Dokumentation der Offenbacher Fachtagung vom 20.10.2009 - Kinderbetreuung sichern, Vermittlung starten! Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie
Offenbach, den 13.01.2010, letzte Bearbeitung: 28.10.2011Veranstalter/innen: MainArbeit GmbH Offenbach in Kooperation mit dem Frauenbüro der Stadt Offenbach und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung; durchgeführt vom Institut für berufliche Bildung, Arbeitsmarkt und Sozialpolitik (INBAS) GmbH, Of
Wie muss eine Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik aussehen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf möglich macht - und zwar auch für alleinerziehende Mütter? Welche neuen, flexiblen und durchaus auch unkonventionellen Wege der Kinderbetreuung sind dafür erforderlich und wie sind sie realisierbar? Fragen, die angesichts der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt und dem rasch voranschreitenden Wandel der Arbeitswelt immer brennender geworden sind.
Die Stadt Offenbach hat mittlerweile eine "kleine Tradition", hier mit mutigen Schritten und innovativen Ideen voranzugehen; sie ist angesichts ihrer sozialen Probleme auch besonders herausgefordert. Derzeit sind dies Modellprojekte zur Arbeitsmarktintegration junger Mütter im SGB-II-Bezug, die einen Paradigmenwechsel wagen: Erst die Kinderbetreuung sichern, dann die Arbeitsvermittlung starten, anstatt wie bisher den Weg umgekehrt zu gehen. Neue Wege der Kinderbetreuung auch zu Randzeiten, an Wochenenden, zu ungewöhnlichen und wechselnden Arbeitszeiten und in Notfällen zu erproben und möglich zu machen, steht bei diesen Projekten im Mittelpunkt. Mit dieser Thematik haben wir wohl ins Schwarze getroffen: mit rund 130 TeilnehmerInnen aus ganz Deutschland konnten wir uns über ein überwältigendes Interesse aus den unterschiedlichsten Fachinstitutionen freuen.
Was bewegt eine kommunale Frauenbeauftragte, sich im Bereich Arbeitsmarkt und SGB-II-Bezug aktiv einzumischen? Es sind die vielfältigen Erfahrungen und Hinweise, dass Frauen und besonders Frauen mit (Klein-)Kindern und ganz besonders Alleinerziehende durch die Maßnahmen der Arbeitsverwaltung noch nicht angemessen erreicht werden. Wenn die Leistungen der Grundsicherung auch darauf ausgerichtet sein sollen, geschlechtsspezifischen Nachteilen von erwerbsfähigen Hilfsbedürftigen entgegenzuwirken (s. § 1 SGB II), dann sind passgenaue Hilfen zur Aktivierung und Stabilisierung von Alleinerziehenden, Berufsrückkehrerinnen und jungen Migrantinnen ein ganz wichtiger Punkt. Und wir wissen zweitens um das Problem der Altersarmut bei Frauen aufgrund einer diskontinuierlichen Erwerbsbiografie. Und wir wissen drittens, dass die Mädchen in der Bildung nicht nur stark aufgeholt, sondern die Jungen eingeholt und z. T. überholt haben, junge Frauen aber schon wenige Jahre später auf dem Arbeitsmarkt stark unterrepräsentiert sind, da sie aufgrund fehlender Kinderbetreuung aus dem Beruf teilweise oder ganz aussteigen.
Es gibt also wie wir sehen wichtige Gründe, sich als Frauenbeauftragte hier massiv zu engagieren. Darüber hinaus gab mir die Fachtagung Gelegenheit, gemeinsame Initiativen der Stadt mit Offenbacher Betrieben für familienfreundliche Beschäftigungsverhältnisse und Arbeitszeit-regelungen anzuregen, denn angesichts des allseits beklagten Fachkräftemangels wird Familienfreundlichkeit zur Standortpolitik.
