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Zwei teilnehmende Jungs
© Jörg Muthorst
"Potzpestilenz!“ Oder auch „Zum Donnerdrummel!“ So schön flucht nur Räubervater Mattis aus Astrid Lindgrens Kinderbuchklassiker „Ronja Räubertochter“. Das Buch hat das Team aus Theaterpädagogen, Sozialpädagogen und Deutsch als Zweitsprache (DaZ)-Lehrern für die Kinder des diesjährigen DeutschSommers im Schullandheim auf der Wegscheide in Bad Orb ausgewählt. Insgesamt 30 Jungen und Mädchen sind beim achten DeutschSommer der Stadt Offenbach dabei und machen drei Wochen „Ferien, die schlau machen“. Verben, Substantive und Pronomen bestimmen den Tagesablauf der Drittklässler, die mit dem Sprachförderprojekt spielerisch fit gemacht werden für die über die weitere schulische Laufbahn entscheidende vierte Klasse.
An der Tafel
DaZ-Lehrerin Sandy Schulz an der Tafel © Stadt Offenbach

DeutschSommer macht schlau – und selbstbewusst

Viele sind zum ersten Mal von zuhause weg, aber für Heimweh war bisher noch keine Zeit. Die Tage sind gefüllt mit Deutschunterricht, Theaterspielen, Malen, Basteln und Ausflüge in den Wald. „Der Start war vergleichsweise ruhig“, berichtet Florine Harnack. Die Sozialpädagogin ist Standortsprecherin des Pädagogenteams, kümmert sich um die Organisation und alle kleinen Probleme und Wehwehchen und ist bei Notfällen Kontaktperson für die Eltern. Die Zahl der sorgenvollen Anrufe hält sich jedoch in Grenzen, ebenso wie die Zahl der Absagen. In den Anfangsjahren haben viele Eltern die Kinder angemeldet und dann kurzfristig abgesagt, berichtet Projektleiter Jörg Muthorst: „Jetzt sehen Schulen und Eltern, wie sehr die Kinder von diesen intensiven drei Wochen profitieren. Die Kinder können sich besser ausdrücken und sind selbstbewusster.“ Fast alle 15 Offenbacher Grundschulen haben sich in diesem Jahr beteiligt. „Dieser große Zuspruch seitens der Schulen, aber auch der Eltern, die uns oft schon ihr zweites Kind anvertrauen, ist eine schöne Anerkennung für das DeutschSommer-Team“, freut sich Muthorst.

PaulGerhard Weiß beim Zahlenbingo
Stadtrat Paul-Gerhard Weiß beim Verben-Bingo während seines Besuchs der DeutschSommer-Kinder und Pädagogen im Schullandheim Wegscheide. © Stadt Offenbach

