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Mit Blended Learning zum Schulabschluss: Hessencampus Offenbach bietet neue Lernformen

Die 46jährige Salima Nursay kam 1986 aus Afghanistan nach Deutschland und hat sechs Kinder großgezogen. Ayshe Yilmaz ist Anfang vierzig und arbeitet als Pflegerin. Sie wurde mit 16 verheiratet und hat zwei minderjährige Söhne. Derya Kreuzberger ist 17 und Mutter einer einjährigen Tochter. Drei Frauen mit ähnlichen Biographien, drei Bildungsschicksale. Denn in allen drei Fällen kam etwas auf dem Weg zum Schulabschluss dazwischen.

Bei den drei Frauen waren es die Kinder, aber es gibt viele Gründe, weshalb junge Menschen die Schule ohne Abschluss verlassen. Die Volkshochschule Offenbach ist eine der Institutionen in der Stadt, die diesen Schulabgängern auch später noch den nachträglichen Erwerb des Hauptschulabschlusses ermöglicht. Üblicherweise finden diese berufsbegleitenden Kurse an fünf Abenden in der Woche statt und stellen insbesondere Frauen vor eine organisatorische Hürde dar. Denn wer versorgt die Familie, wenn Mama die Schulbank drückt? Mit dem neuen Projekt der Initiative Hessencampus Offenbach soll der Zugang zu den bestehenden Bildungsangeboten erhöht werden: „Blended Learning“ nennt sich diese Lernform, die Präsenzlernen mit selbstgesteuertem Lernen im Selbstlernzentrum der Volkshochschule unter Einsatz von neuen Medien verbindet. Statt fünf Abende kommen die Teilnehmer zu insgesamt sieben Unterrichtseinheiten an zwei Abenden zusammen, das Gros des zu lernenden Stoffes können sie sich bei freier Zeiteinteilung im Selbstlernzentrum beziehungsweise online mit dem Programm „Ich will lernen“ aneignen.

„Die reduzierte Präsenz und die gleichzeitige Zeitsouveränität“, meint Barbara Temiztürk, Bildungsberaterin und Weiterbildungslehrerein, „erfordern ein hohes Maß an Disziplin und Selbstorganisation.“ Schließlich müssen die Teilnehmer bis zur Prüfung, die übrigens analog zu den Abschlussprüfungen in den Regelschulen stattfindet, fit in Deutsch, Mathematik, Biologie und Gesellschaftslehre sein.

Im August 2011 startete die Gruppe mit 15 Teilnehmern, die sich mit „Blended Learning“ bis Juni zur Prüfung vorbereiten wollen. Dass nicht alle das Lerntempo und das Pensum durchhalten, gilt als normal. „Eine Abbrecherquote von 50 Prozent ist keine Überraschung“, weiß Dr. Gabriele Botte, vhs-Leiterin und Sprecherin der Hessen-Campus-Steuerungsgruppe Offenbach, aus Erfahrung. Umso erfreulicher fällt die bisherige Bilanz des Projektes aus: im Januar waren noch 13 Teilnehmer hochmotiviert dabei. Das Altersspektrum reicht von 16 bis 46 Jahren, rund zwei Drittel sind Frauen, insgesamt zehn Teilnehmer haben einen Migrationshintergrund.

Momentan wird der Kurs aus Projektmitteln des Hessencampus Offenbach finanziert, lediglich die Kosten für das Selbstlernzentrum in Höhe von ca. 250 EURO für den Gesamtzeitraum müssen die Teilnehmer bezahlen. Auch für den nächsten Kurs, der im August startet, bleiben diese Konditionen bestehen. Voraussetzung zur Teilnahme sind Lernbereitschaft und Eignung, potentielle Teilnehmer müssen zudem mindestens zehn Jahre Schulbesuch nachweisen.

Dies sei, so Salima Nursay, die größte Hürde gewesen. Denn aufgrund der politischen Situation in Afghanistan fehlte ihr sogar der Nachweis der Grundschule. Jetzt ist sie mit Leidenschaft dabei und nutzt die Möglichkeit, schon früh am Morgen über das Internet ihre Lerneinheiten abzurufen. Der Hauptschulabschluss ist für sie nur der Anfang, auch ihre beiden Mitschülerinnen haben bereits Pläne geschmiedet für die Zeit nach der bestandenen Prüfung.