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Stadt Offenbach

Ein Jahr Quartiersarchitektinnen und Quartiersarchitekten in Offenbachs Innenstadt

25.07.2025

Stadtrat und Stadtplanungs-Dezernent Paul-Gerhard Weiß präsentiert mit Johannes Gerstenberg und Louise Siebenhaarvor vor dem Baubüro das Informationsmaterial der Stadt.

Leuchtreklamen, blinkende Bildschirme und überladene Auslagen – was in Offenbachs Innenstadt auffällt, ist nicht immer erlaubt. Wie schafft man es, ein gemeinsames Verständnis für ansprechende Innenstadtgestaltung zu vermitteln? Im Auftrag der Stadt waren von März 2024 bis März 2025 Quartiersarchitektinnen und Quartiersarchitekten in der Offenbacher Innenstadt unterwegs. Sie haben mit Gewerbetreibenden sowie Hauseigentümerinnen und Hauseigentümern bezüglich der Sondernutzungssatzung und deren Umsetzung Gespräche geführt und beraten. Ziel war es, rechtliche Vorgaben wie die Sondernutzungssatzung und das Gestaltungshandbuch im Blick zu behalten sowie konkrete Ideen für die Umsetzung anzustoßen. Stadtrat und Stadtplanungs-Dezernent Paul-Gerhard Weiß hat das Projekt politisch begleitet und zieht mit Johannes Gerstenberg und Louise Siebenhaar vom Architekturbüro bb22 architekten + stadtplaner im Interview Bilanz. 

Warum hat die Stadt Quartiersarchitektinnen und Quartiersarchitekten eingesetzt?

Paul-Gerhard Weiß: Die Gestaltung der Innenstadt bewegt viele – in der Bürgerschaft ebenso wie in der Politik. Immer wieder wird der Wunsch geäußert, dass Schaufenster, Werbeanlagen oder Warenauslagen ansprechender, einheitlicher und insgesamt stimmiger wirken sollen. Zwar gibt es mit der Sondernutzungssatzung, der Gestaltungssatzung für Werbeanlagen und einem eigenen Handbuch klare Vorgaben, wie ein attraktives Stadtbild erreicht werden kann. Doch in der Praxis werden diese Regeln häufig nicht umgesetzt – teils aus Unkenntnis, teils aus Unsicherheit. Überladene Auslagen oder unpassendes Mobiliar können das Stadtbild belasten. Stattdessen wollen wir ermutigen, mit durchdachten Auslagen und schönen Details zu arbeiten. Es geht uns nicht nur um Ordnung, sondern um Gerechtigkeit. Wenn jemand sein Schild blinkend über die gesamte Fassade zieht, während der Nachbar sich an die Maße hält, entsteht ein Ungleichgewicht – auch im Wettbewerb. Uns ist wichtig, nicht sofort mit dem erhobenen Zeigefinger zu kommen. Stattdessen haben wir niedrigschwellig Beratungen angeboten – mit direkten Gesprächen vor Ort und praktischen Hinweisen zur Umsetzung. Wir wollen Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer sowie Ladeninhaberinnen und Ladeninhaber nicht allein lassen, sondern informieren, unterstützen und gemeinsam Lösungen finden, bevor es überhaupt zu möglichen Bußgeldern kommt.

Was haben sie konkret gemacht?

Johannes Gerstenberg: Unser Schwerpunkt lag auf der direkten Ansprache und Beratung. Im gesamten Innenstadtgebiet haben wir gezielt den Kontakt zu Eigentümerinnen und Eigentümern sowie Gewerbetreibenden gesucht. Etwa 300 Liegenschaften in der Innenstadt haben wir dabei in den Blick genommen. Wir sind durch die Straßen gegangen, haben uns angeschaut, wo die Regeln nicht eingehalten werden und schließlich das Gespräch gesucht. Wer betroffen war, erhielt von uns Informationsmaterialien, etwa Flyer und Broschüren. Zudem haben wir eine persönliche Beratung im Baubüro angeboten. Wer Fragen hatte oder Hilfe benötigte, konnte dort ohne Termin vorbeikommen. 

