Geschichte: Vom Chemiestandort zum Innovationscampus
Der Chemiestandort Offenbach war über Jahrzehnte ein wichtiger Imagefaktor mit einer starken Wirtschaftskraft in der Stadt. Gleichwohl war die Produktion schon immer einer wechselhaften Entwicklung unterworfen. Jetzt kann die Umwandlung zum Innovationscampus starten. Ein Blick in die Industriegeschichte.
Chronik: Entwicklung des Innovationscampus Offenbach
Der Innovationscampus entsteht auf einer 36 Hektar großen Industriebrache – einer Fläche, die 150 Jahre lang der Chemieproduktion diente. Das Areal auf dem ehemaligen Clariant-Gelände in Offenbach-Ost soll sich zu einem attraktiven Industrie- und Gewerbegebiet mit hoher Aufenthaltsqualität entwickeln.
Schon einmal, im Hafen Offenbach, hatte die Stadt Offenbach eine mit Altlasten belastete Industriebrache in ein attraktives Gebiet verwandelt. Es war daher eine bewusste, strategische politische Entscheidung, hier keine privaten Entwickler zu beauftragen. Diese hatten sich nach April 2020 in größerer Zahl bei der Stadt angeboten. Entschieden wurde aber, das gleiche Konstrukt wie im Hafen zu wählen: Die OPG Offenbacher Projektentwicklungsgesellschaft mbH wurde von der INNO Innovationscampus Offenbach GmbH & Co. KG mit der Projektentwicklung, Projektleitung und Vermarktung für das Projekt Innovationscampus Offenbach beauftragt. Die INNO ist seit 2020 Grundstückseigentümerin des ehemaligen Clariant-Geländes. Beide Unternehmen sind Töchter der Stadtwerke Offenbach Holding GmbH (SOH) und agieren wie geschildert im Auftrag der Stadt Offenbach.
31.12.2010: Nach 168 Jahren Einstellung der chemischen Industrieproduktion auf dem Gelände. Letztes Unternehmen war AllessaChemie. Vorangegangen waren Jahrzehnte mit Oehler, Hoechst, Allessa, Invista, etc.
2016: Aufnahme in das Städtebauförderungsprogramm “Stadtumbau in Hessen” (heute: Wachstum und nachhaltige Erneuerung) für eine Entwicklung entlang der Idee für ein Schlüsselprojekt „Innovationscampus“ aus dem Masterplan 2030
08.11.2017: Stadtverordnetenbeschluss zur Durchführung einer städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme
02.04.2020: Stadtverordnetenbeschluss zu Erwerb, Entwicklung und Vermarktung des ehem. Clariant-Areals und zukünftigen Innovationscampus als eines der 10 Schlüsselprojekte des Masterplans 2030
23.04.2020: Aufnahme von inoffiziellen Gesprächen zwischen Oberbürgermeister Dr. Schwenke und Samson CEO Dr. Widl
20.05.2020: Beginn von nicht-öffentlichen Verhandlungen zwischen Magistrat und Samson AG
Juni 2020: Gründung der Gesellschaft INNO Innovationscampus Offenbach GmbH & Co.KG
Juni 2020: Schlüsselübergabe der Firma Clariant
Oktober 2020: Bestellung des Aufsichtsrates INNO
14.03.2021: Kommunalwahl 2021
30.03.2021: Offizielle Pressekonferenz: Samson AG erwirbt 14,3 Hektar Flächen
24.01.2022: Offizielle Pressekonferenz: BioSpring GmbH erwirbt das ehem. Sozialgebäude an der Kettelerstraße
27.01.2022: 1. Meilenstein: Aufstellungsbeschluss des Bebauungsplans zum Innovationscampus
Februar 2022: Fortführung der nicht-öffentlichen Verhandlungen zwischen Magistrat und BioSpring über den Erwerb weiterer Grundstücke
Februar 2022: Vollumfänglicher Planungsstart Innovationscampus Gesamtkonzept auf Basis der jetzt bekannten und weiteren in Aussicht stehenden Ansiedlungen
15.07.2022: 2. Meilenstein TöB Beteiligung im Rahmen des Bebauungsplanverfahrens
November 2022: Einigung zwischen Magistrat und BioSpring über weiteren Grundstückserwerb
