Der Kfz-Mechatroniker – ein neues Berufsbild spiegelt den technischen Fortschritt
Offenbach, den 21.07.2004, letzte Bearbeitung: 12.03.2008Die Offenbacher Verkehrs-Betriebe GmbH (OVB) ist stolz auf ihre Busflotte. 44 Fahrzeuge der OVB, 18 Busse der Main Mobil Offenbach und 9 Fahrzeuge der Main Mobil Frankfurt gehören dazu. Sie flott zu halten, ist Sache des OVB-Serviceteams. Dort absolviert der 17-jährige Patrick Recktenwald seit dem 1. September vergangenen Jahres seine Ausbildung. Und dabei lernt er gleich zwei Berufe auf einmal: Kfz-Mechaniker und Kfz-Elektriker. Was früher verschiedene Ausbildungsberufe waren, wurde kombiniert – zum Kfz-Mechatroniker – im Falle der OVB mit Schwerpunkt Nutzfahrzeuge.
„Das neue Berufsbild kommt uns sehr gelegen“, sagt Ausbildungsleiter Markus Hein. „Es muss Allrounder geben.“ Die elektronischen Komponenten in Fahrzeugen nehmen zu, da ist eine Trennung einfach nicht mehr zeitgemäß. Überholt ist die frühere Arbeitsteilung, ein Mechaniker kümmert sich um einen defekten Anlasser, der Elektriker um die zugehörigen Kabel.
Die Ausbildungsdauer ist indes bei dreieinhalb Jahren geblieben. Zwei Berufe im gleichen Zeitraum zu erlernen, „das ist schon eine Herausforderung“, sagt Hein. Die Ausbildung zum Mechatroniker erfolgt im dualen System: Betriebliche Praxis ist verknüpft mit theoretischem Unterricht.
Patrick besucht die Gewerblich-Technischen Schulen in Offenbach. Der Unterricht konzentriert sich auf vier Tage im Monat. Davon ist jeweils ein Tag für die überbetriebliche Praxis in einer schulischen Werkstatt reserviert, die drei übrigen Tage sind der Theorie vorbehalten: Elektrotechnik und technische Mathematik, Deutsch, Wirtschafts- und Sozialkunde stehen unter anderem auf dem Lehrplan.
In der Berufsschule trifft Patrick auf Auszubildende, die schwerpunktmäßig mit Pkw zu tun haben. Der Schulstoff umfasst daher teilweise auch Themen, mit denen Patrick in der Praxis wenig zu tun hat: zum Beispiel Zündkerzen. Busse sind mit Dieselmotoren ausgestattet und brauchen daher keine Zündkerzen. Doch die Kollegen in der Werkstatt sind auch in dieser Hinsicht Allrounder. Bei ihnen kann sich Patrick jederzeit fachlichen Rat einholen.
Fachbücher stehen den Auszubildenden bei der OVB ebenfalls zur Verfügung und außerdem gibt es ein interaktives Lernprogramm – entwickelt unter anderem von der Daimler-Chrysler AG, mit deren Frankfurter Werk die OVB in Ausbildungsfragen kooperieren. Anderthalb Stunden pro Woche kann Patrick mit Hilfe des Computerprogramms den Schulstoff wiederholen und seinen Wissensstand testen. „Das ist wirklich gut“, sagt er. Und auch Ausbildungsleiter Hein schätzt die Lernsoftware: „Damit können sich die Azubis selbst fit machen.“
Patrick Recktenwald hat die Mittlere Reife an der Ernst-Reuter-Gesamtschule in Dietzenbach erworben. Fast 50 Bewerbungen musste er schreiben, bevor es bei der OVB mit der Lehrstelle klappte. Zu Schulzeiten hatte er dort bereits zwei Praktika absolviert. Mechatroniker war und ist sein Wunschberuf.
Bei der OVB gehen im Schnitt 60 Bewerbungen auf zwei Ausbildungsstellen ein. Worauf achtet der Ausbildungsleiter besonders? „Gewisse Fächer müssen stimmen“, sagt Hein. Mathe und Physik sind wichtig. Hein legt außerdem großen Wert auf Sozialverhalten und Arbeitsverhalten. „Teamarbeit ist das A und O, Eigenbrötler haben keine Chance“, sagt er. Bei besonders kniffligen Problemen werden mögliche Lösungsansätze im Team diskutiert. „Der Austausch ist ganz wichtig“, betont Hein.
Zu seiner Philosophie gehört auch, dass Auszubildende lernen, selbstständig zu arbeiten. Patrick musste sich schon wenige Wochen nach Ausbildungsbeginn mit Hilfe eines Computers an einer Fehlerdiagnose versuchen. Die Zeiten, in denen ein „Stift“ bloß Hilfsarbeiten verrichtete, sind vorbei. „Der Auszubildende muss sich auch etwas zutrauen“, erklärt Hein. Allein gelassen sei er dabei nie. Rückfragen beim Reparaturleiter sind ausdrücklich erwünscht. Der behalte seinen Lehrling zudem jederzeit im Auge. Sobald der Blick des Azubis allzu ratlos werde, gehe der Reparaturleiter von sich aus auf den Lehrling zu. „Wir fragen dann nicht, ob derjenige Probleme hat, sondern, was er bereits ausprobiert hat und wie weit er gekommen ist.“ Nach Patricks Erfahrung funktioniert dieses System gut.
Tätigkeiten, die schon mehrfach ausgeführt wurden, müssen allerdings irgendwann Routine sein. Reifen wechseln zum Beispiel. „Das muss nach dem ersten Jahr einfach sitzen“, sagt Markus Hein.
Auch wenn es vieles gibt, was an allen Fahrzeugen gleich ist. Es gibt auch immer wieder Unterschiede. Bei der OVB-Busflotte handelt es sich überwiegend um Fahrzeuge von MAN und Daimler. Zu den rund 400 Fahrzeugen, die das Serviceteam insgesamt wartet, gehören allerdings auch die Nutzfahrzeuge der ESO Dienstleistungsgesellschaft - vom Rasenmäher über Müllfahrzeuge bis zu Spezialfahrzeugen - und die sind teilweise von anderen Herstellern gebaut. Jeder Hersteller hat für bestimmte Fahrzeugbereiche seine spezifischen Lösungen entwickelt. Und hinzu kommt eine Reihe von Funktionen, die es im Pkw-Bereich gar nicht gibt. Bei den Bussen ist es beispielsweise die elektronische Haltestellen-Anzeige oder der Absenkungsmechanismus an den Niederflurfahrzeugen, der dafür sorgt, dass die Fahrgäste barrierefrei ein- und aussteigen können. „Das erste Lehrjahr braucht man, um überhaupt den Überblick zu kriegen“, sagt Patrick.
Eines der Prüfungsfächer heißt Arbeitsplanung. Dabei kommt es darauf an, das eigene Vorgehen systematisch zu strukturieren, eine sinnvolle Reihenfolge festzulegen und den Materialeinsatz zu planen. „Das kann man nicht lernen, wenn man nur zuarbeitet“, meint Hein.
Patrick hat sich inzwischen sein erstes Auto gekauft – einen Opel – und hat den Unfallwagen selbst wieder flott gemacht. Kollegen standen ihm mit Rat und Tat zur Seite. „Das ist schon was, wenn sich ein Azubi nach dem ersten Lehrjahr selbst einen Unfallwagen zurechtflickt. Und es sieht gut aus, was er da gemacht hat“, lobt Markus Hein - nicht ohne Stolz, denn schließlich zeigt sich darin auch die Qualität der Ausbildung.
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