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Spannend lesbare und wissenschaftlich fundierte Reisen unter musikalischen Vorzeichen in die wechselhafte Geschichte des heutigen Capitol Theaters bietet die jüngste Veröffentlichung zur Offenbacher Kulturgeschichte. Verfasst hat sie der Leiter des Amts für Kulturmanagement, Dr. Ralph Philipp Ziegler: "Ton und Atmosphäre - Die Geschichte der Orgeln im heutigen Capitol Theater Offenbach am Main". Das 40seitige Bändchen im A5-Format ist beim CoCon-Verlag erschienen und zum Preis von 6,80 EURO im Buchhandel erhältlich.

Selbstredend, möchte man meinen, ist die Abhandlung kein trockenes instrumentenbaukundliches Werk. Ziegler hat sich den Anspruch zu Grunde gelegt, den Stil seiner Konzerteinführungen bei der Capitol Classic Lounge in etwas vertieftem Format auf die Studie zu übertragen.

Anlass der Veröffentlichung ist die Einweihung der "Dr. Marschner-Orgel", mit der die gleichnamige Stiftung eine für die Konzerte im Capitol verwendbare etwas erweiterte digitale Rekonstruktion der Synagogenorgel von 1915/16 gestiftet hat. Bei der Capitol Weihnachts-Lounge am vergangenen Sonntag kam das Instrument erstmals (allerdings mit vorläufiger Lautsprecheranlage) zum Einsatz.

Letztere ist auch Thema des ersten Kapitels, das in die religiöse und ästhetische Geschichte des Hauses eintaucht und natürlich auch die durch einen konsequent runden Grundriss singuläre dreimanualige Walcker-Orgel zum Thema hat. Nach der Schändung der Synagogen und dem Zwangsverkauf an die Stadt erhielt das nun durch private Betreiber eingerichtete Premierenkino "National Theater" erneut eine Orgel, die durch ihr eher an die experimentierfreudigen 1920er Jahre als an nationalsozialistisches Pathos erinnernde Farblichtanlage erneut Ausnahmestatus weit über die Region hinaus beanspruchen darf. Das Instrument, in dem große Teile der Synagogenorgel verwandt waren, wurde 1948 an die evangelische Stadtkirche verkauft, in deren Orgel auch heute noch Pfeifen aus der Synagoge erklingen. Das dritte Kapitel widmet sich in feuilletonistisch-eloquenter Weise dem Komplex "analoger und digitaler Orgelklang". Ein Intermezzo wendet sich der Epoche des Kinobetreiber-Ehepaars Georg und Lina Ruttmann zu, das die Lichtspielszene der Stadt über ein halbes Jahrhundert entscheidend prägte.

Vielfach großformatige Abbildungen entstammen sowohl dem Archiv im Haus der Stadtgeschichte als auch diversen weiteren Quellen wie dem Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg und den Archiven der Erbauerfirma der Instrumente.