Beratungsangebote für Frauen im Zusammenhang mit der Problematik Gewalt gegen Frauen und Mädchen / häusliche Gewalt
Offenbach, den 21.07.2005, letzte Bearbeitung: 26.10.2006Von Mai 2005 ab fuhren für ein Jahr 50 der insgesamt 65 Busse der Offenbacher Verkehrsbetriebe (OVB) mit einem Seitenscheibenplakat mit wichtigen Telefonnummern bzw. Adressen von Beratungs- und Hilfseinrichtungen bei sexueller / häuslicher Gewalt gegen Frauen und Mädchen – inkl. Rufnummer der Polizei.
Mit der Aktion werden nicht nur die Telefonnummern verbreitet, sondern auch das Bewusstsein: Gewalt gegen Frauen ist nicht einfach ein individuelles Problem der falschen Partnerwahl sondern ein gesellschaftliches Problem mit Ursachen im ungleichen Geschlechterverhältnis. Die gesellschaftliche Verantwortung, zum Abbau dieser Gewalt beizutragen, drückt sich u. a. aus in der Förderung lokaler Institutionen, die Beratung und Hilfe anbieten und deren Arbeit von der Stadt Offenbach und aus Landesmitteln gefördert wird.
Laut Landesaktionsplan zur Bekämpfung der Gewalt im häuslichen Bereich, vom Kabinett beschlossen am 29.11.2004, wurden in 2004 von der Polizei in Hessen 5573 Fälle häuslicher Gewalt registriert; eine Zunahme gegenüber 2003 von 7,2%. „In 89,5% der Fälle waren die Täter männlich und in 89,9% der Fälle die Opfer weiblich“, wie dem Plan zu entnehmen ist. Von einer erheblich höheren Dunkelziffer wird allgemein ausgegangen. Dies trifft auch zu auf die mitbetroffenen Kinder. Bei der Hälfte der Polizeieinsätze wegen häuslicher Gewalt - ebenfalls in 2003 - wurden im Haushalt lebende Kinder festgestellt und ein Zusammenhang von häuslicher Gewalt und körperlicher Kindesmisshandlung ist bekannt.
Bei der Polizei in Offenbach erstatteten im Jahre 2003 Frauen in 241 Fällen Anzeige, weil sie von Gewalt betroffen waren: 190 Frauen waren demnach von ihren Partnern geschlagen oder in anderer Form körperlich misshandelt worden, hinzukommen 51 Anzeigen wegen Vergewaltigung. Zwischen 2001 und 2003 sind sieben Frauen von ihren Partnern getötet worden (Quelle: Offenbach Post vom 27.11.2004).
Beschreibung der Angebote auf die durch die Kampagne aufmerksam gemacht wird:
In Offenbach gibt es zwei Trägervereine, die explizit Frauen mit Gewalterfahrungen beraten und unterstützen:
- Verein Frauen helfen Frauen e.V. und
- Pro Familia, Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und –beratung e.V.
Der Verein Frauen helfen Frauen betreibt das Offenbacher Frauenhaus mit 32 Plätzen für Frauen (und deren Kinder) als Zuflucht bei häuslicher Gewalt / Gewalt in der Familie. Neben dem Schutzaspekt sind besonders hervorzuheben die Angebote der Beraterinnen (psychosoziale Fachkräfte) zur Verarbeitung der Gewalt-Erfahrungen sowie spezielle Angebote für die Kinder der Frauen, die häufig auch traumatisiert sind.
Aus dem Etat des Jugendamtes wird die Kinderarbeit im Frauenhaus gefördert. Der städt. Zuschuss zum Betrieb der Einrichtung ist etatisiert im Haushalt des Frauenbüros. Das Frauenhaus wird auch aus Mitteln des Landes Hessen gefördert und mit Eigenmitteln des Frauenhausvereins betrieben.
Die Beratungsstelle des Frauenhausvereins wird u. a. auch deshalb aus dem städtischen Etat gefördert, weil hier Frauen zum Gewaltschutzgesetz beraten werden. Damit wurde der Opferschutz verbessert – Möglichkeit des „Platzverweises“ des Täters, Zuweisung der gemeinsamen Wohnung an das Opfer). Weitere Angebote der Beratungsstelle sind z. B. Beratung bei Trennung und Scheidung und zum Sorgerecht sowie bei Stalking. Dazu bestehen Möglichkeiten der Einzel- und der Gruppenberatung durch psychosoziale Fachkräfte.
Am 1.1.2002 trat das Gewaltschutzgesetz (Gesetz zur Verbesserung des zivilrechtlichen Schutzes bei Gewalttaten und Nachstellungen sowie zur Erleichterung der Überlassung der ehelichen Wohnung bei Trennung) in Kraft. Durch Änderungen des Hessischen Gesetzes über die öffentliche Sicherheit und Ordnung (HSOG) wurde die Umsetzung auf Hessenebene geregelt. Die Aufgabenstellung der Polizei hat sich durch das Gesetz erweitert und die Verantwortungsübernahme findet ihren Niederschlag in speziell für Hessen entwickelten polizeilichen Handlungsleitlinien zur Bekämpfung häuslicher Gewalt.
Die Pro Familia als allgemeine „Sexualberatungsstelle“ betreibt als Projekt seit 1986 den Notruf für Frauen mit dem Schwerpunkt der Beratung und Hilfe bei sexueller Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Dazu wurde eine separate Telefonnummer eingerichtet. Durch die Zusammenarbeit der medizinischen und der psychosozialen Fachkräfte der Pro Familia und dem Notruf erfahren die Anruferinnen von allen vorhandenen Angeboten: von der medizinischen Beratung z. B. nach einer Vergewaltigung, Verordnung der „Pille danach“ über die psychologische Beratung bis zur Vorbereitung einer Gerichtsverhandlung und können diese dort in Anspruch nehmen. Das Notruftelefon ist zu bestimmten Zeiten besetzt, außerhalb dieser läuft ein Anrufbeantworter. Die Stadt Offenbach beteiligt sich an der Finanzierung der Beratungsstelle.
