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Der Alte Friedhof - Idyllischer Park und letzte Ruhestätte bedeutender Offenbacher

Offenbach, den 28.08.2006

Märchenhaft mutet der Alte Friedhof an. Wer ihn über den Westeingang, Friedhofstraße 21, betritt, der wird schnell gewahr, was den eigentümlichen Charakter der 1832 angelegten Begräbnisstätte ausmacht. Hohe, teilweise mehr als 100 Jahre alte Bäume geben der denkmalgeschützten Anlage einen parkähnlichen Charakter. Aufwändig gestaltete Monumente, verspielte Engelfiguren und andere Skulpturen machen ihn kulturhistorisch bemerkenswert. Und auch stadtgeschichtlich ist der Alte Friedhof interessant:

Denmalgeschützte Platanenallee auf dem Alten Friedhof
Denmalgeschützte Platanenallee auf dem Alten Friedhof

Persönlichkeiten, die die Wirtschaft, das politische und kulturelle Leben in Offenbach und teilweise auch darüber hinaus geprägt haben, sind auf dem Alten Friedhof begraben. Ebenso finden sich dort Gedenkstätten, die an herausragende Ereignisse der Offenbacher Geschichte erinnern.

Manche Gräber, im jeweiligen Zeitgeschmack gestaltet, spiegeln die herausragende soziale Stellung wider, die der oder die Bestattete zu Lebzeiten einnahm. Doch nicht selten ist gerade mit unscheinbaren Grabstätten eine besondere Geschichte verknüpft. Nachfolgend werden drei Grabstätten mit ihrem stadthistorisch interessanten Hintergrund vorgestellt:

Carl Ulrich
Von würdevoller Schlichtheit ist der Gedenkstein für den ersten hessischen Staatspräsidenten Carl Ulrich. Geboren wurde der spätere Sozialdemokrat am 28. Januar 1853 in Braunschweig als Kind einer Arbeiterfamilie. Im August 1874 kam Ulrich zum zweiten Mal nach Offenbach. Die Stadt wurde zu seiner zweiten Heimat. Im August 1875 wurde er von den Offenbacher Parteigenossen zum hauptberuflichen Redakteur der von ihm mitbegründeten sozial-demokratischen „Neuen Offenbacher Tages-Zeitung“ bestimmt. Später wurde er Geschäftsführer und Herausgeber des Nachfolgetitels „Offenbacher Abendblatt“. Am 21. März 1885 wurde Carl Ulrich als einer der beiden ersten Sozialdemokraten in den Landtag (II. Kammer) des Großherzogtums Hessen-Darmstadt gewählt. Dies war der Beginn einer der längsten Abgeordnetenkarrieren in der deutschen Parlamentsgeschichte. Bis 1931 gehörte Ulrich dem Landtag an - zunächst des Großherzogtums Hessen-Darmstadt, ab 1919 dem Landtag des Volksstaates Hessen. Von 1890 bis 1930 (mit Unterbrechung 1903-1907) war Ulrich Mitglied des Deutschen Reichstags. Am 9. Januar 1896 zog er zudem als erster SPD-Politiker in das Offenbacher Stadtparlament ein und blieb Stadtverordneter bis 1918 und erkämpfte unter anderem eine Demokratisierung des kommunalen Wahlrechts. Ulrich wurde am 21. Februar 1919 zum Staatspräsidenten des Volksstaates Hessen - vergleichbar dem heutigen Ministerpräsidenten - gewählt. Nach Verabschiedung der hessischen Verfassung am 12. Dezember 1919 wurde er am 16. März 1920 als Staatspräsident vereidigt. Er blieb bis kurz nach Vollendung seines 75. Lebensjahres im Jahre 1928 im Amt. Ulrich starb 80-jährig in der Nacht zum 12. April 1933 in Darmstadt.

Das Grab der Familie Moritz Krumm verweist auf die Lederwaren-Industrie in Offenbach. Der Feintäschner Ludwig Krumm gründete 1856 die Firma, die später als „Gold-Pfeil“ berühmt wurde. Der Name Gold-Pfeil geht auf ein Erlebnis von Theodor Krumm, einem der sechs Söhne Ludwig Krumms, zurück, der in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts auf einer seiner Reisen in London von einem Schnellzug namens „Golden Arrow“ (Goldener Pfeil) fasziniert war. 2002 gab Gold-Pfeil die Produktion in Offenbach auf.

Eisenbahnunglück 1900
Ein Obelisk erinnert an die Eisenbahnkatastrophe am 8. November 1900, die zehn Menschen das Leben kostete. „Bei voller Fahrt und mit ungeheuerer Kraft“, wie es am nächsten Tag in der Zeitung hieß, prallte ein Personenzug gegen 22.30 Uhr auf offener Strecke zwischen Mühlheim und Offenbach auf einen wartenden Schnellzug. Ausströmendes Gas entzündete sich sofort, die Waggons standen in Flammen, zehn Menschen wurden zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Die Opfer, darunter zwei Russen, wurden erst am 16. November beigesetzt. Einen Tag nach dem Zusammenstoß erschien in der Offenbacher Zeitung eine Anzeige einer Versicherungsgesellschaft, die mit Hinweis auf das Unglück zum Abschluss einer lebenslänglichen Eisenbahn-Unfall-Versicherung riet.