Wie sah Ihre Arbeit aus?

Gerstenberg: In einem ersten Schritt haben wir im Februar 2024 gemeinsam mit dem Lenkungskreis, bestehend aus Mitarbeitenden des Amtes für Planen und Bauen, der Bauaufsicht, des Ordnungsamts und der Wirtschaftsförderung, einen Stadtspaziergang durchgeführt. Im Mai folgte schließlich ein öffentlicher kostenloser Rundgang, an dem auch Bürgerinnen und Bürger teilnahmen. Dabei haben wir diskutiert, was als besonders störend empfunden wird und wo dringender Handlungsbedarf besteht. Dabei kristallisierten sich einige klare Schwerpunkte heraus: Große, flächige Beklebungen, auffällige Bildschirmwerbung und vor allem blinkende oder bewegte Lichtquellen. Die meisten Bürgerinnen und Bürger empfinden solche Reize als störend – das kam in den Gesprächen immer wieder zur Sprache. 

Im Anschluss ging es an die direkte Ansprache. In Zweierteams oder allein sind wir durch die Innenstadt gegangen, haben bei Geschäften geklingelt, haben Mitarbeitende angesprochen oder hinterließen Informationen. Bei leeren Läden haben wir die Eigentümerinnen und Eigentümer schriftlich kontaktiert. Das Interesse am freiwilligen Beratungsangebot war begrenzt. Die meisten Gewerbetreibenden sind im Tagesgeschäft stark eingebunden – und für Fragen zur Gestaltung fehlt oft die Zeit oder das Bewusstsein für die Relevanz. 

Wir haben uns daher meist als Vermittelnde zwischen Verwaltung und Gewerbe gesehen. Das Angebot hat oftmals dazu beigetragen, Missverständnisse zu klären, Spielräume aufzuzeigen und den Dialog am Laufen zu halten – aber es braucht realistische Erwartungen und Geduld. Wir waren in den zwölf Monaten sehr hartnäckig und haben nicht lockergelassen. In manchen Fällen sind wir ein zweites oder drittes Mal vorbeigegangen, wenn niemand erreichbar war oder das Interesse fehlte. In vielen Fällen wurden daraufhin blinkende Lichter ausgeschaltet, übergroße Beklebungen reduziert oder Werbeanlagen komplett überarbeitet. Gleichzeitig ist allen Beteiligten klar, dass es sich um einen fortlaufenden Prozess handelt. Die Innenstadt ist im Wandel – viele Geschäfte schließen, neue kommen hinzu, Eigentümerinnen und Eigentümer wechseln. Die hohe Fluktuation macht es schwer, langfristige Standards zu sichern. 

Wofür gibt es überhaupt eine Satzung zu Werbeanlagen und Sondernutzungen?

Weiß: Die Satzungen schaffen klare Spielregeln für alle. Werbeanlagen – also zum Beispiel Leuchtreklamen, Schilder oder Fensterbeklebungen – müssen grundsätzlich genehmigt werden. Das ist bauordnungsrechtlich vorgeschrieben. Die Satzungen zur Sondernutzung und zur Gestaltung von Werbeanlagen sind jedoch keine Schikane der Stadtverwaltung, sondern ein Werkzeug, um das Offenbacher Stadtbild langfristig aufzuwerten. Sie geben Orientierung, was erlaubt ist, und sorgen dafür, dass die Innenstadt nicht beliebig oder überfrachtet wirkt. 

Was passiert, wenn jemand die Regeln missachtet?