Bingo! Nur mit Worten

Insgesamt sieben Pädagoginnen und Pädagogen sind für die dreißig Kinder da, in zwei Gruppen mit jeweils einem Team aus einer Theaterpädagogin, einem Sozialpädagogen und einer DaZ-Fachkraft wird zusammen gearbeitet. Sandy Schulz ist bereits im achten Jahr und damit von Anfang an beim Offenbacher DeutschSommer dabei. Jetzt will die DaZ-Lehrerin mit den Kindern Bingo spielen. Aber nicht mit Zahlen, sondern mit Wörtern: Verben-Bingo. Dafür müssen die Kinder erst eine Reihe von Verben aus einer Liste auswählen und den Infinitiv auf ihren Spielplan schreiben. Schulz liest nun Sätze aus „Ronja Räubertochter“ vor und die Kinder müssen das Verb auf ihrem Spielschein anstreichen. „Basteln“ nicht „bauen“ korrigiert Leonardo seinen Nachbarn Puran. „Du hast bauen angestrichen.“ Der Achtjährige radiert den gezogenen Kreis um das Wort wieder weg und hört weiter aufmerksam zu. Mucksmäuschenstill ist es in dem Zimmer, schließlich wollen alle gewinnen. Als erster ruft tatsächlich Puran „Bingo“ in die Runde, Sandy Schulz kontrolliert nochmals seinen Spielschein. Als nächste hat Anna vier Verben in einer Reihe und gleich darauf melden sich gleich mehrere dritte Sieger. Nach der kurzen Siegerehrung gibt es eine Pause, dann wird Theater gespielt. Was ist ein Räuber? 30 Kinder mit 14 Nationalitäten sind eine Herausforderung: Anna kommt aus Russland, der achtjährige Puran kam vor zwei Jahren mit seinen Eltern aus Indien über Italien nach Offenbach, der zehnjährige Leonardo vor drei Jahren aus Kroatien, Dimitrios vor eineinhalb Jahren aus Griechenland. Besonders berührt habe sie das Schicksal von Bayan aus Syrien, berichtet Schulz, die im vergangenen Jahr eine Intensivklasse für Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien betreut hat. Das Mädchen ist mit einer Tante über das Mittelmeer geflüchtet und arbeitet jetzt aufmerksam mit. Trotzdem, was ein Räuber ist, wusste sie erst nicht. „Astrid Lindgren kennt hier jedes Kind, dass Begriffe wie Räuber erklärungsbedürftig sind, hatten wir bei der Auswahl des Buches aber nicht bedacht“. Die Geschichte von Ronja ist nicht nur textlich anspruchsvoll. Es geht um Freiheit, Freundschaft und Liebe, aber auch um Vorurteile, Gewalt und Tod. Die Kinder lernen beim Umgang mit dem Text nicht nur deutsche Wörter, sondern auch gleich die richtige Anwendung. Und sie entwickeln aus dem Stoff Theaterszenen, die sie beim Abschlussfest vor großem Elternpublikum aufführen.
Gruppenbild
Die „Bingo“-Sieger Leonardo, Anna, Can, Puran, Bayan und Selin. © Stadt Offenbach

Nach den Ferien werden die Kinder zu Sprach-Detektiven

„In den Sprachferien erhalten die Kinder wichtige Impulse, doch eine kontinuierliche Sprachförderung ist das A und O“, betont Projektleiter Muthorst. Daher gibt es auch in diesem Jahr die „Sprach-Detektive“, ein 2016 zusammen mit dem Familienzentrum ZION der Diakoniekirche Offenbach erfolgreich gestartetes Projekt, das an den DeutschSommer anknüpft und rund 15 Kindern die Möglichkeit gibt, jeweils an zwei Nachmittagen in der Woche in Offenbach das Erlernte zu vertiefen. Abschließend können die Kinder noch in einem „Endspurt“ an einer intensiven Sprachförderwoche in den Weihnachtsferien auf der Wegscheide teilnehmen.
Harnack vor blauem Haus
Sozialpädagogin Florine Harnack vor dem Peter-Schlotter-Haus auf der Wegscheide © Stadt Offenbach
„Das Konzept hat sich bewährt“, bestätigt Stadtrat und Bildungsdezernent Paul-Gerhard Weiß. Durch die drei Bausteine DeutschSommer, Detektive und Endspurt sei es gelungen, das Format zu einem halbjährigen, nachhaltigen Förderprogramm auszubauen. Weiß: „Der DeutschSommer öffnet den Kindern neue Türen und verleiht ihnen neue Kompetenzen. Das melden uns auch die Schulen zurück.“ Daher soll das Projekt möglichst verstetigt werden, Weiß hofft, auch im kommenden Jahr auf Partner und Unterstützer, denn: „Gute Deutschkenntnisse sind der Schlüssel für den schulischen und beruflichen Erfolg und Voraussetzung für die gesellschaftliche Teilhabe und Integration.“ In diesem Jahr unterstützen die Frankfurter Erhard-Kunert-Stiftung und die Bürgerstiftung Offenbach, aber auch teils schon langjährige Geldgeber wie die Städtische Sparkasse, die Ippen-Stiftung und die Stadtwerke Offenbach Unternehmensgruppe den DeutschSommer. Auch die Offenbacher Stadtibliothek und das Klingspor-Museum sind von Anfang an als Partner dabei. Der Bücherbus fährt zu den DeutschSommer-Kindern in den Spessart. Umgekehrt besuchen die Jungen und Mädchen während der Sprachferien die Kinder- und Jugendbibliothek und fertigen in einem Workshop des Klingspor-Museums eigene Bücher an.
Offenbach am Main, 10. Juli 2017