Jüdisches Gräberfeld
Seit 1861 existiert der jüdische Friedhof, der sich an der Ostseite des Alten Friedhofs anschließt. Dort befinden sich die Grabsteine einiger herausragender Vertreter der Offenbacher Sozial-, Wirtschafts- und Geistesgeschichte, die jüdischen Glaubens waren. So ist zum Beispiel Ludo Mayer hier begraben. Geboren am 28. April 1845 in Offenbach, trat er 1870 in die 1857 von seinem Vater mitgegründete Lederfabrik Mayer & Feistmann (später Mayer & Sohn) ein und führte als erster in Deutschland die Chromgerbung ein. Für seine Großzügigkeit gegenüber der Stadt Offenbach machte diese ihn an seinem 70. Geburtstag (1915) zu ihrem Ehrenbürger. Ludo Mayer, dessen Grabstätte von dem Darmstädter Bildhauer Jobst entworfen wurde, starb am 14. November 1917 anlässlich eines Kuraufenthaltes in Bad Nauheim.

Grüne Oase mitten in der Innenstadt
Auch aufgrund seines hohen Baumbestandes und der großen Artenvielfalt lädt der Alte Friedhof zum Spazierengehen und Verweilen ein. Die verschiedensten Laubbäume spenden Schatten an heißen Sommertagen und sorgen zudem an einem Hauptverkehrsknotenpunkt in der Innenstadt für frischen Sauerstoff. Die Platanenallee, die von der Friedhofstraße östlich verläuft, ist über 100 Jahre alt und denkmalgeschützt. Diese Anlage wurde im Jahr 1832 sehr exakt geplant und geometrisch angelegt. Die Hauptallee ist bis zu einer kleinen Quermauer in der Mitte des Alten Friedhofs mit Platanen bepflanzt. In der Verlängerung hinter der Mauer stehen Kastanien. Von der Hauptallee zweigen nach links und rechts kleinere Seitenalleen ab, denen die Besucher des Alten Friedhofs auf ihrer Entdeckungstour folgen können.

Historie des Alten Friedhofs
Bis 1832 befand sich der Friedhof in etwa dort, wo sich heute der Wilhelmsplatz erstreckt. Der dortige Friedhof war Ende des 17. Jahrhunderts angelegt worden. Nachdem er für Begräbnisse geschlossen worden war, ließ man ihn bis 1864 ruhen, bevor die letzten noch dort verbliebenen Grabsteine auf den neu angelegten Friedhof überführt wurden. Dies ist der Grund, weshalb man auf dem Alten Friedhof Grabstätten aus dem 18. Jahrhundert findet. Am östlichen Ende des Friedhofs erhielt die Jüdische Gemeinde im Jahre 1860 Gelände zur Bestattung ihrer Toten, nachdem der Jüdische Friedhof an der Bismarckstraße/Groß-Hasenbach-Straße geschlossen worden war. Die danach errichtete, größtenteils erhaltene Mauer schließt beide Friedhofsteile, den christlichen und den jüdischen, zusammen. Wegen des zu hohen Grund-wasserspiegels sind auf dem Alten Friedhof seit 1997 keine Erdbestattungen mehr möglich. Lediglich Urnen werden dort noch beigesetzt. Seit 1939 verfügt die Stadt Offenbach über einen Neuen Friedhof an der Mühlheimer Straße. Die Grabstätten prominenter Offenbacher befinden sich vor allem an der Nordseite des Friedhofs, entlang der Mühlheimer Straße.

Die ESO Offenbacher Dienstleistungsgesellschaft mbH, ein Tochterunternehmen der Stadtwerke Offenbach Holding GmbH, sorgt neben ihren Dienstleistungen in den Bereichen Abfallentsorgung, Straßenreinigung und -unterhaltung, Entwässerung und Grünwesen auch für die Unterhaltung und Pflege der Friedhöfe in Offenbach. In ihre Zuständigkeit fallen der Alte Friedhof und der Neue Friedhof sowie die Friedhöfe in Bieber, Bürgel und Rumpenheim. Darüber hinaus betreibt die ESO GmbH das Krematorium auf dem Neuen Friedhof.

Alle Informationen zu den Offenbacher Friedhöfen und insbesondere zum Alten Friedhof finden Sie auch hier im Internet unter www.eso-of.de. Ebenso kann man einen virtuellen Rundgang über den Alten Friedhof und über das Jüdische Gräberfeld unternehmen. Stadtarchivar a. D. Hans-Georg Ruppel erläutert die Stationen und informiert über die geschichtlichen Hintergründe.

Wer den Friedhof als „Ort des Lebens“ entdecken möchte, ist herzlich zum Tag des Friedhofs am Samstag, 16. September 2006, von 11:00 bis 18:00 auf den Neuen Friedhof in der Mühlheimer Straße 425 in Offenbach eingeladen. Die ESO GmbH beteiligt sich an dem bundesweit unter dem Motto „Ort des Lebens“ veranstalteten Tag des Friedhofs und bietet interessierten Bürgerinnen und Bürgern ein umfangreiches Informationsprogramm mit Ausstellung, Vorführungen, Vorträgen und Führungen.