1950: Besonderheiten der Offenbacher Schularchitektur in den 1950er Jahren
Mehr Glas, mehr Licht, mehr Transparenz. So lässt sich ein wesentliches Merkmal der Nachkriegsarchitektur auf den Punkt bringen. In Offenbach ist diese Epoche vor allem mit einem Namen verbunden: Adolf Bayer, Stadtbaurat von 1951 bis 1962. Er hat vielerorts im Stadtbild seine Spuren hinterlassen. Thomas Ott, der ein Studium der Architektur an der Technischen Universität in Darmstadt abgeschlossen hat, arbeitet freiberuflich als Fotodesigner für Architekturfotografie. Mit ungeheurer Akribie hat er die Besonderheiten der Offenbacher Bayer-Schulen ins Bild gesetzt.
Auf dieser Seite finden Sie eine Übersicht zu Bayers Schulbauwerken und deren Details.
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1951 - Waldschule
Die Waldschule ist der erste Schulbau in Offenbach nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Grundschule im Stadtteil Tempelsee gilt heute als besonders gelungenes Beispiel einer Architektur, die dem demokratischen Geist einer neuen Ära verpflichtet war. Es scheint, als habe Bayer die Bäume in der Umgebung als Gestaltungselemente einbezogen. Ihr Laub spiegelt sich in der hohen Glasfassade der großzügigen Halle und erzeugt ein beständig wogendes Spiel von Licht und Schatten.
Fotograf Thomas OttDas Gebäude wächst förmlich in den Wald hinein, es verschmilzt mit der Landschaft. Ein ganz tolles Gebäude, diese Waldschule. Feine Architektur
Mitten im Stadtwald im Brunnenweg entstand eine Volksschule mit 6 Klassen, die später um 12 weitere Klassenräume und eine Turnhalle erweitert wurde. Herzstück ist eine hohe zentrale Halle, die zu beiden Seiten von schmalen Klassentrakten mit Funktionsräumen flankiert wird. Die Halle öffnet sich dynamisch nach Süden in den Wald und wird durch eine der ersten großflächigen Stahlbetonfassaden der Nachkriegszeit abgeschlossen – mit plastischer Struktur im Licht- und Schattenspiel der Natur.
1954 wurde die Schule auf der Triennale, eine Kunst- und Designausstellung, in Mailand ausgestellt. Das Land Hessen hat den Schulbau 1955 als vorbildliche Leistung ausgezeichnet. Heute ist das Gebäude umfassend saniert und modernisiert worden, behielt aber ihren besonderen Charme aus den 50ern.
1953 - Friedrich-Ebert-Schule
Im Jahr 1952 wurde im östlichen Stadtteil Waldheim der erste Bauabschnitt mit anfangs 12 Klassen einer neuen Volksschule eröffnet. Es entstand 1953 eine Anlage, die bis heute durch ihre klare Formensprache und ihre Einfachheit beeindruckt.
Das Schulgebäude besteht aus zwei nach Süden ausgerichteten, zweigeschossigen Klassentrakten. Dort finden sich jeweils drei großzügig belichtete Klassenräume pro Etage. Die beiden Gebäude sind über ein offenes, überdachtes Gangsystem miteinander verbunden. Begrünte Freiflächen fügen sich harmonisch in das Schulgelände ein und bieten Raum zum Spielen, Lernen und Verweilen. Schon zur Entstehungszeit galten die Baukosten als wirtschaftlich ohne dabei Abstriche an Licht, Luft und Qualität zu machen. Bayer nutzte für die Räume die neuesten Erkenntnisse der Zeit und seine gestalterischen Charakteristika zeigen sich auch hier an seiner Stahlbetonkonstruktion und den Betonlamellen, die an den Schauseiten nach außen stark hervortreten. Im Inneren überzeugt die Schule durch helle, einladende Räume, in denen sich eine neue Lernkultur manifestiert: Hier gibt es keine förmlichen Hierarchien mehr.
Ein architektonisches Highlight bildet die Turnhalle, deren breite Fensterfront sich nach Westen öffnet. Bei der Sanierung 2010 wurde dieser Charakter aus Stahlbetonstützen und Betonlamellen bewusst bewahrt und energetisch aufgewertet.
