Neue Beratungsstelle will Männern Wege aus der Gewalt eröffnen
Offenbach, den 01.02.2007, letzte Bearbeitung: 29.09.2008Simone Kaucher-Quade
Herr M. ist Lkw-Fahrer. Trotz Arbeit reicht das Geld kaum zum Leben. Wenn Herr M. abends nach Hause kommt, will er seine Ruhe. Stattdessen wird er von Frau und Kindern bestürmt. In der Vergangenheit gab es deshalb häufig Streit. Und Herr M. schlug zu. Vor einigen Wochen kam die Wende, die Anlass zur Hoffnung gibt. Herr M. nimmt nun einmal wöchentlich ein neues Beratungsangebot in Anspruch – die Beratung für Männer. Herr M. will lernen, seine Wut zu kontrollieren und Gewalt zu vermeiden. Er möchte seine Ehe retten.
Im Dezember 2006 hat die neue Beratungsstelle für Männer ihre Arbeit aufgenommen. Träger ist der Caritasverband. Finanziell unterstützt wird die Beratungsstelle vom Förderverein Sicheres Offenbach und von der Stadt. Die Beratungsstelle befindet sich am Platz der Deutschen Einheit 7, wo der Caritasverband ein breites Beratungsangebot unterhält, unter anderem auch eine Eheberatungsstelle.
Die Beratung für Männer soll helfen, Gewaltsituationen in Familien zu überwinden. Es ist als Ergänzung zu den Hilfsangeboten für Opfer gedacht, denn oft halten Frauen trotz Gewalterfahrung an der Ehe oder Partnerschaft fest – sei es wegen der Kinder, sei es auf Grund finanzieller Abhängigkeit oder auch aus Zuneigung. Selbst unter jenen Frauen, die nach massiven Übergriffen Zuflucht im Offenbacher Frauenhaus suchten, kehrten im Jahr 2006 11,7 Prozent zu ihren Männern zurück. 2005 seien es sogar 24 Prozent gewesen, berichtete die Frauenbeauftragte Karin Dörr. Im Arbeitskreis gegen Gewalt an Frauen und Mädchen, an dem neben Polizei und Justiz auch die Stadt sowie Träger verschiedener Beratungsstellen mitwirken, weiß man: Viele Gewaltopfer wünschen sich, dass ihre Männer sich ändern.
Doch wie einsichtig sind die Täter? Herr M. besucht die Beratungsstelle, weil seine Frau mit Trennung gedroht hat. Schon seine vorherige Beziehung ist an seinen Aggressionen gescheitert. Der Berater, Diplom-Soziologe Jörg Fertsch-Röver, spricht von einer relativ geringen Eigenmotivation. Herr M. spielt seine Gewalt herunter, schiebt die Verantwortung ab. Dennoch hat er seit Beginn keinen einzigen Gesprächstermin versäumt. Er weiß, dass die Gewaltanwendung nicht richtig ist. Inzwischen hat Berater Fertsch-Röver mit seinem Klienten schon einige wichtige Punkte herausgefunden: Wie in den meisten solcher Fälle ist auch Herr M. kein klassischer Schläger, der in allen Lebenssituationen einfach draufhaut. Doch schon als Kind hat er häusliche Gewalt erlebt. Jetzt arbeitet er an Strategien, wie er in Stress-Situationen seine Wut und seinen Aggressionen bezwingen kann.
In Kürze soll auch seine Frau an einem der Gespräche teilnehmen. Das Einbeziehen der Partnerinnen ist eine Besonderheit des Offenbacher Beratungskonzepts. Dem Berater ermöglicht es eine genauere Vorstellung von der Paarbeziehung und ihren Konflikten und vom Ausmaß der Gewalt. Und die Teilnahme der Frau ermöglicht Vereinbarungen, die für beide Beteiligten verbindlich sind.
Die Beratungsstelle setzt darauf, dass Männer sie freiwillig aufsuchen. Wer sich meldet, soll möglichst zügig einen Termin für ein Erstgespräch erhalten. Auch eine „Probephase“ ist möglich. Je nach familiärer Situation werden ergänzende Hilfen wie bespielsweise eine Schuldnerberatung vermittelt.
Die Gespräche finden auf Deutsch statt. Der Handzettel, der öffentlich auf das Beratungsangebot hinweist, ist allerdings in sechs Sprachen abgefasst, um möglichst viele Männer anzusprechen. Die Adresse der Anlaufstelle ist auf eine Visitenkarte gedruckt, die sich leicht heraustrennen lässt. Auch die Adresse des Männerzentrums im Frankfurter Sandweg ist genannt. Denn mancher mag die größere Entfernung vom Wohnort als Vorteil empfinden. Allen anderen soll die Offenbacher Beratungsstelle den Weg verkürzen und somit den Zugang erleichtern.
Mit einer finanziellen Ausstattung von rund 4000 Euro, davon die Hälfte vom Verein Sicheres Offenbach e.V., ist die Arbeit der Beratungsstelle zunächst für ein Jahr gesichert. Um den Betrieb dauerhaft zu etablieren, suchen Caritas und Frauenbüro schon jetzt nach weiteren Geldgebern.
Offenbach.de
Stadtwerke Offenbach Holding
Energieversorgung Offenbach AG
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