Der Versuch einer Annäherung. Oder auch: Kunst – ja! Und?
Offenbach, den 16.05.2011Der Blick ins etymologische Wörterbuch sorgt für einen kurzen Moment für Irritation: „das, was man beherrscht; Kenntnis, Wissen, Meisterschaft“ ist dort zu lesen. Schließlich fußt das heutige Verständnis des Begriffes Kunst auf der lateinischen Übersetzung und meint im Allgemeinen deren ästhetische Komponente, nämlich das der „menschlichen Hervorbringung zum Zwecke der Erbauung“.
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Das Podium der Diskussionsrunde im Klingspor-Museum brachte Vertreter beider Aspekte zusammen, Künstler, Sammler und Ausstellungsmacher. Anlässlich der Biennale Kunstansichten 2011 sprachen am Donnerstagabend Menschen, denen Bildende Kunst Beruf, Aufgabe und Anliegen ist, denen sie höchst persönlich nachkommen über ihre Motivation und Zielsetzungen.
Das Musikhaus André, Johann Wolfgang von Goethe und seine Lili, der Buchdruck: Kunst hat eine lange Tradition in der Stadt und „daher“, so der Leiter der Klingspor-Museums Stefan Soltek in seiner Begrüßung, „gibt es ein dichtes Netz Künstler in der Stadt und mit den Kunstansichten ein etabliertes Forum, dieses über die Grenzen Offenbachs hinaus sichtbar werden zu lassen“.
Aber warum überhaupt Kunst? Als reiner Selbstzweck oder eben doch gemäß des klassischen Verständnis zur Erbauung? Kann Kunst Gesellschaft verändern, gar ein Wirtschaftsfaktor sein?
Dass es den einen Weg, die Erklärung nicht geben kann, vermittelte sich bereits in den unterschiedlichen Lebensläufen der versammelten Diskutanten: Dr. Britta Schmitz ist Oberkustodin der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof in Berlin, Moi Soltek Sammlerin und Jurorin, Anita Beckers betreibt in Frankfurt eine Galerie, Markus Lepper sitzt dem Neuen Kunstverein in Gießen vor, die Finnin Merja Herzog-Hellstén ist Künstlerin und Olaf Hackl arbeitet als Hausmeister der Städelschule und ist ebenfalls Künstler. Eine „bunte Truppe“, die sich den Fragen von Michael Beseler, Stadtkämmerer und Magistratsmitglied, der die Diskussion moderierte, stellte. Also: Kunst, ja! Und - der Mensch? Die Gesellschaft? Das Geld?
Inspirationsquelle, Erkenntnisvermittlung, Ärgernis: mit allen Sinnen auf gesellschaftliche Themen hinweisen, einem Seismographen gleich Stimmungen in der Gesellschaft ausloten, sichtbar machen, im besten Fall gleich eine Utopie liefern. Die ästhetischen Schriften Lessings, Goethes oder Schillers hatten vergangenen Donnerstag ausgedient, einfach „nur ein schönes Bild“ wollte sich keiner an die Wand hängen. Es ging um Formen- und Bildersprachen, die die häufig immateriellen „Jetzt“-Themen, übersetzen, transformieren und greifbar machen.
Merja Herzog-Hellstén bezeichnet sich selbst als „thematische Künstlerin“, hat in den Vereinigten Staaten gelebt und dort ihre eigene Bildsprache entwickelt. Ihre Entscheidung für die Kunst sei ein Investment, sie folge ihrer Überzeugung, wenn sie als Künstlerin versucht, Kommunikation und Austausch zu initiieren. „Mündige Bürger, die durch Kunst zu Erkenntnis gelangen“, wünscht sich die Frankfurter Galeristin Anita Beckers. Für sie kann ein Bild oder eine Videoinstallation einen Grad Zufriedenheit auslösen, den man sich mit Geld nicht kaufen kann.
Joseph Beuys weckte Moi Solteks Leidenschaft für die Kunst, die Auseinandersetzung mit seiner Kunst im Rahmen einer Zwischenprüfung öffnete „alle Sinne“. Sie sammelt Kunst und ist im Gremium für Bildende Kunst im Kulturkreis des BDI aktiv und setzt sich als Jurorin für junge Künstler ein.
„Die Jungen wollen im zweiten Semester schon Ausstellungen, setzen sich selbst unter Druck und haben eigentlich noch nicht zu sagen“, meinte hingegen Olaf Hackl, ehemaliger Leistungssportler und heute Künstler und Hausmeister. Auch für ihn gab es ein „Erweckungserlebnis“, nämlich den Besuch der dokumenta IIX, das ihn schließlich in die Klasse Martin Kippenbergers führte.
Kippenberger, Beuys – sperrige Köpfe, die Künstler bis heute inspirieren. „Widerständig sein“, forderte denn auch Ausstellungsmacher Markus Lepper von der Kunst. Nach zehnjähriger Tätigkeit am Museum für Moderne Kunst in Frankfurt arbeitet er heute als Lehrer für Kunst und Philosophie in Gießen und betreibt auf einer Größe von neun Quadratmetern in einem ehemaligen Kiosk „den kleinsten Kunstverein Deutschlands“. Und bei allen Anstrengungen: die „besten Ausstellungen sind die mit komplizierten Künstlern“.
Künstler als Seismographen der Gesellschaft und Kunst als ein Motor, um Dinge voranzutreiben: Dr. Britta Schmitz arbeitet in einem Museum, das in seinen Ausstellungen und Programmen stets den Schwerpunkt auf die Interdisziplinarität zeitgenössischer Kunst legt. Sie meint das Künstler ihr Umfeld immer verändern: unmittelbar, wenn um sie herum eine „Maschinerie“ entsteht, die sich um Produktion, Marketing und Kommunikation kümmert, aber auch mittelbar, wenn Künstler Stadtviertel verändern und in der Regel auch aufwerten, wenn sie Häuser „trocken wohnen“. Daher sei Berlin auch nach wie vor ein Kristallisationspunkt junger Künstler, aber grundsätzlich gehe es in Kunst um Freiräume, auch wirtschaftlicher Natur, meinte Schmitz abschließend. Bei ihrem Spaziergang durch die Stadt habe sie einige interessante Orte gesehen, Offenbach sei nicht Berlin, aber die kreative Szene sichtbar in Bewegung.
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