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Eine Fabrikstadt ist Offenbach längst nicht mehr. Aber noch in den 1960er Jahren zeigten Betonstelen an den Stadteinfahrten an, dass man nun die „Industriestadt Offenbach“ erreicht habe. Erst im folgenden Jahrzehnt vollzog sich das Industriesterben wie eine Epidemie. Es hat die Stadt binnen kurzem verändert.

Sprengung an der Mainstraße

Manche haben es als einen schleichenden Prozess in Erinnerung. Anderen stellt sich das in der Rückschau als ein rascher Ablauf von Explosionen dar. Vielleicht begann es tatsächlich mit einem Knall.

Als im Frühjahr 1969 die Lederfabrik Mayer & Sohn an der Mainstraße niedergelegt wurde, kam Sprengstoff zum Einsatz. Er zerlegte, was von dem 110 Jahre alten Großunternehmen geblieben war. Im Jahr darauf gingen die Bürgeler Lederwerke Becker in Liquidation. Als letzte der einst für Offenbach typischen Gerbereien schloss 1973 die Lederfabrik Hofmann ihre Tore.

Erschüttert wurde das Stadtgefüge von der Sprengung an der Mainstraße noch nicht. Ohne gravierende Folgen blieb auch das Schicksal eines Großunternehmens im Nordend. Die Offenbacher kannten es als „Schraubenfabrik Heyne“, obwohl es längst zu einem Spezialisten für Präzisions-Drehteile geworden war. In der Hauptsache belieferte die Firma Gebr. Heyne die Automobilindustrie und ihre Zulieferer mit Teilen, bei denen es auf Feinheiten wie Tausendstel Millimeter ankommt.

s/w Ansicht der östlichen Innenstadt
Lederfabrik Mayer & Sohn © Stadt Offenbach / Stadtarchiv

Starker Arbeitsmarkt

Das Werk war bereits auf etwa 350 Mitarbeiter geschrumpft, als die Eignerfamilie es 1962 an den Stinnes-Konzern verkaufte. Fünf Jahre später ließ Stinnes die Produktion auslaufen, fast hundert Jahre nach Gründung des Betriebs. 57 der ältesten Mitarbeiter fing die von Heyne-Vertriebsleiter Hans Hubert gegründete Firma „Offenbacher Präzisions-Drehteile“ auf.

Arbeitslos wurden auch die übrigen nicht. Sie konnten mühelos unterkommen bei Löbro, MAN Roland und Collet & Engelhard. Noch vermochte der Arbeitsmarkt eine solche Schließung zu verkraften. Stark beunruhigt hat erst die Entwicklung der 1862 gegründeten Maschinen- und Werkzeugfabrik Collet & Engelhard.

Wer dort beschäftigt war, genoss lange die Sicherheit einer Lebensstellung. Doch im Dezember 1971 erfuhren die mehr als 800 Mitarbeiter, dass die Gesellschafterversammlung die Schließung des Betriebs beschlossen habe. Einige Monate später mussten sie zusehen, wie die Werkseinrichtungen bei einem Totalausverkauf verhökert wurden.

Angeschlagene Lederwarenindustrie

Noch ließ auch dieser Verlust an Arbeitsplätzen sich halbwegs verschmerzen. Andere Unternehmen waren in der Lage, Stellen anzubieten. Mit Collet & Engelhard aber wurde das Industriesterben zu einer Lawine. Etwa um dieselbe Zeit schloss die Metallwarenfabrik Jacob Mönch an der Ludwigstraße.

Sie war Zulieferer für die auch schon kränkelnde Lederwarenindustrie. 1972 folgte die als „Automaten-Schmaltz“ bekannte Firma Friedrich Schmaltz an der Waldstraße, gegründet 1884. 250 Mitarbeiter hatten dort Schleifmaschinen und Schleifräder gefertigt. In einem ähnlichen Produktbereich bewegte sich an der Luisenstraße die zwar namensgleiche, aber nicht identische Firma Gebr. Schmaltz. Auch sie verschwand in dieser Zeit vom Markt.

Fast zeitgleich gab der Schleifmaschinen-Hersteller MSO an der Senefelderstraße erste Betriebsteile auf. Es traf rund 250 Mitarbeiter. Seit 1967 gehörte das Werk zum amerikanischen Konzern Cincinnati-Milacron. Der verfügte einige Zeit nach der Schrumpfaktion die völlige Schließung. In der Zeitung war die Rede von „Massenentlassungen“.

