Kommunale Frauenbeauftragte fordert Vorbildfunktion des Stadtkonzerns
Offenbach, den 23.03.2010, letzte Bearbeitung: 06.04.2010
Die Gleichstellung von Frauen in der Arbeitswelt ist für die kommunale Frauenbeauftragte der Stadt Offenbach, Karin Dörr, eines ihrer wichtigsten Handlungsfelder. Fünf Jahre nach ihrem Wechsel an die Spitze des Frauenbüros hat sie nun ihren ersten Tätigkeitsbericht vorgelegt, der auch Ziele für die kommenden Jahre definiert. Oberbürgermeister Horst Schneider pflichtet ihr bei: Es sei nicht zuletzt auch eine ökonomische Notwendigkeit, das Potenzial gut ausgebildeter Frauen stärker zur Geltung zu bringen.
In der Stadtverwaltung Offenbach beträgt der Frauenanteil in den obersten Entgelt- und Besoldungsstufen mittlerweile rund 40 Prozent. Hier bestehen laut Karin Dörr Zielvereinbarungen seit 1988. Es sei also belegt, dass überall dort, wo das Gleichberechtigungsgesetz angewendet und mit Einfallsreichtum und Professionalität umgesetzt worden ist, Frauen gegenüber Männern bei Bezahlung und Aufstiegschancen aufgeholt haben.
Beschluss der Stadtverordneten
Die kommunale Frauenbeauftragte will in diesem Jahr einen Beschluss der Stadtverordneten anregen: In den mittleren und oberen Führungsebenen der Unternehmen des Stadtkonzerns soll die Frauenquote 50 Prozent betragen. Dies sei „nur“ die konsequente Fortsetzung des eingeschlagenen Weges, so Karin Dörr. Seit der Ausgründung von städtischen Ämtern gelte in den Töchterunternehmen des Stadtkonzerns nicht mehr überall das Hessische Gleichberechtigungsgesetz. Auch fehlten dort bisher flächendeckende Zielvereinbarungen. Die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Arbeitswelt sei dadurch beim „Unternehmen Stadt“ mit rund 5000 Arbeitsplätzen ins Stocken geraten.
Beispielsweise waren Anfang 2009 von 50 Führungskräften in der Stadtwerke Offenbach Holding nur 13 Positionen mit Frauen besetzt (26 Prozent) und 37 mit Männern (74 Prozent).
Fördermittel für Gleichstellung im Betrieb
Karin Dörr bereitet für dieses Jahr einen Antrag an das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) vor: Der „Bundesinitiative Gleichstellung von Frauen in der Wirtschaft“ sollen nach ihrem Vorschlag die Unternehmen des „Stadtkonzern Offenbach“ beitreten. Die Verhandlungen dazu laufen schon. Auch privatwirtschaftlich geführte Unternehmen sind willkommen, sie können sich der Initiative anschließen und von Fördermitteln für mehr Gleichstellung im Betrieb profitieren. Nähere Informationen dazu gibt es bei Karin Dörr. Erreichen will sie: die Berufswahl für Mädchen und Jungen gleichberechtigt gestalten, Lohngleichheit für gleichwertige Arbeit, Work-Life-Balance für Frauen und Männer, Fachkräftemangel begegnen durch bessere Erwerbschancen für Wiedereinsteigerinnen in den Beruf nach Pflege und Kindererziehung. Von einem Betreuungsgeld wie es die Bundesregierung plant, grenzt sie sich deshalb strikt ab, fordert stattdessen, den Kommunen das Geld für den Ausbau von Betreuungsplätzen für Kinder und Ganztagsschulen zu geben.
Unterstützt hat die kommunale Frauenbeauftragte gemeinsam mit dem DGB auch das Bemühen ortsansässiger Firmen, ihre Beschäftigten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit konkreten Maßnahmen zu unterstützen. „Als kommunale Frauenbeauftragte bin ich Netzwerkerin, vermittele Kontakte ins Rathaus und helfe, solche Initiativen anzuschieben“, sagt Karin Dörr. Betrieben mangele es zunehmend an Fachkräften. Daher liege es in ihrem Interesse, durch die Förderung der Kinderbetreuung dem Verlust weiblicher Fachkräfte vorzubeugen.
