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Büsingpark
© Stadt Offenbach
Wenn die alten Bäume in Offenbach sprechen könnten – dann ginge es um Goethe und seine Verlobte, um Sophie von La Roches Garten und die Wurzeln in fernen Ländern. Bei einem frühherbstlichen Rundgang berichtete Gästeführerin Anita Kremer, was sich im Schatten der botanischen Methusalems ereignet hat und dass Offenbach grüner ist als erwartet.

Der erste Blick beim Treffpunkt an der Stadtbücherei führt nach unten: Dort ziert eine ausladende Eiche den Offenbacher Kanaldeckel. „Das Motiv stammt aus dem Stadtwappen und wurde seit Mitte des 17. Jahrhunderts als städtisches Gerichts-Siegel genutzt“, erklärt Anita Kremer den Gästen, die teilweise aus dem Hunsrück, Bochum und sogar Berlin angereist sind. Der dargestellte Eichenbaum symbolisiert den Reichsforst Dreieich, zu dem das Stadtgebiet früher gehörte. Seit dem 19. Jahrhundert erscheint er auf dem Wappen in den Stadtfarben, weiß (silber) auf blau. Als Symbol passt der Baum bis heute gut, auch wenn es manchen Besucher*innen auf den ersten Blick nicht so erscheinen mag: „Offenbach ist eine sehr grüne Stadt und umfasst 1.330 Hektar Waldfläche“, berichtet Kremer. Die häufigsten Bäume seien Kiefern, Birken und eben die Eichen.

Weiter geht es in den Lilipark und zum Lilitempel. Der Name stammt von der Bankierstochter Elisabeth „Lili“ Schönemann, die Johann Wolfgang von Goethe in Frankfurt kennenlernte und 1775 zur Verlobten nahm – nur um sie noch im gleichen Jahr zu verlassen und nach Weimar zu ziehen. Ob die beiden unter der imposanten Kastanie am Lilitempel lustwandelten? „Dieser Baum stand nachweislich schon damals hier, und Goethe schrieb auch ein Gedicht über Lilis Park“, berichtet die Gästeführerin. Den Lilitempel hatte Goethes Freund, der Bankier Friedrich von Metzler, 1798 als Sommerresidenz im damals mondänen Offenbach errichten lassen – und als ein Privatinvestor das klassizistische Bauwerk ab 2004 restaurieren ließ, wurde die alte Rosskastanie besonders geschützt.

Pfarrer kämpfte um Naturdenkmal gegenüber dem Rathaus

Wohl noch betagter ist die Eiche gegenüber dem Rathaus, an der Französisch-Reformierten Gemeinde: „Sie dürfte um die 300 Jahre alt sein und musste doch beinahe weichen, als der Flachbau gegenüber der Kirche errichtet wurde“, so Kremer. Doch der damalige Pfarrer der Gemeinde und dessen Frau setzten sich erfolgreich gegen deren Fällung ein: Die Eiche wurde erhalten und 2016 als Naturdenkmal der Stadt ausgewiesen ­– gemeinsam mit fünf anderen Stieleichen (Schlossgartenstraße, Am Waldschwimmbad, Auf der Rosenhöhe und Käsmühle), einer Säuleneiche im Schlosspark Rumpenheim und zwei Speierlingen in Bieber-Nord. Im Übrigen sollte man Eichen bei Gewitter meiden, rät die Gästeführerin, und auch keinesfalls Buchen suchen: „Das ist Unsinn, der Blitz kann in jeden Baum einschlagen.“

Nicht alt, aber selten sind die Gingko-Bäume am Stadtforum: Dieser Baum des Jahrtausends, zu dem er 1999/2000 ernannt wurde, existiert seit mehr als 100 Millionen Jahren und gilt daher als lebendes Fossil. Er kann bis zu 1.000 Jahre alt werden, während die Offenbacher Gingkos zarte 15 Lenze alt sind. „Der Baum ist so robust, dass er als einzige Spezies den Atombombenabwurf in Hiroshima überstand“, verdeutlicht die Gästeführerin. Seine Früchte allerdings riechen je nach Reifegrad wie Katzenurin – das brachte schon so manchen Gingko vorzeitig zu Fall. Die Pflanze und seine geteilten Blätter inspirierten Goethe 1815 zu seinem Gedicht „Gingko Biloba“ („Ist es ein lebendig Wesen, das sich in sich selbst getrennt?“...).

Wo Bettina von Arnim auf Pappeln kraxelte

Letzte Station ist der Büsingpark. Dort, auf Höhe der Plastik „Der Sitzende“ (ehemals Domstraße 23), hegte und pflegte die erste deutsche Erfolgsautorin Sophie von La Roche Ende des 18. Jahrhunderts einen großen Garten: Sie zog Kartoffeln und pflanzte Rosen, „sie sprach mit jedem einzelnen Trieb und konnte kein verdorbenes Blatt ertragen“, berichtete später ihre Enkelin Bettina von Arnim, geborene Brentano. Aus deren Erinnerungen liest Kremer weiter vor, dass Bettina als Kind in Offenbach auf Pappeln kraxelte, „um die Gewitter zu begrüßen“. Als die Bäume seinerzeit gefällt wurden, bedauerte die Schriftstellerin dies in ihren Briefen sehr: „Ach ihr Baumseelen, wer konnte euch das antun?“

Dennoch finden sich im Park außergewöhnliche Bäume, etwa der Amerikanische Zürgelbaum gegenüber dem Büsingpalais: „Er gelangte wohl um 1900 als Gastgeschenk für die Familie Bernard nach Offenbach und ist bei uns sehr selten“, weiß die Gästeführerin. Nach einer Krankheit und dem damit verbundenen Rückschnitt habe sich der Baum wunderbar erholt und treibe nun wieder seine Früchte aus, die an Minikirschen erinnern. Ebenfalls ein „Mitbringsel“ dürfte die rund 150 Jahre alte Schwarznuss am Monopteros gewesen sein: Dieser mächtigste aller Walnussbäume trägt Früchte, die sich nur mit Spezialknackern öffnen lassen und in seiner Heimat USA in Konditoreien eingesetzt werden. Wer die Nüsse in Offenbach anfasst, merkt schnell, dass sie die Finger gelb färben. Zum Aufsammeln bieten sich aktuell eher die Kastanien an: Sie verteilt Anita Kremer zum Abschluss an ihre Gäste, die nun bestimmt öfters an den Bäumen in Offenbach stehen bleiben werden.

 

 

 

Offenbach am Main, 21. Oktober 2020