Weiß: Wer wiederholt oder bewusst gegen die Satzungen verstößt, muss mit Konsequenzen rechnen. Das kann ein Bußgeld sein oder die Aufforderung, bauliche oder werbliche Anlagen zurückzubauen. Gerade bei denkmalgeschützten Fassaden führt das manchmal zu schwierigen Situationen, etwa, wenn jemand viel Mühe und Geld in ein auffälliges Schild gesteckt hat, das nicht genehmigungsfähig ist. Auch bei der Nutzung von Flächen – etwa für Auslagen vor dem Geschäft – gelten klare Grenzen. Wer sich nicht daran hält, muss mit Sanktionen rechnen. Uns ist wichtig, zunächst immer erst ein Gespräch zu suchen – aber letztlich müssen wir auch konsequent handeln, wenn Regeln dauerhaft missachtet werden. Zugleich arbeitet die Stadt daran, die Satzungen dort zu überarbeiten, wo sie nicht mehr zu aktuellen Anforderungen passen. Denn auch ein Regelwerk muss mit der Zeit gehen. Klar ist aber: Ohne diese Grundlagen wäre eine stimmige, gepflegte Innenstadt kaum möglich. 

Gerstenberg: Außerdem ist wichtig zu betonen, dass die Regeln nicht willkürlich erlassen, sondern politisch beschlossen wurden – auch unter der Teilhabe der Gewerbetreibenden. Wer sie ändern möchte, kann das über politische Wege tun. Bis dahin gilt jedoch: Wer Teil einer Gemeinschaft ist, trägt auch Mitverantwortung für ihr Erscheinungsbild.

Was ist eigentlich „schön“ – und wie viel Individualität ist in der Innenstadt erlaubt?

Weiß: Schönheit ist natürlich immer auch Geschmackssache. Aber wir brauchen gewisse Leitplanken und die haben wir uns als Stadt selbst gegeben. Deshalb gibt es Gestaltungssatzungen und ein Handbuch, das Empfehlungen zur Ästhetik und Nutzung des öffentlichen Raums gibt. Diese Regeln sollen keine starre Einheitlichkeit erzwingen – im Gegenteil: Sie schaffen einen gerechten Rahmen, in dem Vielfalt möglich bleibt. Innerhalb dieser Grenzen kann und soll jeder eigene Akzente setzen. Denn ein gepflegtes, attraktives Umfeld nützt am Ende allen: den Hauseigentümerinnen und -eigentümern, den Gewerbetreibenden, den Bürgerinnen und Bürgern, Besuchenden sowie der gesamten Stadt. Gleichzeitig nehmen wir uns als Stadtverwaltung auch selbst in die Pflicht: Mehr Begrünung, saubere Papierkörbe, regelmäßige Reparaturen – all das gehört zur öffentlichen Verantwortung. Wo Bäume nicht gepflanzt werden können, kommen mobile Lösungen zum Einsatz. Und auch die zunehmende Außengastronomie mit kleinen, abwechslungsreichen Imbissen sehen wir als Chance – sie belebt die Innenstadt und macht sie vielseitiger.

Gibt es positive Beispiele in der Innenstadt?

Gerstenberg: Kreative Gestaltung ist ausdrücklich erwünscht – auch auffällige und farbenfrohe Lösungen. Ein Beispiel dafür ist der „Churros Club“ in der Großen Marktstraße. Er fällt sofort ins Auge, ist bunt, lebendig und insgesamt größtenteils regelkonform gewesen. Leuchtende, nicht blinkende Schrift, eine klare Struktur, bewusst gewählte Details: So kann individuelle Gestaltung im Einklang mit den Vorgaben gelingen.

Siebenhaar: Auch die griechische Patisserie „Caramela“ in der Frankfurter Straße ist ein gutes Beispiel – wenn auch mit einer ganz anderen, schlichteren Ästhetik. Bei einem stadtweiten Gestaltungswettbewerb haben wir auch besonders gelungene Beispiele ausgezeichnet – als Anreiz, nicht nur Regeln zu erfüllen, sondern den öffentlichen Raum aktiv mitzugestalten. 

Wie geht es nach dem Projekt weiter?