Vereinbarkeit von Beruf und Pflege
Neben der Vereinbarkeit von Karriere und Kindern erkennt Dörr ein weiteres Handlungsfeld von wachsender Dringlichkeit: Die Vereinbarkeit von Beruf und der Pflege von Angehörigen. Sie plant ein Kompetenztraining Pflege in den Betrieben anzubieten. Das soll Betroffenen helfen, die Pflege von Angehörigen bestmöglich zu managen.
Die paritätische Besetzung der politischen Gremien der Stadt will die Leiterin des Frauenbüros ebenso in den Blick nehmen, denn auch dort wird entschieden, ob die Offenbacherinnen und Offenbacher die Chancengleichheit und Gleichberechtigung im Alltag mehr oder eben weniger genießen können. Und so sind zwei entscheidende Gremien derzeit besetzt: Das Stadtparlament verfügt über 71 Sitze, von denen 26 (37%) mit Frauen und 45 mit Männern besetzt sind. Die Fraktionsvorsitzenden sind derzeit allesamt Männer. In den Aufsichtsräten beim Stadtkonzern beträgt der Frauenanteil bei 187 Sitzen nur 15,51 %.
Offenbach im Mittelfeld
Beim politischen Gender-Ranking von 79 bundesdeutschen Großstädten belegt Offenbach deshalb nur den 48. Platz. Dies weist der Praxisbericht „Unterrepräsentanz von Frauen in der Kommunalpolitik“ der Fernuniversität Hagen von August 2009 aus. Platz 1 nimmt demnach Frankfurt am Main ein. Karin Dörr strebt für Offenbach einen Platz unter den ersten 20 an.
„Die Gründe für die weibliche Unterrepräsentanz in Entscheidungsgremien sind vielfältig und damit sich das ändert, bräuchte es unter anderem eine Wahlrechtsänderung für die kommunalen Parlamente, die der Hessische Landtag beschließen könnte“, so die Frauenbeauftragte. Der Landtag muss 2011 auch das hessische Gleichberechtigungsgesetz mit Regelungen zur Gremienbesetzung novellieren. Karin Dörr will sich als Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft hessischer Frauenbüros dafür stark machen. Für die Stadt Offenbach starten das Kinder- und Jugendparlament KJP mit der Frauenbeauftragten nach den Osterferien ein Mentoringprogramm für fünf Mädchen. Nun werden die Fraktionen des Stadtparlamentes um Unterstützung gebeten werden, um insgesamt fünf weibliche Stadtverordnete / Mentorinnen zu finden, die die Spielregeln der Kommunalpolitik erfahrbar machen.
Gemeinsam gegen Gewalt
Die Intervention gegen häusliche und sexuelle Gewalt bei Frauen und Mädchen bleibe Handlungsauftrag von Kommune und dem Land gemeinsam. Das Frauenhaus müsse dauerhaft abgesichert bleiben. Die Beratung für Frauen sowie die von der Partnergewalt mitbetroffenen Kinder und Jugendliche, die Arbeit mit Männern, die nicht mehr schlagen wollen, stehen aus Sicht der Frauenbeauftragten nicht als Einsparmasse gegen die Finanzkrise der öffentlichen Haushalte zur Verfügung, auch wenn die gesetzliche Absicherung noch Lücken aufweist.
„Die Strategie der Frauenförderung“, so der Ausblick von Karin Dörr, „hat Schwestern und Brüder bekommen, die heißen Chancengleichheit und Work-Life-Balance für Frauen und Männer und sollen Offenbach für alle lebenswerter machen.“
Offenbach.de
Stadtwerke Offenbach Holding
Energieversorgung Offenbach AG
Artikel drucken
Als PDF anzeigen