahrender Vorhang, Rumpenheim De Goude Eeuw, Goedereede/NL |
| 1992 - 1999 | Das Fünf Städte Projekt/The Five Cities Project mit Stationen in Frankfurt, New York, Prag, Moskau und Tokyo |
| 1990 | The Penguin`s Rose Symposium, Frankfurt |
Vorträge
2005 ,Keynote Congo´ - Extending the Limits of the Possible, 11. International
Performance Studies Conference, Brown University, Providence/RI
2001 ,The Five Cities Project´, 7. International Performance Studies Conference,
Universität Mainz
Offenbach.de
Stadtwerke Offenbach Holding
Energieversorgung Offenbach AG
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