Sprungmarken
Suche
Suche

Titelbild mit Kopf der Victoria
© Amt für Kulturmanagement
Bis 1. Dezember 2018 war die Ausstellung „Gloria Victoria. Denkmalstrategien für Europa“ im temporären Projektraum „Marterie“ in der Geleitsstraße 5 zu sehen. Kuratiert hat die Ausstellung der Berliner Kurator und Kunsthistoriker Rafael von Uslar.
Victoria in ihren Fragmenten
Victoria in Fragmenten © Jessica Schäfer

Endspurt für Gloria Victoria

Am Samstag, den 01. Dezember endet die Ausstellung „Gloria Victoria“ im temporären Projektraum „Marterie“. Kuratiert wurde die Ausstellung auf Einladung des Amts für Kulturmanagement von dem Berliner Kurator und Kunsthistoriker Rafael von Uslar.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung © Jessica Schäfer

Ausgangspunkt der Ausstellung „Gloria Victoria. Denkmalstrategien für Europa“ ist die bewegte Geschichte des Denkmals für die Offenbacher Krieger und Mitglieder eines Sanitäts-Corps aus dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/71), welches ursprünglich auf dem Aliceplatz stand und dessen Sockel sich inzwischen auf dem Alten Friedhof befindet. Die dazugehörige Bronzeskulptur in Form einer „Victoria“ ist heute im Besitz des Hauses für Stadtgeschichte, in der Ausstellung werden nun Fragmente der Skulptur zu sehen sein, die der Öffentlichkeit normalerweise nicht zugänglich sind.  

Diese stehen im Mittelpunkt der Ausstellung, die sich sowohl mit der Frage der Beweglichkeit als auch der Mobilität von Denkmälern und dem damit meist einhergehenden Bedeutungsverlust auseinandersetzt. Welche Folgen haben Relokalisierungen von Denkmälern und was passiert, wenn sie in Bewegung geraten, wenn der ursprüngliche Anlass in Vergessenheit gerät? Wie flexibel und direkt können Denkmäler überhaupt auf aktuelle politische, soziale und kulturelle Fragen der Zeit eingehen?

Der Ausstellung vorangegangen ist die 2017 vom Kulturmanagement der Stadt Offenbach herausgegebene Publikation „Hidden View“, die eine Reihe Essays zu stadtgeschichtlichen Themen enthält. Die aktuelle Ausstellung „Gloria Victoria, Denkmalstrategien für Europa“ bezieht sich auf den Text „Blitzschlag mit Lichtschein auf Viktoria“, der sich mit der Geschichte und der sich wandelnden Bedeutung des ehemaligen Kriegerdenkmals auf dem Aliceplatz befasst. Dieser Text ist der beispielhafte Anlass, um mit einer Ausstellungsidee an die verhandelten Inhalte anzuknüpfen und diese weiterzudenken.

Stück aus der Ausstellung
© Jessica Schäfer

Künstlerinnen und Künstler

Neben einigen historischen Positionen in Form von Graphiken und Multiples werden Arbeiten von Troy Anthony Baylis (AUS), Gary Carsley (AUS), Tony Clark (AUS), Fette Sans (F), Paul Kennedy (USA), Anny & Sibel Öztürk (D) und Dirk Schlichting (D) zu sehen sein.

Troy Anthony Baylis

An animal and a plant

Troy-Anthony Baylis ist ein Nachkomme indigener Ureinwohner Australiens und strickt. I am an animal and a plant ist ein Wollobjekt mit Text. Es kombiniert die Idee der Skimützen mit Text von Cary S. Leibowitz mit den traditionellen, aus Pflanzenfasern gewobenen Dillybags der australischen Aborigines. Der Text bezieht sich auf eine berühmte Textarbeit des indigenen Künstlers Vernon Ah Kee not an animal or a plant. Ah Kee thematisiert damit den Umstand, dass erst ein Refferendum des Jahres 1967 die Ureinwohner Australiens, dem Status von Flora und Fauna entrissen hat, den ihnen zuvor die europäischen Landnehmer zugedacht hatten. Das Wollobjekt tritt zu Ah Kee in ein dialogisches Verhältnis. Folgerichtig wird es hier unter einer Glashaube präsentiert, wie ein zoologisches Artefakt. Das selbstbehauptete Wesen ist in allererster Linie eine Skulptur, die jedoch das Erbe einer Herkunft als Mütze und Tasche in sich trägt und damit als ein potentiell mobiles Gebilde zu denken ist. Von der Beantwortung der Frage, wer genau in diesem Text spricht und als „ich“ zu verstehen ist, hängt entscheident ab, wie Objekt und Text inhaltlich zu deuten sind. in jedem Fall jedoch fungiert die Arbeit als (ein potentiell mobiles) Denkmal zur Geschichte von Unterdrückung und Emanzipation der Aborigines in Australien.