1956 - Beethovenschule
Südlich des Stadtkrankenhauses entstand 1956 auf einem großzügigen Grundstück eine weitläufige, mehrflügelige Schulanlage, bei der Architektur, Freiraum und Funktionalität harmonisch ineinandergreifen.
Südlich des Stadtkrankenhauses entstand 1956 auf einem großzügigen Grundstück eine weitläufige, mehrflügelige Schulanlage, bei der Architektur, Freiraum und Funktionalität harmonisch ineinandergreifen.
Drei einzeln stehende Klassentrakte und eine Turnhalle wurden durch einen langen, ebenerdigen Erschließungstrakt verbunden. Die offene Anordnung der Gebäude ermöglichte es Unterricht, Pausen und Sport frei und modern zu gestalten.
Bayer variierte in diesem Schulbau die vorherrschende Formensprache der wiederauflebenden Moderne in der jungen Bundesrepublik: Einfarbigkeit in Weiß, kubische Baukörper, Flachdächer und glatte Fassaden. Durch gezielte Farb- und Materialakzente durchbrach er diesen Trend. Gelbe Klinkerpfeiler, rotbraune Putzflächen und fein profilierte blau gestrichene Fensterrahmen mit gelben Flügeln prägten die Erscheinung. Alle Klassenräume profitieren von optimaler Belichtung und Querlüftung. Besonders durchdacht: Der eingeschossige Trakt für Schulanfänger erhielt abgeschirmte Gartenhöfe für den Freiluftunterricht.
Ein weiteres architektonisches Highlight war die Schulturnhalle. Auch hier findet sich eine großzügige Glasfassade mit Sichtbetonblenden. Das flach geneigte Pultdach rundete den Bau ab. Für diese Gesamtgestaltung wurde die Schule 1957 vom Land Hessen als vorbildliche Leistung ausgezeichnet.
Trotz ihres besonderen Entwurfs musste die Schule 2011 wegen massiver Setzungsschäden abgerissen und neugebaut werden. Ende 2012 wurde der Neubau eingeweiht.
1957 - Rudolf-Koch-Schule
Demonstrative Schlichtheit und Abkehr von der sogenannten Heimatschutzarchitektur. So charakterisieren Kunsthistoriker heute die Epoche des Umbruchs nach dem Zweiten Weltkrieg. Besonders an neuen Schulgebäuden zeigte sich: Demokratie wurde zum Bauherrn. In Offenbach halten Kenner die Rudolf-Koch-Schule für einen besonders gelungenen Ausdruck dieses Prinzips. Als Sinnbild einer modernen Pädagogik, die den Gemeinschaftssinn stärken will, gilt die dreigeschossige Halle, die sich im Obergeschoss zu einer Aula mit zwei Galerien weitet, deren transparente Glasfront sich zum Schulhof und in Richtung Main wendet. Aufgrund ihrer Nähe zum Rathaus diente die Aula sogar zeitweise als Versammlungsort für die Stadtverordneten.
Die Rudolf-Koch-Schule, heute Gymnasium mit rund 1.000 Schülerinnen und Schülern, hat viele Besonderheiten. Dazu gehört auch die Anordnung. Bayer hat das gesamte Gelände ausgenutzt. Zur Schlossstraße hin springt die Fassade in Stufen zurück. Zum Französischen Gässchen hin wies die Fassade ursprünglich ebenfalls einen Rücksprung auf. Dort versorgten Fenster die große Halle zusätzlich mit Licht. Im Zuge der Gesamtsanierung wurde die Lücke mit einem dreigeschossigen Anbau geschlossen. Er beherbergt die Mediathek. Um etwas vom Lichteinfall zu erhalten, ist der Medienturm fast vollständig verglast. Dennoch ist ein Eingriff passiert und es ist nicht der einzige. Ein zusätzlicher Fachklassentrakt schließt sich entlang des Französischen Gässchens an den Gebäuderiegel an. Und an der Ecke Schlossstraße / Französisches Gässchen steht jetzt ein Neubau, eine Cafeteria mit Räumen für Hausaufgaben und Freizeitaktivitäten im Rahmen des Ganztagsbetriebs. Diese grundlegende Sanierung und Erweiterung fand zwischen 2008 und 2010 statt.