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Das Leitbild der Rhein-Main-Region - von, mit und nicht allein für Frauen

Offenbach, den 01.03.2004, letzte Bearbeitung: 16.03.2004

Das Leitbild ist ein Beitrag zur öffentlichen Diskussion und zur aktiven Gestaltung der regionalen Planung aus der Sicht von Frauen. Wir wollen damit eine Ergänzung der Diskussion über bereits vorhandene, nach unserer Beobachtung männlich geprägte, regionale Entwicklungsmodelle präsentieren, die einseitig auf ökonomischen Wachstumsprozessen basieren.

Grundsatz: Die Region als Lebensraum

Ein Leitbild für die Region aus der Sicht von Frauen knüpft an den unterschiedlichen Lebensbedingungen von Frauen an und berücksichtigt ferner den umfassenden demographischen und ökonomischen Wandel unserer Gesellschaft und der Region. Die Lebensbedingungen von Frauen unterscheiden sich innerhalb verschiedener Raumtypen (Ballungskerne, Ballungsräume und ländlich geprägte Räume), aber auch während verschiedener Lebensphasen. Das hat für uns zur Konsequenz, dass räumliche Strukturen offen für verschiedene Lebensformen wie für nicht voraussagbare sozio-ökonomische Wandlungsprozesse sein müssen.


Ausgangslage: Zur Lebenssituation von Frauen in der Region

Ökonomischer und gesellschaftlicher Strukturwandel wirken wechselseitig und bestimmen Chancen und Grenzen der Lebensgestaltung von Frauen. Für die Beschreibung der Lebenslagen in der Region müssen daher ökonomische, soziale und ökologische Aspekte berücksichtigt werden; zum Beispiel:

Erwerbsquoten

Frauen in der Rhein-Main-Region sind in hohem Maße erwerbsorientiert. Die Erwerbsquoten sind mit annähernd 66% in den Kernstädten Frankfurt, Offenbach, Wiesbaden und Darmstadt überdurchschnittlich hoch. In den umliegenden Kreisen und Gemeinden differieren die Erwerbsquoten regional, sie erreichen jedoch immer noch den Bundesdurchschnitt von 60% *.

*Zahlen nach Bartelheimer, Peter "Soziale Ungleichheit in der Region - Stadt - Umland - Grenzen als soziale Spaltungslinien?", In: Magistrat der Stadt Frauenfurt/Frauenreferat; "Frankfurt, das Umland, das Geld ... und die Frauen?", Dokument der Anhörung vom 01. Juni 1995


Beschäftigungsentwicklung

Der Strukturwandel der Wirtschaft hin zum tertiären Bereich hatte in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass viele neue Arbeitsplätze in den Büroberufen geschaffen wurden und vor allem Frauen Arbeitsplätze fanden. Die Dynamik war dabei im Umland größer als in den Kernstädten. Die Expansion des Dienstleistungsbereichs ist jedoch mittlerweile zum Stillstand gekommen. Entsprechend der allgemeinen Entwicklung ist in der Region inzwischen ein Rückgang der Beschäftigung zu verzeichnen. Beschäftigungsverluste gibt es dabei insbesondere im verarbeitenden Gewerbe. Besonders betroffen sind davon die Kernstädte.

Pendlerinnen

Die Mobilität der Beschäftigten in der Region ist schon seit vielen Jahren hoch und ist zuletzt, offensichtlich als Antwort auf die schwierige Beschäftigungssituation, weiterhin gewachsen. Frauen pendeln weniger als Männer. Sie sind verstärkt auf Arbeitsplätze angewiesen, die in der Nähe des Wohnortes liegen bzw. in angemessener Zeit zu erreichen sind, da die Frauen immer noch die Hauptverantwortung für die Familienarbeit tragen. Dabei gibt es regional deutliche Unterschiede in den Pendlerinnenzahlen, die u.a. das unterschiedliche Arbeitsplatzangebot vor Ort wiederspiegeln.