Vita

*1976, lebt und arbeitet in Adelaide 2019 The National. New Australian Art, Carriageworks, Sydney. 2018 Rebellion and Subversion: 40 Years of Queer Art, Comber Street Studious, Sydney 2016 we’re justified and we’re ancient, 11m2, Berlin

Gary Carsley

Archtitectural Ready To Wear, 1999

Die Klassische Griechische Architektur der Antike gehört zu den reiselustigsten Architekturen der Welt. Zunächst reiste sie nach Rom, ab dem 18. Jhd. verbreitet sie sich unter dem Namen Klassizismus in ganz Europa und wurde von dort in Indien, Süd- und Nordamerika, Neuseeland und Australien verbreitet. In Amsterdam entwickelte der australische Künstler Gary Carsley sein Projekt Architectual Ready To Wear. Handbemalte Leinwände, die klassische Architekturelemente und Dekor zeigen, sind an allen vier Seiten mit Reissverschlüssen ausgestattet. Mit Hilfe eines zusammensteckbaren Systems von Stangen, können Raumeinheiten und Fassaden errichtet werden, die sich dann mit den Leinwänden bekleiden lassen. Diese wiederum lassen sich untereinander beliebig kombinieren. Für unterwegs werden die Stangen in einer Reisetasche verpackt, die Leinwände lassen sich knitterfrei in einem Kleidersack verstauen. Die Arbeit thematisiert den internationalen Kulturtransfer, der normativ eine eurozentrische Vorstellung von Kultur global verbreitet.

Vita

*1958, lebt und arbeitet in Sydney. 2016 Scenes from The Life of Paris. H Gallery Bangkok 2015 The Garden of Dr. Con Fabulator. Centre of Visual Art, New Jersey 2014 Sciencefictive. IMA Brisbane & Kunstverein Ulm

Tony Clark

Design for a landscaped Column, 2018

Die Malerei von Tony Clark gründet wesentlich auf konzeptionellen Überlegungen. Bekannt wurde er mit seinen Myrioramas, die aus Einzeltafeln bestehenden, kontinuierlichen Landschaftsbildern, welche sich in nahezu endlos erscheinenden Kombinationen in ihrer Reihenfolge neu zusammenstellen lassen. Das Prinzip geht auf das, von John Clark im Jahr 1824 patentierte Gesellschaftsspiel zurück, welches aus gedruckten Tafeln mit kontinuierlichen Lanfdschaftsdarstellungen besteht. In einem Interview mit Robyn McKenzie stellte Clark fest, das sich eines seiner Myrioramen gleichermaßen für einen Auftritt bei der documenta IX, dem Cover eines Nick Cave Albums und schließlich einem Einband des Readers Digest geeignet hätte. In Offenbach zeigt er einen Projektentwurf, der eine Säule zum Träger für ein Landschaftsmalerei-Kontinuum genommen wird, das mit einem rein erzählerisch fungierenden Figurenpersonal bevölkert werden soll. In ihrer formalen Anlage folgt die Malerei dem Relief der berühmten Trajanssäule. Das heißt, der Bildfries legt sich als ein diagonal angesetztes Band um den Säulenkörper. Das intererssante an diesem ungewöhnlichen Bildträger ist, dass er selbst über einen Sockel verfügt und in der Gestaltung als Bild eine skulpturale Qualität anzunhemen scheint. Bei all dem bleibt die Säule dennoch ein nachgeordnetes architektonisches Accessoire, ein Dekorationselement das von der Kunst in die Geiselhaft eines eigenständigen künstlerischen Ausdrucks genommen wird.

