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Die neoklassizistische Fassade, kleine Erker und Türmchen oder ein goldener Schriftzug über der Hofeinfahrt: An vielen Stellen ist die industrielle (Erfolgs-) Geschichte der Stadt Offenbach noch im Stadtbild präsent. Insgesamt 58 solcher Stationen versammelt die dritte, neu überarbeitete Auflage des Routenführers „Route der Industriekultur Offenbach“, die ab sofort in der Offenbacher Stadtinformation im Salzgässchen 1, bei der Volkshochschule Offenbach (vhs) in der Berliner Straße 77 sowie im Haus der Stadtgeschichte, im Klingspor-Museum und im Ledermuseum kostenlos erhältlich ist.
Flyer Route der Industriekultur
© Stadt Offenbach am Main

Industriekultur über den Tag hinaus

„Gebäude erzählen Geschichten“, weiß auch Kunsthistorikern Christina Uslular-Thiele, die die Neuauflage inhaltlich begleitet hat. „Wer beispielsweise aufmerksam die Ludwigstraße entlangläuft, entdeckt Krokodil und Schlangenleiber in Medaillons an der Hausnummer 31-33. Die reich verzierte Fassade weist auf die ehemals dort ansässige Portefeuillefabrik der Gebrüder Krauss hin.“ Diese war nur eines von zahlreichen Unternehmen, die den Ruf Offenbachs als Lederstadt mitprägten, entlang der Ludwigstraße und in der Löwenstraße wurde in etlichen Hinterhofmanufakturen der Rohstoff mit großer Kunstfertigkeit verarbeitet. Einige Produkte sind heute noch im ehemaligen Lagerhaus in der Frankfurter Straße zu besichtigen, das  Hugo Eberhard vor hundert Jahren zum Ledermuseum umgebaut hat.

Neben lederverarbeitenden Betrieben siedelten sich im 18./19. Jahrhundert zahlreiche weitere Gewerke in Offenbach an, die nachhaltig zum Wachstum der Stadt beitrugen. Dabei begünstigte die Nähe zur Handelsstadt Frankfurt sowie die Gewährung einer weitest gehenden Gewerbefreiheit durch die Regierung des Großherzogtums Hessen-Darmstadts die Entwicklung zur „Fabrikstadt“ am Main. 

Betriebe für Druckmaschinen, Schrauben, Seifen und Parfums und natürlich Chemische Produkte entstanden, von denen nur einige wenige nach zwei Weltkriegen, Öl- und Wirtschaftskrisen noch in Offenbach Gewerbesteuer zahlen. An den meisten Orten wird schon lange nicht mehr produziert, Firmen gingen insolvent oder wurden verkauft, die Gebäude wurden für andere Nutzungen umgebaut oder in einigen Fällen auch abgerissen.

Einiges bewahrt, aber auch vieles verloren

„Das“, berichtet Marion Rüber-Steins, vom Amt für Stadtplanung, die die Neuauflage federführend begleitet hat, „war die eigentliche Herausforderung: Offenbach ist im Wandel und so wurde die Arbeit an der Neuauflage auch zur Bestandsaufnahme. Vieles, was in der alten Auflage von 2006 noch stand, ist heute nicht mehr.“ Der Prozess des Stadtumbaus und der Erneuerung ist noch nicht abgeschlossen. Während beispielsweise die Zukunft des Hauptbahnhofs noch offen ist, rollen auf dem ehemaligen Gelände der Seifenfabrik Kappus bald die Abrissbagger heran. Erst Anfang des Jahres hat der Traditionsbetrieb die Produktion nach Bieber-Waldhof verlegt. Die eindrucksvollen Hallen, in denen lange Seife gesiedet wurde, machen dann Wohngebäuden Platz. Daher hat sich die Seifenfabrik Kappus schon jetzt als verlorener Ort in die Liste eingereiht, die auf der Seite www.offenbach.de/industriekultur einen Überblick über das weiterhin sichtbare, aber eben auch das verschwundene Erbe der Vergangenheit gibt.

Per Pedes oder Pedale: Zwei Touren verbinden die 58 Stationen 

Wer die sichtbaren Stationen der Route der Industriekultur erkunden möchte, kann dies in zwei Etappen machen: die innerstädtische Tour startet an der S-Bahn Haltestelle Ledermuseum in der Berliner Straße mit der Portefeuillefabrik Rosenthal in der Hausnummer 223 und führt dann durch das Nordend, durch die Ludwigstraße zum Hauptbahnhof und dann via Kaiserstraße und Rathaus in die östliche Innenstadt. Weitere 29 Stationen umfasst die äußere Tour, die sich ideal mit dem Fahrrad bewältigen lässt. Startpunkt ist von Frankfurt kommend die Schleuse Offenbach (Routenführer Station Nummer 30). Von dort aus führt der Weg entlang des Dreieichrings in die Sprendlinger Landstraße, einer damals wie heute industriell geprägten Straße. Über den ehemaligen Industriebahnweg geht die äußere Route nach einem kurzen Abstecher in Bieber weiter nach Bürgel, um dann am Main entlang am ehemaligen Industriehafen zu enden. Auf dem Areal ist in den letzten Jahren ein neues Quartier zum Wohnen, Leben und Arbeiten mit gastronomischen Angeboten entstanden – ein idealer Abschluss für die Tour.

Wer nicht gerne alleine unterwegs ist, der kann sich übrigens auch bei einem Stadtspaziergang mit der vhs auf Spurensuche begeben. „Wir haben verschiedene Führungen im Angebot, die sich mit der industriellen Vergangenheit Offenbachs beschäftigen“, erläutert Birgit Grün, Programmbereichsleiterin für kulturelle Bildung bei der vhs Offenbach.

Über den Tellerrand hinausblicken

Über 1.000 Orte von lokaler und überregionaler Bedeutung sammelt die Route der Industriekultur Rhein-Main, einzelne Regionen und Städte wie Wiesbaden, Bad Homburg oder eben der vordere Taunus und der Bayerische Untermain sind in lokalen Routenführern abgebildet. Herausgeber der Routenführer ist die Kulturregion Rhein-Main, an der Neuauflage der Offenbacher Ausgabe haben das Amt für Stadtplanung, Verkehrs- und Baumanagement, das Amt für Öffentlichkeitsarbeit,  das Haus der Stadtgeschichte und die Volkshochschule Offenbach mitgearbeitet.

Informationen zur Route der Industriekultur finden sich auf den Seiten der Kulturregion http://www.krfrm.de/projekte/route-der-industriekultur/ und zur Industriegeschichte Offenbachs unter www.offenbach.de/industriekultur im Internet.

Der lokale Routenführer Nr. 30 für die Stadt Offenbach am Main ist ab sofort in der Offenbacher Stadtinformation im Salzgässchen 1, bei der vhs in der Berliner Straße 77 sowie im Haus der Stadtgeschichte, im Klingspor-Museum und im Ledermuseum kostenlos erhältlich.

1. September 2017