1984: Gute Stube eingeweiht
Offenbach, den 09.05.2008, letzte Bearbeitung: 14.12.2009Wenn in einer Stadt gesagt wird. diesen oder jenen Bau hätten die Bürger sich selbst errichtet, ist damit in der Regel einer aus alter Zeit gemeint. Ein Dom vielleicht, ein Rathaus, ein Hochzeitshaus. Ein Haus jedenfalls, das die Gemeinschaft der Bürger wünschte, zur gemeinsamen Nutzung wie auch zur Selbstdarstellung. In Offenbach gibt es dafür ein Beispiel aus jüngster Zeit: 1984 gab sich die Stadt das Büsingpalais zurück.
Fast 40 Jahre lang bot sein Mittelbau das Bild einer Kriegsruine, als Bürger den Wiederaufbau ertrotzten. Ihre Spenden reichten nicht aus, bei weitem nicht. Aber sie machten glaubwürdig, dass eine breite Mehrheit der Offenbacher die Ruine als eine schmerzende Wunde im Stadtbild empfand. Erinnerungen und Gefühle, verbanden sich mit dem Verlangen nach Traditionspflege und dem Überdruss, in einer erneuerten Stadt ständig an den Krieg erinnert zu werden. Eine Ruine als unerledigte Aufgabe: Nichts war fertig, so lange sie darniederlag.
Ein Haus für die Öffentlichkeit war das zwar erst seit 1921, als die Stadt es erwarb und zum Rathaus machte. Ein offenes Haus indes war es länger. Gebaut haben es die Familien Bernard und d´Orville als Wohnsitz und Tabakfabrik, also keineswegs als abgeschottetes Anwesen. Arbeiter und Händler gingen ein und aus, Spediteure, Kutscher und Stallpersonal. Einer der Hausherren, Peter Bernard ließ dort um 1800 sein eigenes Orchester aufspielen, vor Publikum. Wo heute Vestibül und Trausaal sich öffnen, war schon vor 200 Jahren Raum für Festlichkeiten.
Anteil am Bau nahmen die Offenbacher; seit er errichtet wurde. Wenn der junge Goethe in seinem Offenbacher Sommer 1775 notierte, wie ihm der Lärm der Bauarbeiten von jenseits der Herrnstraße den Morgenschlaf raubte, mag das auch andere Nachbarn genervt haben. Den Namen Büsingpalais freilich trug das Anwesen noch nicht.
Man muss es seltsam nennen, dass von allen Möglichkeiten der Name des Freiherrn von Busing daran haften blieb. Denn der war nur als eingeheirateter Schwiegersohn zum Erben geworden.
Immerhin gab er dem Anwesen das uns vertraute Gesicht. Von 1899 bis 1907 ließ er das alte Herrenhaus durch Städelprofessor Wilhelm Manchot aufwendig zum neobarocken Palais umbauen. Die Schnupftabak-Fabrikation wurde über die Straße hinweg in den neuen Bernardbau verlegt.
Zum umgebauten Palais gehörte das schmiedeeiserne Tor an der Herrnstraße, das wir noch heute sehen. Es Ist die Arbeit einer Frankfurter Firma, die damit auf der Weltausstellung 1893 in Chicago Aufsehen erregte. Ein ähnliches Tor schloss den Park zur Kaiserstraße ab. Bomben des Zweiten Weltkriegs haben es zu Schrott zerschlagen.
1921, gerade am Beginn der großen Geldentwertung, erwarb die Stadt das Palais. Es wurde einem der schönsten Rathäuser in Deutschland wie nicht nur Offenbacher empfanden.
Ein Zentrum städtischen Lebens blieb es auch nach der Zerstörung von 1943, Der Ehrenhof sah in der Nachkriegszeit Kundgebungen Ruine taugte als malerische Kulisse bei Theateraufführungen. Häufig vereinte das Tausende von Menschen unter freiem Himmel.
Früh gelang der Wiederaufbau der Seitenflügel mit ihren Kopfbauten. Klingspor Museum und Stadtbücherei fanden angemessene Unterkunft. Verzagtheit und Ratlosigkeit indes bewahrte den Mittelbau als Ruine.
Pläne wurden diskutiert und verworfen ein Haus der Jugend sollte daraus werden, weil dafür Landesgelder hätten erlangt werden können. Erwogen wurde die hofseitige Fassade in alter Form zu erneuern, aber hinten einen modernen Betonkörper anzufügen.
Architekten rauften, Politiker diskutierten, die Jahre vergingen. Erst nach 1977 erkannte eine neue politische Mehrheit die Chance sich profilieren zu können. Eine Bürgerinitiative mit Stadtverordnetenvorsteher Bruno Knapp an der Spitze schuf dem Bürgenwillen eine Plattform. Sie trug Spenden zusammen und bildete das Scharnier zur Politik.
Am 30 Oktober 1981 war Grundsteinlegung. Am 21. September 1984 konnte eingeweiht werden, und kaum jemand hielt den Wiederaufbau für eine überflüssige Geldausgabe. Mittlerweile ist das Palais ans benachbarte Hotel angegliedert. Aber noch immer dient es den Offenbachern als gute Stube: für Hochzeiten, für Begegnungen und Festakte, Konzerte und Ausstellungen, als Treffpunkt von Muße und Muse.
Offenbachs Kulturleben mag auf vielen Beinen stehen - zu den kräftigen gehört gewiss das Büsingpalais. Wie vor 200 Jahren, als der musikbesessene Peter Bernard sein Haus öffnete. Freilich. das Büsingpalais eignet sich auch als Beispiel für die Flüchtigkeit der Zeit. Wem ist schon bewusst, dass es erst seit 15 Jahren wieder steht und schon dreimal gebaut worden ist? Wen kümmert, dass beim letzten der Grundriss leicht verändert worden ist, was damals heftigen Protest auslöste? Nach fünfzehn Jahren ist alles Geschichte.
Von Lothar R. Braun
Veröffentlicht in der Offenbach Post
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