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Offenbach und sein Kulturkarree

Offenbach, den 04.03.2004, letzte Bearbeitung: 24.05.2011

Am Anfang stehen Tradition und Geschichte. Ihr Markierungszeichen sind Kirche und Pfarrhaus der von Hugenotten begründeten Französisch-Reformierten Gemeinde. Diesem Entree folgen Bildung und Kultur in bemerkenswerter Verdichtung, ohne dass die Historie zur Seite träte. Den Ausgang bilden dann Landschaft und Wasser, Weite und Grün. An der Herrnstraße erstreckt sich Offenbachs Kulturkarree von der Berliner Straße bis an den Main. Vom Isenburger Schloß, über die Hochschule für Gestaltung bis zur Volkshochschule und Französisch-Reformierter Kirche: Eine Kulturlandschaft inmitten der Stadt.

Wer das Kulturkarree von der Berliner Straße her abschreitet, erreicht zu seiner Linken das Klingspor Museum, ein Institut für moderne Schrift- und Buchkunst. Es nimmt den südlichen Seitenflügel des Büsingpalais ein. In seinen Ausstellungen und anderen Aktivitäten macht das Haus die Lebendigkeit und Bedeutung des Schriftlichen und Schrift-Bildlichen erkennbar. Die Vielzahl künstlerisch geschaffener Bücher, aber auch die moderne Entwicklung des Schriftlichen, bis hin zu den Graffiti, finden hier Beachtung. In der Bibliothek des Museums können die Besucher sich Schätze der Sammlung vorlegen lassen und die Themen vertiefen.

Seit 1952 ist im Nordflügel des Büsingpalais die Stadtbibliothek mit dem Bücherturm untergebracht. Neben Büchern, Zeitungen und Zeitschriften gibt es Videos, CDs , DVDs und Hörbücher. Ein Lesecafe lädt zum Schachspielen und Schmökern ein. Neben der Artothek mit Originalgrafiken von Offenbacher Künstlern zum Ausleihen stellt die Stadtbibliothek zwei Internetanschlüsse für die Benutzer zur Verfügung. Mit wenigen Handgriffen läßt sich der Bücherturm zu einem Veranstaltungsraum für Vorträge und musikalische Veranstaltungen umbauen.

Beide Flügelbauten verbindet der Mitteltrakt, der gern als die „Gute Stube“ der Stadt bezeichnet wird. Er öffnet sich nicht nur für Tagungen und Kongresse, sondern auch für Konzerte, Kabarettveranstaltungen, Lesungen, Vorträge und andere kulturellen Ereignisse.

Wer jetzt um die Ecke biegt, in die Straße mit dem putzigen Namen „Linsenberg“, steht zwischen zwei Objekten mit Bezug zur deutschen Literatur. Am Bibliotheksbau ist das der Trakt, in welchem dem jeweiligen Träger des Offenbacher Literaturpreises „Schriftsteller im Bücherturm“ ein Appartement zur Verfügung steht. Ihm gegenüber duckt sich am Rande eines Parks ein anmutiges Wohnhaus, das die Offenbacher „Lilihäuschen“ nennen.

Eine Tafel am Haus bringt in Erinnerung: Wir bewegen uns in dem Quartier, in dem in Offenbachs klassischer Epoche der junge Goethe die Gesellschaft seiner Verlobten Lili Schönemann und der Offenbacher Freunde genoss. Wer historische Bezüge schätzt, mag sich hier an klassische deutsche Literatur erinnern. Hier wurden Szenen des „Faust“ geschrieben. Goethe ging hier ein und aus, als er noch nicht der weise alte Geheimrat in Weimar war, sondern ein charmanter junger Autor mit vielversprechenden Talenten.

Jenseits der Straße erstreckt sich der Ende des 19. Jahrhunderts errichtete Baukomplex einer ehemaligen Schnupftabakfabrik, der „Bernardbau“. Es ist ein Bau mit kultureller Multifunktion. Gegenüber dem Büsingpalais haben dort die Kinder- und Jugendbibliothek und die Musikbibliothek ihren Standort. Im Hof parkt der Bücherbus. Im anschließenden Gebäudeteil finden die Offenbacher das Kulturamt, die Zentrale Kulturverwaltung, ihr „Haus der Stadtgeschichte“ mit Stadtmuseum und Stadtarchiv. Hier hat das Gedächtnis der Stadt seinen Sitz. Hier wird verwahrt, geforscht, präsentiert und informiert. Archiv und Museum nutzen Wechselausstellungen und Vorträge, um die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verknüpfen, die Erinnerung mit der Aktualität.

Das Museum hat in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Gestaltung ein multimediales Themenplateau mit verschiedenen wechselbaren Schwerpunkten entwickelt. Dabei werden in den Erläuterungstexten die jeweiligen Entwicklungen bis in die Gegenwart geführt. Gemälde Offenbacher Künstler und Dokumente, wie zum Beispiel Georg Büchners „Hessischer Landbote“, finden sich gleichrangig neben frühen jüdischen Drucken aus Offenbach und Aspekten der Industriegeschichte oder der Hugenottensiedlung.

In diesem Teil des Kulturkarrees, der nördlichen Herrnstraße, sind mithin unterschiedliche, doch deutlich miteinander verbundene Einrichtungen des kulturellen Lebens vereint. Da fügt es sich sinnvoll ein, dass sich dort auch die Schaltstelle finden lässt, die diese Einrichtungen untereinander und mit anderen verknotet.

Der „Bernardbau“ ist daher auch die Adresse der Dachorganisation „Forum Kultur und Sport“, mit den städtischen Einrichtungen Forum Kultur und Sport, Kulturbüro, Stadtbibliothek, Haus der Stadtgeschichte (Archiv und Museum), Klingspor Museum und Kultur- und Sportverwaltung. Sie alle auf relativ engem Raum in der Innenstadt konzentriert zu haben, das macht den besonderen Reiz des Kulturkarrees aus.

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