Weiß: Wir werden innerhalb der Stadtverwaltung zukünftig daran arbeiten, eine feste Ansprechperson zu schaffen, die gezielt auf die Gewerbetreibenden zugeht und den weiteren Dialog ermöglicht. Unser Ziel ist es, nicht nur darüber zu informieren, was Satzungen erwarten, sondern auch zuzuhören: Wo gibt es Schwierigkeiten in der Umsetzung? Was brauchen die Händlerinnen und Händler, um mitziehen zu können? Gleichzeitig wird die Stadt bei besonders störenden Verstößen konsequenter handeln – etwa bei auffälliger Leuchtreklame oder überdimensionierten Werbeflächen. Statt flächendeckender Kontrolle setzen wir auf gezielte Maßnahmen und persönliche Ansprache – als partnerschaftliches Angebot an all jene, die die Innenstadt mitgestalten wollen. 

Welche Schlüsse ziehen Sie aus den Projektergebnissen?

Weiß: Das Ziel des Projekts war klar formuliert: möglichst viele Verstöße reduzieren, viele Menschen erreichen und informieren – und den Dialog zwischen Stadt und Gewerbe stärken. Auch wenn nicht jeder Verstoß abgestellt werden konnte und manche Maßnahmen an rechtliche oder personelle Grenzen stießen: Das Ziel wurde in vielen Bereichen erreicht und es hat gezeigt, wo Nachbesserung nötig ist. Gerade im Bereich der Sondernutzung – also bei Auslagen, Mobiliar und Außengastronomie – bleibt die Situation herausfordernd. Hier wird zu prüfen sein, ob die bestehenden Satzungen noch vereinfacht und konkreter gefasst werden können. Direkt umsetzen konnten wir, dass inzwischen alle neuen Gewerbetreibenden bei der Anmeldung eine Broschüre erhalten, in der die wichtigsten Regeln zur Gestaltung, zur Sondernutzung und zu den Ansprechpersonen kompakt zusammengefasst sind. 

Gerstenberg: Offenbach ist bunt, vielfältig, lebendig. Ein gewisser Mix gehört dazu, ebenso wie neue gastronomische Konzepte und kreative Geschäftsideen. Der größte Aha-Effekt war für uns jedoch, wie hilfreich es ist, sich in die Lage der Menschen hineinzuversetzen. Wenn man gemeinsam vor einem Bauantrag sitzt, merkt man schnell, dass das für viele völliges Neuland ist. Umso wichtiger ist es, die Menschen zu unterstützen und ganz praktisch zu erklären, warum bestimmte Dinge erwartet werden. Ein weiterer Aspekt, der im Verlauf des Projekts sichtbar wurde: Viele junge Gewerbetreibende mit Migrationsgeschichte sind bislang wenig in lokale Netzwerke eingebunden – und werden auch seltener erreicht. Daher glauben wir auch, dass eine feste Ansprechperson in der Verwaltung, die sowohl informiert als auch zuhört, wichtig ist. 

Tatsächlich kommunizieren wir Offenbach inzwischen auch überregional als positives Beispiel. Denn eines ist klar: Innenstadtentwicklung ist kein Selbstläufer. Sie braucht Engagement, klare Ziele und Menschen, die bereit sind, gemeinsam etwas zu verändern. Und das ist in Offenbach ganz klar der Fall.

Weiß: Wir werden weiterhin offen und transparent vermitteln, warum uns die Gestaltung in der Innenstadt wichtig ist und wie sie das Stadtbild beeinflusst. Dann, so meine Erfahrung, zeigen viele Verständnis. Und nicht selten auch Bereitschaft, Dinge zu verändern. Die Offenbacher Innenstadt lebt von denen, die sie täglich gestalten. Eine gute Idee ist weiterhin, gute Beispiele für Gestaltung regelmäßig sichtbar zu machen und anzuerkennen. Wir überlegen, einmal im Jahr eine kleine Jury zusammenzustellen, die kreative und gelungene Lösungen auszeichnet. 

Stadtrat und Stadtplanungs-Dezernent Paul-Gerhard Weiß hat das Projekt begleitet und zieht mit Johannes Gerstenberg und Louise Siebenhaar vom Architekturbüro bb22 architekten + stadtplaner Bilanz.

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