Haushaltsstrukturen

Deutliche regionale Unterschiede zeigen sich in den Haushaltsstrukturen. Alleinerziehende, alleinstehende Frauen finden sich eher in den Kernstädten, Familien mit Kindern leben häufiger im Umland.

Versorgung und Infrastruktureinrichtungen

Die Möglichkeiten, den Bedarf an Verbrauchsgütern zu decken, sind in den Kernstädten hervorragend, werden aber im Umland und im ländlichen Raum deutlich geringer. Bereits in den Umlandgemeinden ist eine Deckung des mittelfristigen Bedarfs vor Ort nicht immer lückenlos gegeben. Entsprechendes gilt für die soziale und kulturelle Infrastruktur.

Die Offensive Einmischung für die Region als Lebensraum

Ein Leitbild für die Rhein-Main-Region, das sich an heterogenen weiblichen Zielgruppen orientiert, muß sich den Anforderungen des Strukturwandels und den daraus folgenden Neudefinitionen für gesamtgesellschaftliche Arbeit stellen. Ein Begriff von Wachstum, der wirtschaftliche Prosperität von Unternehmen gleichsetzt mit Wohlstand für die Bevölkerung in der Region, ist als veraltet anzusehen. Wirtschaftliches Wachstum wird, so die Prognosen, keinen Automatismus von Beschäftigungszuwachs nach sich ziehen. Die Zeiten von Beschäftigungszuwächsen, von denen Frauen in der Vergangenheit profitieren konnten, sind vorbei. Vollbeschäftigung als Ziel für alle ist von der Realität überholt. Gleichzeitig wächst die Notwendigkeit, die Krise der Erwerbsarbeit und die sich daraus ergebende Krise der sozialen Sicherungssysteme gesellschaftlich neu zu regeln. Die Perspektive einer Organisation des sozialen Lebens, vorstellbar in einem Mix von bezahlter und unbezahlter Arbeit, öffentlicher und privater Fürsorge, muß sich verbinden mit einer Überwindung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung.

  • Das Leitbild knüpft an den Lebenssituationen von Frauen in den unterschiedlichen Raumtypen an. In Anerkennung der Vielfalt von Lebensentwürfen von Frauen sollen die Qualitäten und Defizite in den verschiedenen Raumtypen in das Blickfeld der Planung für die Region genommen werden
  • Allen Frauen (und Männern) ist ein möglichst frei gewähltes und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, gleich nach welchen Vorstellungen sie leben wollen
  • Bei allen Konzepten und Maßnahmen muß das Ziel einer Gleichberechtigung der Geschlechter Berücksichtigung finden. Das gilt insbesondere für die Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit.
  • Die Sicherung von Lebensqualität muß für alle Raumtypen gleichwertig erfolgen. Das heißt in unserem Verständnis von Planung: Gleichwertigkeit bei unterschiedlicher Gewichtung der Maßstäbe. So ist es zwar anzustreben, die Polarität der Qualitäten zwischen Wohnen "im Grünen" in der Region aber nicht auflösen
  • Räumliche Strukturen müssen so gestaltet sein, dass sie die Lebensgrundlagen der nachfolgenden Generationen nachhaltig sichern
  • Bei einer nachhaltigen regionalen Entwicklung sollen ökonomische, soziale und ökologische Prozesse gleichwertig zu zukunftsfähigen Strukturen miteinander verknüpft werden. Die damit verbundene Neubewertung von Produktions- und Reproduktionsbedingungen auch im regionalen Maßstab machen eine dezidierte Betrachtung der geschlechtsspezifischen Arbeitsverteilung notwendig. Eine nachhaltige regionale Entwicklung muß daher mit einer konsequenten Partizipation von Frauen als Bürgerinnen und als Fachfrauen einhergehen.