Durch die Beratungsmöglichkeiten des Frauenbüros werden Frauen unterstützt bei der Inanspruchnahme von Rechten und der Verfolgung ihrer Anliegen generell in Bezug auf Diskriminierung von Frauen. Das Frauenbüro fungiert hier als Clearingstelle, insbes. weil Frauen sich häufig mit multiplen Problemlagen an uns wenden. So vermitteln wir Frauen Informationen über bestehende Fachberatungsstellen. Als „Lobby für Frauen“ in der Stadt unterstützen wir z. B. die hier genannten Trägervereine bzgl. der Bereitstellung bzw. Absicherung einer frauengerechten sozialen Infrastruktur in der Stadt. Wir unterstützen Lehrerinnen und Elternvertretungen bei der Organisation von Trainingskursen zur Selbstbehauptung und Selbstverteidigung für Mädchen (und Frauen) durch Vermittlung von Trainerinnen und einen finanziellen Zuschuss.
Netzwerk gegen Gewalt in der Stadt Offenbach
Zur Stärkung der Zusammenarbeit der o. g. Fachberatungsstellen mit der Polizei, der Staatsanwaltschaft Offenbach, psychosozialen Fachkräften aus der Täterarbeit wie Mitarbeiter der Ehe-, Familien und Lebensberatung des Diakonischen Werkes und des Männerzentrums Frankfurt und dem Jugendamt koordiniert das Frauenbüro den Arbeitskreis gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen, der mehrmals jährlich tagt, Veranstaltungen durchführt und Informationen herausgibt. Die Geschäftsführung liegt beim Frauenbüro. Der Arbeitskreis ist Teil der kommunalen Präventionsarbeit der Stadt.
Sozialpolitische Zielsetzung:
Gewalt gegen Frauen und Mädchen, insbesondere auch häusliche Gewalt sind keine Privatsache. Auch wenn die Hilfe zur Selbsthilfe von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Verarbeitung von Gewalterfahrungen ist: gefragt sind Staat und Gesellschaft, um voranzukommen beim Abbau von Gewaltstrukturen, die die körperliche und seelische Integrität von Mädchen und Frauen gefährden und verletzen und die im übrigen auch Männer dauerhaft schädigen, wenn auch auf andere Weise. Auf kommunalpolitischer Ebene sind Politiker und Politikerinnen gefragt im Rahmen ihrer Verantwortung durch Lobbyarbeit auf Landes- und Bundesebene zur Absicherung der erforderlichen Ressourcen beizutragen. Zum anderen ist die kontinuierliche Bereitstellung von städt. Ressourcen für eine soziale Infrastruktur in der Stadt Offenbach notwendig:
a) die freien Trägern die weitere Unterhaltung von Beratungs- und Hilfsangeboten ermöglicht, insbesondere den Betrieb einer Zufluchtsstätte / Frauenhaus, psychosoziale, medizinische und juristische Beratung und Hilfe für Gewaltopfer, Therapieangebote insbesondere für Männer, die keine Gewalt mehr ausüben wollen
b) aus fachlichen Gründen muss es trägerseits sichergestellt sein, dass genügend weibliche Fachkräfte insbesondere für von Gewalt betroffene Frauen und Mädchen beschäftigt werden, dies gilt gleichermaßen für die Personalstrukturen bei Polizei und Staatsanwaltschaft
c) viele von Gewalt betroffene Frauen benötigen eine niederschwellige Anlaufmöglichkeit, d.h. kurzfristige flexible Termine, kostenfreie Beratung, die Möglichkeit anonym zu bleiben, gute Erreichbarkeit im Stadtgebiet. Die Angebote der Offenbacher Fachberatungsstellen bewegen sich quantitativ auf bescheidenem Niveau, das keinesfalls unterschritten werden darf
d) bei der Entwicklung / Fortschreibung und Evaluation von Qualitätskriterien der Beratungs- und Hilfsangebote der Polizei, städt. und freier Träger muss der hohe Anteil von Frauen mit Migrationshintergrund berücksichtigt werden. Dies bedeutet die Einbeziehung der Migrationsberatungsstellen, die Möglichkeit einer fremdsprachlichen Beratungsunterstützung und generell die Information über die Hilfsangebote für diese Zielgruppe
e) wirksame Unterstützungsmöglichkeiten für von Gewalt betroffene Frauen bestehen v. a. in der Prävention: Aufklärung über Gewaltursachen, über Möglichkeiten von Deeskalationsstrategien aus Opfer- und Täterperspektive, Förderung des gewaltfreien Dialogs der Geschlechter in der Schule und in Einrichtungen der Kinder- u. Jugendhilfe; die Aufzählung ist nicht abschließend
Zwölf Monate Laufzeit der Kampagne finanziell gesichert durch Sponsoring
Die finanziellen Mittel, die der Offenbacher Arbeitskreises Gegen Gewalt gegen Mädchen und Frauen zur Verfügung hat, ermöglichen es uns, die aktuelle Kampagne in den Bussen der OVB sieben Monate lang zu finanzieren (bis Dezember 2005). Mit Hilfe von Spenden der Stadtwerke Offenbach Holding GmbH und der Sparkasse Offenbach wird je ein weiterer Monat finanziert. Der Verein Sicheres Offenbach e.V. sponsert drei Monate, so dass die Kampagne in den Bussen insgesamt für 12 Monate finanziert werden kann.
Offenbach.de
Stadtwerke Offenbach Holding
Energieversorgung Offenbach AG
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