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Von links nach rechts: Paul-Gerhard Weiß (Bildungsdezernent) , Gabriele Botte (Leiterin der Volkshochschule Offenbach), Kai Seibel (Leiter der Fachstelle Bildungskoordinierung und Beratung), Beatrice Ploch (Fachstelle Bildungskoordinierung und Beratung), Stefan Heinzmann (Jugendhilfeplanung beim Jugendamt), Roberto Priore (stellvertretender Jugendamtsleiter), Volker Käpernick (Staatliches Schulamt Offenbach) und Sabine Groß (Sozialdezernentin) bei der Vorstellung der aktuellen Ausgabe des Erziehungs- und Bildungsberichts 2018. © Stadt Offenbach
„Ihr fehlt!“ möchte man den 2.090 jungen Menschen zurufen, die irgendwann durchs Netz gefallen sind und jetzt nur noch als „NEET“-Quote in der Statistik auftauchen. „Not in Employment, Education, Training“, auf gut deutsch nicht in Erwerbsarbeit, nicht in einer Bildungs- oder Trainingsmaßnahme, also erstmal keinen Anschluss, obwohl es ausreichend Möglichkeiten gegeben hätte und auch noch gibt. Ämterübergreifend unternimmt die Stadt Offenbach zahlreiche Anstrengungen, um Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen einen ordentlichen Schulabschluss, und wenn dies nicht gelingt, eine in einen Beruf führende Qualifizierung zu ermöglichen.

Der jetzt vorgestellte Erziehungs- und Bildungsbericht (EBO) greift die Ergebnisse dieser  Anstrengungen auf, zieht Bilanz und ist, so Bildungsdezernent Paul-Gerhard Weiß, eine wichtige Handreichung für die weiteren Schritte in den kommenden drei Jahren. Dann erscheint üblicherweise der nächste EBO. Seit 2005 veröffentlicht die Stadt Offenbach den Bericht, beim Blick zurück auf die vergangenen drei Jahre fallen vor allem das rasante Wachstum der Stadt, die Zuwanderung sowie die daraus resultierenden Herausforderungen für die Bildungsträger auf. Rund 136.000 Menschen lebten Ende 2017 in Offenbach. Betrachtet man die Altersgruppe bis 18 Jahren fällt auf: Fast 10 Prozent sind erst im Zeitraum 2015-2017 nach Offenbach zugewandert. Bei den unter Dreijährigen liegt dieser Anteil sogar bei 18 Prozent. Hinzu kommt, Offenbach ist eine junge Stadt, rund 30 Prozent beträgt der Bevölkerungsanteil der bis 27-Jährigen, die eine Krabbelstube, den Kindergarten oder eine Schule besuchen, sich in einer Ausbildung befinden oder, im besten Fall, bereits auf eigenen beruflichen Füßen stehen.

Herausforderung Sprachkompetenz

Bildung von Anfang an. Das bedeutet insbesondere für die kleinen Neubürger mit Migrationshintergrund sprachliche Förderung bereits in Krabbelstube und Kita. Rund 80 Prozent beträgt deren Anteil inzwischen, dies bedeutet allerdings nicht, dass diese kein deutsch sprechen und verstehen. „Es sind ja nicht alle neu hier“, betont Sozialdezernentin Sabine Groß, „aber es ist wichtig, alle mit unseren Angeboten zu erreichen und zu unterstützen.“ Alle meint alle und nicht nur jene mit Migrationshintergrund.