    Merkmale des Leitbilds

    Das Leitbild ist Station eines Entwicklungsprozesses, in dessen Verlauf Ausgangspunkte, Ziele und Maßnahmen einer ständigen Überprüfung bedürfen. Ob Entwicklungspotentiale von und für Frauen gefördert oder behindert werden, kann durch folgende Parameter überprüft werden:

  • Die Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Belange in Planungs- und Entscheidungsverfahren Modelle einer frauengerechten Partizipation sind abzusichern und weiterzuentwickeln (z.B. Trägerinnen öffentlicher Belange, quotierte Besetzung von Fach- und Entscheidungsgremien)
  • Die baulich räumliche Entwicklung des jeweiligen Raumtypus unter Berücksichtigung seiner Stärken/Schwächen in einem polyzentrischen Modell. Die historisch gewachsene Polyzentralität der Region bleibt erhalten und wird in ihrer Struktur ausgebaut. Der Innenentwicklung der Gemeinden wird Vorrang vor weiteren Flächenausweisungen eingeräumt. Vorhandene Planungs- und Steuerungsinstrumente sind im Interesse von Frauen zu nutzen und auszubauen. D.h. zum Beispiel die Sicherstellung von Wohnqualität, eine Grundausstattung an sozialer und kultureller Infrastruktur und eine gute Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr
  • Die Verbindung der Erwerbsarbeit mit der sogenannten "privaten" Arbeit und den Angeboten sozialer Daseinsfürsorge.
    Die Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit muß durch ein entsprechendes Infrastrukturangebot gewährleistet sein. Dabei gehen wir davon aus, dass es zukünftig nur für einen Teil der Bevölkerung Vollbeschäftigung im herkömmlichen Verständnis geben wird und dass Arbeit neu definiert werden muß.
  • Die Frage der Erreichbarkeit in einem erweiterten Mobilitätsverständnis (Berücksichtigung und Gleichwertigkeit aller Verkehrsarten). Ländlich geprägte Regionen sollen gut mit dem öffentlichen Personennahverkehr an die Arbeitsstätten und an die Versorgungszentren und die überörtliche soziale Infrastruktur angebunden werden.
  • Die Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen Freiflächen, insbesondere im Siedlungsbereich, sollen als Erholungsräume "offengehalten" werden. Wichtige Landschafts- und Naturschutzgebiete sind zu sichern.

    Folgerungen/Forderungen aus dem Leitbild:

    Planung für eine Region als Lebensraum

    Ausgangspunkt der Planung muß die Lebenssituation von Frauen in der Region unter Beachtung der jeweils unterschiedlichen Räume, Bereiche und Zielgruppen sein. Dazu sind entsprechende Analysen notwendig.

    Neue Kooperationsformen

    Grundbedingung zur Umsetzung des Leitbildes ist eine verbindliche Kooperation von Kommunen, regionalen und sektoralen Planungsinstanzen. Dabei ist die Verankerung von Fraueninteressen zu garantieren. Notwendig ist eine Verknüpfung von Partizipation, Konzeptentwicklung, Entscheidung und Umsetzung.

    Gleichwertige Lebensbedingungen schaffen

    Die Anforderungen zur Sicherung und Weiterentwicklung der Lebensqualität von Frauen (und Männern) in verschiedenen Lebenslagen und differenziert nach unterschiedlichen Raumtypen spiegeln ein komplexes Geflecht planungsrelevanter Merkmale. Diesem Beziehungsgefüge muß mit neuen Verfahren und anderen Lösungen Rechnung getragen werden, wenn Planung ihrem, im Entwurf des Landesentwicklungsplans postulierten Anspruch der Beteiligung an der Herstellung gleichwertiger Lebensbedingungen von Frauen und Männern in der Region Rechnung tragen will.



Das Leitbild wurde erstellt von der Frauenbeauftragten-Konferenz-Rhein-Main und allen lokalen und regionalen Stellen zugestellt. In die Diskussion über die Weiterentwicklung der Region wollen sich Frauenbeauftragte, Frauenpolitikerinnen und Fachfrauen mit diesem Leitbild aktiv einmischen.