1972 schloss die angesehene Schuhfabrik Eduard Rheinberger an der Berliner Straße. Das erinnerte daran, dass Offenbach noch zu Anfang des Jahrhunderts ein bedeutender Standort der deutschen Schuhindustrie war. Weitere rund 100 Beschäftigte verloren ihren Arbeitsplatz, als 1974 an der Sprendlinger Landstraße die Metallwaren-Fabrik Sustan GmbH in Konkurs ging. Sie hatte unter anderem Normteile für Werkzeuge produziert.

Noch steht ein Leuchtturm

Etwa 200 Menschen verloren ihre Arbeit, als 1974 die Firma Peter Schlesinger an der Ecke Waldstraße und Bismarckstraße Konkurs anmeldete, ein 1885 gegründeter Zulieferer für Fahrrad- und Automobilindustrie. Das gewann besondere Aufmerksamkeit, weil sich in den Gebäuden, zunächst illegal, Künstler und politisierende Jugendgruppen einrichteten.

1980 wurden sie von der Polizei vertrieben, damit dort ein Parkhaus gebaut werden konnte. Wie ein Leuchtturm stand in dieser düsteren Phase noch die Firma Rowenta an der Waldstraße, führend in Feuerzeugen und elektrischen Haushaltsgeräten. An Expansion denkend erwarb sie 1976 das benachbarte Gelände der kurz zuvor erloschenen Hartmann AG, eines exportträchtigen Spezialisten für Förderanlagen.

Jenseits der Waldstraße erwarb Rowenta zudem die von Schmaltz hinterlassene Industriebrache. Das 1884 gegründete Unternehmen sollte indes keine Zukunft haben: 1963 hatten die privaten Eigentümer es an den amerikanischen Konzern Sunbeam verkauft. 1988 gelangte es in die französische SEB-Gruppe. Im Jahr 2000 wurde der Schornstein gesprengt. Zwar gibt es noch die Marke Rowenta, nicht mehr jedoch den Produktions-Standort Offenbach, wo Rowenta-Arbeiter einst als privilegiert galten.

Quelle sprudelt nicht mehr

1988 ging der Automaten-Hersteller Markomat in Konkurs, 1989 die auf Brauereimaschinen spezialisierte Firma Neubecker an der Frankfurter Straße. Sie nimmt in der Offenbacher Geschichte einen besonderen Platz ein, denn auf ihrem Gelände ist 1888 die Kaiser-Friedrich-Quelle erbohrt worden, die Offenbach beinahe zu einer Kurstadt gemacht hätte.

Auch die nach der Erschließung zu einem eigenständigen Unternehmen gewordene Quelle sprudelt nicht mehr. Der Mineralwasser-Brunnen an der Ludwigstraße ist versiegelt, die Marke verkauft. Die Abfüllmaschinen holte der Schrotthändler. Auf das stolze Gründungsjahr 1821 blickte an der Rödernstraße die Firma Friedrich Heim & Co. zurück. Sie hatte lange ein Monopol auf Stahlstich-Prägepressen. Auch sie verschwand.

1994 kam das Aus für den Pelzveredler Thorer an der Mühlheimer Straße, ursprünglich ein Leipziger Unternehmen, das nach 1945 in Offenbach erfolgreich einen neuen Anlauf nahm. Die Schließung traf etwa 300 Mitarbeiter.

Als zum Ende des Jahrhunderts die 1897 gegründete Firma Stahlbau Lavis von den Eigentümern verkauft wurde, gab es dort noch fast 300 Fachleute für den Bau von Brücken, Großbehältern und Stahl-Hochbauten. Heute funktioniert auf dem Lavis-Gelände das Einkaufszentrum Ring-Center. Die Liste ist nicht vollständig.

Innerhalb einer Generation

In der Spanne einer einzigen Generation hat das 20. Jahrhundert ausgelöscht, was das vorangegangene Jahrhundert entwickelt hatte: die Industriestadt Offenbach. Es waren schlimme Jahre mit schmerzenden Einschnitten ins Fleisch der Stadt. Sie haben lange geblutet, und die Narben jucken noch. Es hat Sozialprobleme verschärft, Lebensläufe geknickt und die Politik zu neuem Denken genötigt. In nur dreißig Jahren wurde Offenbach eine andere Stadt.