Karin Dörr, kommunale Frauenbeauftragte
Frauenbüro der Stadt Offenbach
Dokumentation der Fachtagung vom 20.10.2009
Einladung
Eine Übersicht über die Themen und den Ablauf finden Sie in der
Einladung zur Fachtagung ... mehr
Begrüßung und Einführung
Dr. Matthias Schulze-Böing,
Geschäftsführer der MainArbeit GmbH, Offenbach
Aus der Perspektive des Verantwortlichen in der Offenbacher Stadtverwaltung für Arbeitsmarkt und Beschäftigung zeichnet er die gravierenden Veränderungen in diesem Bereich der letzten 20 Jahre nach. Der jetzt stattfindende Wandel vom versorgenden zum agierenden Sozialstaat muss inhaltlich und institutionell so ausgestaltet werden, dass er sich auch tatsächlich entfalten kann. Dazu gehört zentral, dass die Rahmenbedingungen zur Teilnahme am Arbeitsmarkt für Frauen mit Kindern passend gemacht werden. Dazu dienen die aktuellen Modellprojekte der Stadt Offenbach ... mehr
Mechtild M. Jansen,
Hessische Landeszentrale für politische Bildung
Das Thema Kinderbetreuung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat eine Menge mit dem Feld der politischen Bildung zu tun, denn zivilgesellschaftliches Engagement und politische Mitwirkung hängen ab von der Möglichkeit zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, und diese wiederum ganz wesentlich vom Zugang zum Arbeitsmarkt. Gute pädagogische Kinderbetreuung ist heute für die meisten Frauen der Schlüssel dazu, und damit steht diese Frage auch mitten im Blickpunkt der Arbeit der HLZ ... mehr
Dörte Ahrens,
Hessisches Ministerium für Arbeit, Familie und Gesundheit
Referatsleitung "Integration in den Arbeitsmarkt"
Das SGB II hat es verdient, als Schnittstelle zwischen Frauenpolitik und Arbeitsmarktpolitik näher in den Focus zu rücken, weil es diese beiden Felder bei dem frauenpolitischen Grundthema vernetzt, der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und damit der existenzsichernden Arbeit von Frauen. Hier wagt das Offenbacher Projekt einen innovativen Ansatz: Vor der Arbeitsvermittlung steht die Sicherung der Kinderbetreuung ... mehr
Vortrag
Dipl.-oec. troph. Ines Müller,
Justus-Liebig-Universität Gießen
"Zeit - Geld - Infrastruktur"
Die nachhaltige Familienpolitik des 7. Familienberichtes und der Alltag von Müttern, Vätern und Kindern
Eine zeitgemäße, Lebenslauf bezogene Familienpolitik, wie sie der 7. Familienbericht angeht, erfordert Konzepte für eine neue Balance zwischen den Bereichen Familie, Beruf und Lebensumfeld, zwischen Bildungs- und Berufsverläufen einerseits und der Entwicklung von Familienbeziehungen andererseits. Nachhaltige Familienpolitik, die der Vielfalt der Lebensformen in Deutschland Rechnung trägt, bedarf des Dreiklangs aus Zeitpolitik in Lebenslauf und Alltag, der Entwicklung integrativer Infrastrukturen und finanzieller Transfers zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit von Familie und Kindern.
Hier kommen Sie zur PowerPoint-Präsentation des Referats Zeit - Geld - Infrastruktur ... mehr
Vortrag
Birgit Simon,
Bürgermeisterin und Sozialdezernentin der Stadt Offenbach
Familienpolitik: Wege in die Innovation
Familienpolitik ist Frauenpolitik ist Kinderpolitik ist Familienpolitik
Wie kann sich, wie wird sich Familie im 21. Jahrhundert entfalten? Deutschland verharrte lange in traditionellen Strukturen. Die Zeche zahlen die Frauen. Die erforderliche Neuausrichtung von Familien- und Sozialpolitik kommt nur schleppend in Bewegung. Erst die dramatisch gestiegene Kinderarmut lenkte den Blick auf die dahinterliegenden Probleme. Dabei hat der Paradigmenwechsel im Selbstverständnis von Berufstätigen und auf Seiten des Arbeitsmarkts längst stattgefunden. Und die Veränderungen im Erwerbssystem finden ihre Entsprechung im Wandel der Lebensformen und -entwürfe. Das Tempo des Wechsels von Lebenssituationen ist atemberaubend. Die Kinderbetreuungseinrichtungen müssen den Weg mitgehen. Deshalb sucht die Stadt Offenbach mit den neuen Projekten nach Wegen in die Innovation ... mehr
Workshops
Workshop 1:
Charlotte Buri, MainArbeit GmbH Offenbach
Christiana Klose, INBAS GmbH, Offenbach
Förderung junger Mütter im SGB II - Ziele, Ansätze, Haltungen und Angebote - Wie müssen Unterstützungsangebote der ARGE aussehen?
