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Weiß & Hambüchen
Bildungsdezernent Paul-Gerhard Weiß und Olympiasieger und Botschafter für Grundbildung und Alphabetisierung Fabian Hambüchen © Stadt Offenbach
Heißt es Liebe oder Libe? Wald oder Walt? Die meisten Menschen sollten die Frage ohne langes überlegen beantworten können, leider haben allerdings mehr als 10 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung mit der Antwort Probleme, obwohl sie eine Schule besucht haben. In Offenbach gibt es etwa 11.000 Personen die Schwierigkeiten haben, Briefe zu verstehen, Formulare auszufüllen, Straßenschilder zu lesen oder auch einzuschätzen, wieviel Geld sie für ihren Einkauf benötigen werden. Da, wo sich andere selbstsicher durch den Alltag bewegen, raten sich Menschen mit fehlenden oder unzureichenden Grundbildungskenntnissen durchs Leben, sie improvisieren und lernen auswendig.
So wie der 52-jährige Mathias Wirth-Fernandez, der nach Lebensstationen in Chile und Montreal in Offenbach jetzt endlich richtig lesen und schreiben lernen will. „Ich war relativ gut in Mathe, das hat mich immer gerettet“, sagt er und irgendwie habe er sich dann immer irgendwie durchgemogelt. Sogar bis zur Mittleren Reife und der Arbeit in einem Reisebüro. Jetzt besucht er zusammen mit dem aus Pakistan stammenden Ahmad Mazaar regelmäßig den Grundbildungskurs in der Volkshochschule Offenbach. „Meine Frau, meine Kinder können gut lesen und schreiben“, berichtet dieser. Seit 8 Jahren lebt er mit seiner Familie in Deutschland, kämpft mit der Sprache und damit, dass er nicht lesen und schreiben kann. „Ich habe immer mit den Händen gearbeitet“, sagt er, „als Goldschmied mein Geld verdient.“ Eine Schule hat er nie besucht und möchte jetzt mit Unterstützung seiner Familie nachholen, was er nicht gelernt hat.
Weiß vor der Tafel
Bei der Bildungsolympiade ging es auch um Ernährung © Stadt Offenbach

Welt einordnen und besser verstehen lernen

„Im Sport muss man täglich an seinen Schwächen arbeiten. So ist es auch im Alltag.“ Sagt einer, der es wissen muss: Fabian Hambüchen war als Kunstturner erfolgreich, heute engagiert sich der Olympiasieger als Botschafter für Grundbildung und Alphabetisierung und stattete in dieser Funktion der vhs Offenbach am Weltalphabetisierungstag (8. September) einen Besuch ab. Gemeinsam mit Bildungsdezernent Paul-Gerhard Weiß absolvierte er die vorbereitete Bildungsolympiade, bei der es neben vom „Bild zum Satz“ und ersten Wörtern auch um Ernährung und Zahlen ging. „Rechnen wird oft vergessen, wenn es darum geht, die Welt einordnen und verstehen zu können“, stellt Dozent Jürgen Pfeifer fest. Dabei ist die Fähigkeit, ein Volumen oder einen Betrag einschätzen zu können, elementare Voraussetzung als Teilnehmer am Markt auftreten zu können. Viele seiner Schüler könnten nicht einschätzen, wieviel Wert 10 Euro haben, sie zählen kein Wechselgeld, weil sie es schlicht nicht können.
„Alphabetisierung ist für uns schon lange ein Thema“, sagt Weiß, „mit dem Grundbildungszentrum verstärken wir das Angebot mit Kursen zur gesunden Ernährung und Alltagsrechnen.“ Die Kurse und Workshops sind übrigens kostenlos. Im Herbst werden Kurse für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren angeboten, um Menschen mit geringer Lese- und Schreibkompetenz sensibel anzusprechen und auf das Angebot aufmerksam zu machen.
Weitere Informationen gibt es auf www.of-gbz.de

Offenbach am Main, 14. September 2020