Herausforderung Anwesenheit

Gerade dann, wenn Kinder und Jugendliche Gefahr laufen, den Anschluss zu verlieren und bereits wegen mangelnden Grundkenntnissen aus dem Bildungsbetrieb aussteigen. In der Grundschule wird in der Regel noch relativ viel aufgefangen, schon ab der fünften Klasse beginnen manche, physisch oder psychisch auszusteigen, nehmen die Fehlzeiten mit dem Alter zu. Ab der fünften Klasse steigt der Anteil der sogenannten Schulabstinenten  kontinuierlich an, auffällig daran ist, dass die jeweils älteren Schüler eines Jahrgangs, also meist die „Klassenwiederholer“, dem Unterricht fernbleiben. Anfangs noch zwischen 11 und 21 Fehltagen im Halbjahr, später bis zu 41 Fehltagen.  „Wir versuchen die Jugendlichen mit unserem Konzept ‚Jugendhilfe an Schule‘ und intensiver Fallarbeit schon frühzeitig zu erreichen“, erklärt Roberto Priore, stellvertretender Leiter des Jugendamts, „und nicht erst dann, wenn sie sich schon komplett aus dem Bildungsprozess verabschiedet haben.“

Dennoch gibt es auch Projekte für jene Jugendlichen, deren Distanz zur Schule so groß ist, dass sie „ein anderes pädagogisches Setting benötigen“, um außerhalb der Regelschule wieder für diese qualifiziert zu werden.  Ein Jahr lang besuchen aktuell 10 Schülerinnen und Schüler an fünf Tagen in der Woche das Projekt „Scout“, das das Jugendamt in Kooperation mit dem Staatlichen Schulamt durchführt. Dort holen sie das Versäumte nach und sollen motiviert werden, danach wieder die Regelschule zu besuchen und dann wieder mit der Klasse mithalten zu können. Aber auch neben Projekten wie „Scout“ und dem „Case Management“ gibt es mit Produktionsschulen und beruflicher Bildung zwar immer noch Möglichkeiten, wieder anzuschließen. Auch der Weg zum Abitur ist nach wie vor möglich, allerdings ist dies ungleich aufwändiger und erfordert eine Disziplin.

Herausforderung Elternhaus

Für die aktuelle Ausgabe des EBO wurden erstmals auch Eltern gefragt, hierbei ging es vor allem um den Betreuungsbedarf und Wünsche an den Grundschulen.  Zudem schauten sich die Verantwortlichen des EBO auch den Status Quo in Offenbach an, welche Angebote gibt es und wie korrelieren diese mit den Anforderungen der Eltern. So benötigen 85 Prozent der Eltern, die eine Betreuung für ihre Kinder brauchen diese an fünf Tagen, jeweils ein Drittel bis 15.30 Uhr, bis 16 Uh,  beziehungsweise bis 17 Uhr. Einige wenige würden sich Angebote bis 18 Uhr wünschen, erläutert Beatrice Ploch von der Fachstelle Bildungskoordinierung und Beratung, die bei der vhs Offenbach angesiedelt ist. Die meisten Befragten, 68 Prozent, sind berufstätig und daher auf die Betreuung angewiesen. 35 Prozent gaben an, sich eine gute Förderung für Ihr Kind zu wünschen und 18 Prozent der Befragten sind alleinerziehend. 22,4  Prozent der befragten Eltern hatten gar keine Kenntnis von Betreuungsangeboten an den Grundschulen ihrer Kinder.

Dabei gibt es mittlerweile an allen Offenbacher Grundschulen Betreuungsangebote an mindestens drei Tagen in der Woche bis 14.30 Uhr. Im Angebot sind dabei „echte Ganztagsangebote“ mit Unterricht bis 15 Uhr oder Hausaufgabenbetreuung und AG-Angebote, Träger sind hierbei meist die Schulen selbst, der Eigenbetrieb Kindertagesstätten Offenbach (EKO), die Fördervereine der Schulen alleine oder in Kooperation. „Die Betreuung hilft insbesondere Kindern mit Migrationshintergrund, die dort nochmals ihre sprachlichen Kompetenzen verbessern können“. Denn ohne den Zugang zur Sprache ist das alles nichts. „Wir arbeiten daran, jedem einen Bildungserfolg und damit eine Zukunftsperspektive zu ermöglichen“, erklärt der zuständige Dezernent abschließend.

Der vollständige Erziehungs- und Bildungsbericht ist online einsehbar: www.offenbach.de/bildungsdaten

Offenbach am Main, 12. Dezember 2018