Junge Mütter von Klein(st)kindern im Sozialhilfebezug waren bislang keine explizite Zielgruppe von Fördermaßnahmen der Arbeitsverwaltung, auch weil entsprechende Angebote zur Kinderbetreuung für Krabbelkinder und zu flexiblen Zeiten fehlten. Eine frühzeitige Arbeitsmarkt-integration junger Mütter ist eher die Ausnahme. Dadurch aber drohen die Weichen in Richtung lebenslangen Hilfebezug und sich vererbende Armut gestellt zu werden. Deshalb entwickelte die Offenbacher ARGE ein Bündel sich ergänzender neuer Angebote, die als Ganzes einen Weg aus der Sackgasse weisen könnten, indem die Mütter in die Arbeitswelt zurückkehren oder einsteigen, und die Kinder durch früh einsetzende Bildung gefördert werden. Dies Konzept im Detail zu diskutieren, war Thema des Workshop 1 ... mehr
Workshop 2:
Prof. Dr. Angelika Ehrhardt,
Hochschule RheinMain, Wiesbaden, Institutsleitung ISAPP
Bedarfsgemeinschaften mit Kindern unter drei Jahren:
Neue Herausforderungen für die (Beratungs-)Kompetenz der Berater/Innen?
Die neuen Konzepte, die in Offenbach erprobt werden, stellen auch neue Anforderungen an die agierenden Personen, d.h. an die Qualifizierung von BeraterInnen und VermittlerInnen für gendersensible Beratung: Diejenigen jungen Frauen, die schnell in den Arbeitsprozess zurückwollen, müssen identifiziert und gezielt angesprochen, ihre Bedarfe - speziell die nach passgenauer Kinderbetreuung - analysiert und gelöst werden. Die strittige Frage, ob frühe außerfamiliäre Betreuung dem Kindeswohl schade, spielt dabei immer mit. Hier bedarf es seitens der Beratung der Reflexion gesellschaftlicher Rollenbilder und Kenntnis der neuen Formen frühkindlicher Bildung. Über neue Beratungskompetenz diskutierte der Workshop 2 ... mehr
Workshop 3:
Prof. Dr. Heide Kallert,
Dipl.-Päd. Gudrun Meyer-Wehmann,
Institut für familiale und öffentliche Erziehung, Bildung und Betreuung e. V.
ifoebb, Goethe-Universität Frankfurt
"Das Kindeswohl im Blick"
Erfahrungen und Erfordernisse bei Randzeitenbetreuungen und
Zusammenarbeit von Kindertagespflege und Kindertagesstätten
ErzieherInnen und Kinderfrauen in den neuen Offenbacher Einrichtungen und Projekten konnten jetzt einige Monate erste Erfahrungen mit dem Konzept sammeln: Eingewöhnung des Kindes vor Vermittlung der Mutter in die Erwerbstätigkeit (oder Aufnahme einer Ausbildung); Angebot von flexibler Betreuung; Kooperation mit Betreuungspersonen, die Kinder zu Randzeiten betreuen. Da es erprobte Vorbilder so gut wie nicht gab, wurden drei Auswertungskonferenzen durchgeführt, die im Ergebnis zur Definition von Qualitätsmerkmalen für die neuen Angebote führten. Diese Ergebnisse zu dokumentieren und die bisherigen Erfahrungen zu diskutieren war Inhalt von Workshop 3 ... mehr
Presseerklärung
Hier kommen Sie zur Presseerklärung, in der der Verlauf der Konferenz kurz und prägnant zusammengefasst ist. Die Fachtagung fand bundesweite Aufmerksamkeit ... mehr
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