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Kein Gebäude in Offenbach ist repräsentativer als das historische Büsingpalais. Und wohl keines blickt auf eine wechselhaftere Geschichte zurück als der neobarocke Palast, der schon mehr als 240 Jahre zählt – und doch erst 30 Jahre jung ist. Am 21. September 1984 feierte die Stadt den Wiederaufbau der früheren Kriegsruine, 30 Jahre später ist das Büsingpalais beliebter Veranstaltungsort für Feste, Seminare, Konferenzen oder die persönliche Traumhochzeit. Ein Blick zurück.

Fast 40 Jahre lang bot der Mittelbau des Palais nach Kriegsende das Bild einer Ruine, als Bürger den Wiederaufbau ertrotzten. Ihre Spenden reichten nicht aus, bei weitem nicht. Aber sie machten glaubwürdig, dass eine breite Mehrheit der Offenbacher die Ruine als eine schmerzende Wunde im Stadtbild empfand. Erinnerungen und Gefühle, verbanden sich mit dem Verlangen nach Traditionspflege und dem Überdruss, in einer erneuerten Stadt ständig an den Krieg erinnert zu werden. Eine Ruine als unerledigte Aufgabe: Nichts war fertig, solange sie darniederlag.

Ein Haus für die Öffentlichkeit war das Büsingpalais zwar erst seit 1921, als die Stadt es erwarb und zum Rathaus machte. Ein offenes Haus indes war es länger. Gebaut haben es die Familien Bernard und d´Orville als Wohnsitz und Tabakfabrik, also keineswegs als abgeschottetes Anwesen. Arbeiter und Händler gingen ein und aus, Spediteure, Kutscher und Stallpersonal. Einer der Hausherren, Peter Bernard ließ dort um 1800 sein eigenes Orchester aufspielen, vor Publikum. Wo heute Vestibül und Trausaal sich öffnen, war schon vor 200 Jahren Raum für Festlichkeiten.

Anteil am Bau nahmen die Offenbacher; seit er errichtet wurde. Wenn der junge Goethe in seinem Offenbacher Sommer 1775 notierte, wie ihm der Lärm der Bauarbeiten von jenseits der Herrnstraße den Morgenschlaf raubte, mag das auch andere Nachbarn genervt haben. Den Namen Büsingpalais freilich trug das Anwesen noch nicht.

Man muss es seltsam nennen, dass von allen Möglichkeiten der Name des Freiherrn von Busing daran haften blieb. Denn der war nur als eingeheirateter Schwiegersohn zum Erben geworden. Immerhin gab er dem Anwesen das uns vertraute Gesicht. Von 1899 bis 1907 ließ er das alte Herrenhaus durch Städelprofessor Wilhelm Manchot aufwendig zum neobarocken Palais umbauen. Die Schnupftabak-Fabrikation wurde über die Straße hinweg in den neuen Bernardbau verlegt.

Zum umgebauten Palais gehörte das schmiedeeiserne Tor an der Herrnstraße, das wir noch heute sehen. Es ist die Arbeit einer Frankfurter Firma, die damit auf der Weltausstellung 1893 in Chicago Aufsehen erregte. Ein ähnliches Tor schloss den Park zur Kaiserstraße ab. Bomben des Zweiten Weltkriegs haben es zu Schrott zerschlagen.

1921, gerade am Beginn der großen Geldentwertung, erwarb die Stadt das Palais. Es wurde eines der schönsten Rathäuser in Deutschland – wie nicht nur Offenbacher empfanden. Ein Zentrum städtischen Lebens blieb es auch nach der Zerstörung von 1943: Der Ehrenhof sah in der Nachkriegszeit Kundgebungen, die Ruine taugte als malerische Kulisse bei Theateraufführungen. Häufig vereinte das Tausende Menschen unter freiem Himmel.

Früh gelang der Wiederaufbau der Seitenflügel mit ihren Kopfbauten. Klingspor Museum und Stadtbücherei fanden darin eine angemessene Unterkunft. Verzagtheit und Ratlosigkeit indes bewahrte den Mittelbau als Ruine. Pläne wurden diskutiert und verworfen, ein Haus der Jugend sollte daraus werden, weil dafür Landesgelder hätten erlangt werden können. Erwogen wurde, die hofseitige Fassade in alter Form zu erneuern, aber hinten einen modernen Betonkörper anzufügen.

Architekten rauften, Politiker diskutierten, die Jahre vergingen. Erst nach 1977 erkannte eine neue politische Mehrheit die Chance, sich profilieren zu können. Eine Bürgerinitiative mit Stadtverordnetenvorsteher Bruno Knapp an der Spitze schuf dem Bürgerwillen eine Plattform. Sie trug Spenden zusammen und bildete das Scharnier zur Politik.

Am 30. Oktober 1981 war Grundsteinlegung. Am 21. September 1984 wurde eingeweiht, und kaum jemand hielt den Wiederaufbau für eine überflüssige Geldausgabe. Mittlerweile ist das Palais ans benachbarte Sheraton Offenbach Hotel angegliedert. „Unsere nationalen und internationalen Gäste sind immer wieder überrascht und begeistert vom Büsingpalais und den vielfältigen Möglichkeiten, welches es offeriert“, sagt Dirk Wilhelm Schmidt, General Manager des Sheraton Offenbach. Und noch immer dient es den Offenbachern als gute Stube: für Hochzeiten, für Begegnungen und Festakte, Konzerte und Ausstellungen, als Treffpunkt von Muße und Muse.

Auch andere Nutzer profitieren von der Historie und Ästhetik dieses Baus. „Schön ist“, meint etwa die stellvertretende Leiterin der Stadtbibliothek, Nicole Köster, „dass man ein wenig den Duft der Geschichte riecht, wenn man sich hier aufhält.“ Der Bücherturm ist für sie das Herzstück, „dies war schon zu meiner Zeit als Leserin so“. Sie ist überzeugt, dass viele Leserinnen und Leser dies ebenso empfinden, „denn es kommen viele fast täglich zum Arbeiten und Lesen in unsere Bibliothek“. Einen besonderen Blick auf die Details des Gebäudes hat auch Stephan Soltek, der Leiter des Klingspor Museums: „Das Büsingpalais hat hinreißend schöne Arkaden“, betont er, „und die Gedankenstriche in ihnen unterstreichen das!“

Offenbachs Kulturleben mag auf vielen Beinen stehen– zu den kräftigen gehört vor diesem Hintergrund gewiss das Büsingpalais. Wie vor mehr als 200 Jahren, als der musikbesessene Peter Bernard sein Haus öffnete. Freilich: Das Büsingpalais eignet sich auch als Beispiel für die Flüchtigkeit der Zeit. Wem ist schon bewusst, dass es erst seit 30 Jahren wieder steht und schon dreimal gebaut worden ist? Wen kümmert, dass beim jüngsten der Grundriss leicht verändert worden ist, was damals heftigen Protest auslöste? Nach 30 Jahren ist das alles auch schon Geschichte.

Von Lothar R. Braun Dieser Text wurde von Lothar R. Braun bereits vor einigen Jahren verfasst und um aktuelle O-Töne der heutigen Nutzer des Büsingpalais erweitert.