16.12.2022: Offizielle Pressekonferenz: BioSpring GmbH erwirbt 30.000 qm an der Mühlheimer Straße
Juni 2023: Die ENO erwirbt Grundstücke zum Neubau des neuen Umspannwerk Ost
20.06.2023: Spatenstich für den neuen Stammsitz der Samson AG in Offenbach
Mai 2024 - August 2024: Ausführungsplanung Erschließung
September 2024: Stadtverordnetenbeschluss zur Offenlage Entwurf Bebauungsplan
September 2024 - Oktober 2024: Offenlage (5 Wochen) im Rahmen des Bebauungsplanverfahrens
November 2024: Abwägung im Rahmen des Bebauungsplanverfahrens
Januar 2025: 3. Meilenstein: formale Planreife im Rahmen des Bebauungsplanverfahrens
Erstes Quartal 2025: Geplanter Satzungsbeschluss im Rahmen des Bebauungsplanverfahrens in der Stadtverordnetenversammlung
Februar 2025: Ausschreibung Erschließung geplant
03. Juli 2025: Spatenstich für die neue Produktionsstätte von BioSpring
August 2025: Produktionsstart der ersten elektronischen Bauteile der Samson AG
Oktober 2025: Anschließen eines Kaskadenwehrs an den Regenwasser-Hauptkanal bei gleichzeitigem Verlegen von Abwasser- und Wasserleitungen sowie Leerrohren zum Ausbau des Stromnetzes
Dezember 2025: Auftakt für das Innovationsband – die ersten Erschließungsarbeiten beginnen. Neue Parks und Alleen schaffen künftig eine grüne Verbindungsachse zwischen Mainstraße und Mühlheimer Straße, die Fluss und Stadt miteinander verbindet und einen attraktiven Raum für Bürgerinnen und Bürger schafft.
170 Jahre Chemieproduktion: Historische Entwicklung
Die Geschichte des heutigen Clariant-Geländes, das zwischenzeitlich auch unter Oehler, Hoechst und Alessa firmierte, begann 1842 mit der Errichtung einer chemischen Fabrik zum Destillieren von Teer durch Dr. Ernst Sell. Er wählte den Standort Offenbach, da zu damaliger Zeit in Frankfurt keine Gewerbefreiheit herrschte und produzierendes Gewerbe abgelehnt wurde. Werksgründer Sell war ein Schüler und Freund von Justus von Liebig (Uni Gießen) und erster Betreiber eine Teerdestillationsfabrik in Deutschland. Hergestellt wurden daraus unter anderem Desinfektionsmittel und Mottenpulver.
1850 erwarb Karl Oehler das Werk des erkrankten Sell und baute die Teerdestillation aus, 1856 brannte das Werk ab. Danach experimentierte Oehler mit neuen Produkten aus Teer und stellte ab 1851 eine erste synthetische Farbe her. Laut der Festschrift „Werk Offenbach – Fortschritt aus Tradition“, die Hoechst 1992 anlässlich der 150-Jahrfeier des Standorts erstellen ließ, geschah dies noch vor der allgemeingültigen „Geburtsstunde“ der Teerfarbenindustrie durch die zufällige Entdeckung des aus Teer hergestellten Farbstoffs Mauvein 1865 durch den englischen Forscher Perkin.
1862 wurden Blau-Farbstoffe aus Anilin von Oehler auf der Weltausstellung in Paris prämiert, 1898 produzierte Oehler 1/3 der Farbstoffe Deutschlands, Deutschland dominierte in der Zeit (1913 mit 85 %) den Weltmarkt an synthetischen Farben. Eduard Oehler, Karls Sohn, wurde in der Fachwelt als „Blaukönig“ tituliert. In Folge eines Patent-Prozesses und weiterer Fehler bei Patent-Anmeldungen geriet das Werk mit damals 530 Mitarbeitern in Schieflage und wurde 1905 an Griesheim Elektron verkauft. In der Zeit danach erlebte das Werk eine neue Blüte und beschäftige mehr als 2.000 Menschen. Im Werk wurde auch weiterhin geforscht, beispielsweise durch Arthur Zitscher (Prämierung in der Fachwelt für „Naphtol AS“) und Leopold Laska. Später wurde das Sozialgebäude an der Friedhofstraße errichtet. 1924 verzeichnete das Werk bereits 2.300 Mitarbeiter.
