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Brötchentüten-Aktion gegen häusliche Gewalt

Offenbach, den 18.11.2010, letzte Bearbeitung: 22.11.2010

„Gewalt kommt mir nicht in die Tüte“: Wer in den kommenden Tagen Frühstücksbrötchen in einer Filiale der Bäckerei Beck, Bildstein oder Ködel kauft, erhält die gewünschten Backwaren in einer Tüte mit eben diesem Aufdruck und dem Hinweis „Gewalt in der Familie und in anderen sozialen Beziehungen ist keine Privatsache“ . Auf der Rückseite stehen verschiedene Telefonnummern und Ansprechpartnern in Offenbach zum Thema häusliche Gewalt. Zusammen mit Oberbürgermeister Horst Schneider, und Rudi Bär, Oberbürgermeister der Bäckerinnung Untermain stellte Karin Dörr vom Frauenbüro der Stadt Offenbach die Aktion, die rund um den Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen am 25.November vom 20. bis 27. November 2010 stattfindet, vor.

Gewalt kommt mir nicht in die Tüte: Karin Dörr vom Frauenbüro, Konditor Hartmut Weller aus Dreieich, Oberbürgermeister Horst Schneider und Rudi Bär, Obermeister der Bäckerinnung Untermain
Gewalt kommt mir nicht in die Tüte: Karin Dörr vom Frauenbüro, Konditor Hartmut Weller aus Dreieich, Oberbürgermeister Horst Schneider und Rudi Bär, Obermeister der Bäckerinnung Untermain

Mit der Aktion machen der Bäckerinnungsverband Hessen, das Hessische Sozialministerium, die Landesarbeitsgemeinschaft Hessischer Frauenbüros und die lokalen Netzwerke gemeinsame Sache, denn auch wenn das Thema inzwischen verstärkt in der Öffentlichkeit diskutiert wird, bleibt die Dunkelziffer der Fälle häuslicher Gewalt nach wie vor hoch.
Hessenweit werden ab Samstag 1,2 Millionen Brötchentüten mit dem Aufdruck „Gewalt kommt mir nicht in die Tüte“ über die Verkaufstheken Hessischer Bäckereien gehen, 21 Landkreise und kreisfreie Städten nehmen an der Brötchentütenaktion teil. In Offenbach sind es die bereits genannten drei Bäcker, die in ihren Filialen mit 10.000 Tüten dabei sind.
Für Rudi Bär von der Bäckerinnung war die Unterstützung der Aktion denn auch keine Frage, schließlich sollte beim Thema häusliche Gewalt niemand die Augen verschließen. Gewalt erkennen und handeln oder als Betroffener reagieren und sich wehren: „Das ist für viele Menschen immer eine Gradwanderung“, weiß Günter Rothenberg, Caritashaus St. Josef Offenbach. Der Diplom-Soziologe arbeitet in der psychologischen Betreuungsstelle, die auch eine Täterberatung anbietet. Die betreuten Fälle sind für ihn jedoch nur die Spitze des Eisbergs, denn aus Scham, Furcht oder Schuldgefühlen bleibt ein Großteil der Taten unentdeckt. „Gewalt kommt mir nicht in die Tüte“ ist für ihn daher Apell und Lebensprinzip zugleich, denn Gewalt sollte in keinem Fall eine Handlungsoption darstellen.
Aus der Praxis kennt auch Bettina Witte de Galbassini, Ärztin und Sexualberaterin bei pro Familia in Offenbach die Problematik vieler Betroffener aus Scham zu schweigen oder die Tendenz, das Erlebte als Privatangelegenheit abzutun. Außerdem: „Physische, psychische oder sexuelle Grenzverletzungen finden jeden Tag in allen Bevölkerungsschichten statt.“
Auch wenn 2002 mit dem Gewaltschutzgesetz ein Instrument zum Schutz vor häuslicher Gewalt geschaffen wurde, wird, vermutet Bettina Witte de Galbassini, Vergewaltigung in der Ehe fast nie angezeigt. Laut Statistik der Polizei wurden 2009 in Offenbach im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt 338 Fälle angezeigt. 310 Opfer waren weiblich, von diesen wurden 38 Fälle als schwere und gefährliche Körperverletzung eingestuft, in drei Fällen wurden Vergewaltigungen angezeigt. „Immerhin“, meint Karin Dörr und verweist auf den Anstieg der Fälle in Offenbach seit 2008. Denn die Koordinatorin des Arbeitskreis gegen häusliche und sexuelle Gewalt vermutet hinter diesem Anstieg keine Zunahme der Gewalttaten, sondern einen Wahrnehmungswandel, der sich auch in einem veränderten Anzeigeverhalten niederschlägt.
„Gewalt kommt mir nicht in die Tüte“ erreicht Menschen nicht nur Notsituationen, sondern in alltäglichen Situationen, wie eben dem Gang zum Bäcker. Wie wichtig eine weitere Sensibilisierung der Bevölkerung für dieses Thema ist, weiß auch Frank Weber, stellvertretender Leiter des Ordnungsamtes und zuständig für die kommunale Präventionsarbeit. Denn in vier von fünf Fällen von häuslicher Gewalt sind Kinder involviert, wenn sie Zeuge der Gewalt werden: „Diese Gewalterfahrung prägt und führt bei Jugendlichen nicht selten zu einer kriminelle Karriere.“
Auch für Oberbürgermeister Horst Schneider ist häusliche Gewalt keine Privatsache, daher engagiert er sich gerne für die Aktion: gemeinsam mit Bürgermeisterin Birgit Simon verkauft er am Samstag, den 20. November ab 10.00 Uhr Brötchen in der Filiale der Bäckerei Beck am Wilhelmsplatz.
Zusätzlich gibt es einen Informationsstand auf dem Wochenmarkt.
Weitere umfassende und mehrsprachige Informationen zum Thema häusliche Gewalt im Internet unter: www.gewaltschutz.info

weitere Bilder:
Konditor Hartmut Weller, Karin Dörr und Rudi Bär mit Brötchentüten
Konditor Hartmut Weller, Karin Dörr und Rudi Bär mit Brötchentüten