Aufgrund der Reparationsleistungen nach dem Ersten Weltkrieg und der zunehmenden Konkurrenz auf dem Weltmarkt geriet die deutsche Farbenindustrie in die Krise. In der Folge schloss sich das Werk 1925 mit anderen deutschen Unternehmen zur IG Farben zusammen. In Offenbach arbeiteten seinerzeit nur noch 550 Mitarbeiter. Nach 1933 stieg wieder die Nachfrage nach Farbstoffen und sorgte für einen Ausbau- und Modernisierungsschub im Offenbacher Werk, das nach dem Zweiten Weltkrieg zu 70 Prozent zerstört war. Die Amerikaner zerschlugen die IG Farben und schlossen die Fabrik, in der sie anschließend kurzfristig ein Depot für Beutekunst betrieben. Ab 1946 stellte die nun eigenständige Naphtol-Chemie die kriegsbeschädigten Produktionsanlagen wieder her. 1953 wurde das Unternehmen von den Farbwerken Hoechst übernommen, die den Standort ab 1961 für die Trevira-Produktion ausbauten. Dies führte unter anderem zu einer Erweiterung in das Kuhmühltal (ein ehemaliger Altarm des Mains), wofür das Gewässer verrohrt und weit aus seinem natürlichen Bett verlegt wurde. Ab 1970 fand auch wieder eine „Blau“-Produktion statt.
Nach mehrfachen Umfirmierungen in den folgenden Jahrzehnten wurde die chemische Produktion am 31. März 2010 mit der Schließung des letzten Betriebs („Blau“) am Standort Offenbach eingestellt. Den Betrieb hatte Clariant zuvor an Allessa verkauft, so dass Clariant selbst schon vor der Standortschließung gar keine Produktion mehr betrieb, da der Standort keine Perspektive für ein Chemiepark-Konzept wie beispielsweise in Frankfurt-Höchst bot. Allessa war Pächter und zuletzt der Betreiber des Standorts, zog sich dann aber vorzeitig aus seinem Pachtvertrag und Offenbach zurück, um sich am Standort Fechenheim zu konzentrieren.
Der langjährige Niedergang des Chemiestandorts Offenbach begann mit dem Umbau des Hoechst-Konzerns 1994 und den Verkauf einiger Betriebsanlagen an Clariant 1997. Im Frühjahr 2003 wurde der Naphtol-Betrieb von Allessa geschlossen. Weitere Schließungen chemischer Produktionsstätten folgten 2006, 2007 und 2009 mit dem wichtigen Invista-Betrieb.
Zwischenzeitlich sind fast alle Fabrikanlagen abgerissen worden. Vereinzelte denkmalgeschützte Gebäude wie der Verwaltungsbau sollen in die geplante Neubebauung des Gewerbegebietes einbezogen werden. Als Zwischennutzungen auf dem brach liegenden Gelände siedelten sich ab 2007 einzelne kleinere Firmen und Existenzgründer an. Zuletzt entstand auf dem Gelände das Holzpelletwerk der Energieversorgung Offenbach (EVO).
Der Niedergang des Standorts dokumentiert auch die Entwicklung der Arbeitsplätze. In der Spitze sollen bis zu 2.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf dem Areal beschäftigt gewesen sein. Zeitungsberichten zufolge waren im Jahr 1982 im Offenbacher Werk der Hoechst AG etwa 2000 Mitarbeiter/innen nachweisbar. Im Jahr der Zerschlagung von Hoechst, 1997, waren demnach noch 748 Mitarbeiter/innen bei „Cassella“ im Offenbacher Werksbereich tätig. Laut der Quelle „Das Oehler-Werk in Offenbach. Historische Ansichten einer Industrie-Ikone“ von Rainer Conrad verzeichnete der Allessa-Standort 1994 noch 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, bis zur Standortaufgabe sank diese Zahl kontinuierlich auf zuletzt 60 im Jahr 2010. Konkrete Personalangaben der Firmen liegen der Stadt allerdings nicht vor. Zur Höhe der Gewerbesteuer ist die Stadt zum Schweigen verpflichtet, dementiert aber auch nicht die stetig kursierende Vermutung, dass hier ein positiver Beitrag zur wirtschaftlichen Situation der Stadt geleistet wurde.