Vita

1954, lebt und arbeitet in Syracuse, in Melbourne, Essen und den ibis Hotels 2017 Villa Sino Turk Romana, 11m2, Berlin. 2012 Selections from Clark`s Myriorama, Murray White Room, Melbourne. 2006 Pseudotapeten, Ruhrlandmuseum Essen. 1992 documenta IX. Kassel.

Paul Kennedy

The end of the day, 2004 - 2009

Kennedy arbeitet als freier Photograph. Er entwickelt seine Arbeiten, als auf längere Dauer angelegte Projekte mit dokumentarischem Ansatz. In den Jahren 2004 – 2008 dokumentierte er das Schicksal des Wells Smith Hauses in Jonesborough, Tennesse. Es war ein Haus von historischer Bedeutung an einem Ort, an dem viele Häuser von historischer Bedeutung unter Denkmalschutz standen. Leider nicht das Wells Smith Haus. Da der Ort wegen der Häuser immer mehr Touristen anlockte, wurde das Wells Smith Haus abgerissen um Platz für einen Hotelneubau zu schaffen. Ein Bauentwickler kaufte Teile des historischen Hauses, um an anderer Stelle einen Neubau, in Anlehnung an das historische Haus zu errichten. Auch der Hotelneubau zitierte schließlich formale Aspekte des historischen Vorgängerbaus. So wurde das Wells Smith Haus ein Gebäude mit drei Orten. 1.) Das Haus an seinem ursprünglichen Platz, 2.) Der Neubau unter verwendung von Originalfragmenten, 3.) Der das Haus zitiernde Hotelneubau. Erhalten hat sich das Wells Smith Haus schließlich an einem vierten Ort, in einer Publikation, in der Kennedy mit seinen Phtographien, begleitet von dokumentarischen Texten, die Geschichte des Hauses und seines seltsamen Nachlebens bewahrt.

Vita

*1971 (Floriday), lebt und arbeitet in New York 2014 The DeVault Tavern, B. Carroll Reece Museum. East Tennesse State University 2010 Francis Cape & Paul Kennedy, Callicon, New York 2005 Paul Kennedy, Galerie Grimm Rosenfeld, München

Anny und Sibel Öztürk

Hafizes Brücken

Anny und Sibel zeigen handbemalte Teppiche im Format sogenannter „Brücken“. Dabei entwerfen sie Muster, mit denen sie Skulpturen und Sockelgestaltungen des Künstlers Constantin Brancusi rezipieren. Mit dem Titel „Hafize“ zollen sie ihrer Urgroßmutter väterlicherseits Tribut. Nachdem deren Familie, im Zuge der Expansionspolitik des Osmanischen Reiches, bereits seit einigen Generationen in Rumänien gelebt hatte, war Hafize als Teppichdesignerin mit einer eigenen Fabrik überaus erfolgreich. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges jedoch verließ sie Rumänien, wegen zunehmend anti-türkischer Resentiments, im Zuge eines aufkeimenden Nationalismus und zog in die Türkei. Etwa zur gleichen Zeit wurde der rumänisch stämmige Brancusi, der seit 1904 in Paris lebte, eingeladen ein Denkmal zu schaffen für die, im Weltkrieg gefallenen rumänischen Soldaten. Er schuf eine weiträumige, dreiteilige Denkmalanlage zu der auch eine große Version seiner „Endlosen Säule“ gehört, die wiederum in der Teppichgestaltung von Anny und Sibel Öztürk eine große Rolle spielt. Die Arbeit der deutsch-türkischen Künstlerinnen schlägt eine Vielzahl von Brücken zwischen diversen nationalen, historischen, kulturellen, kunsthistorischen und biographischen Zusammenhängen. Die Teppiche fungieren sowohl als Boden- wie auch als Wandarbeiten und verstehen sich als mobile Elemente die darüber hinaus sowohl Sockel abbilden, als auch als solche funktionieren.

Vita

*1970 Anny Öztürk *1975 Sibel Öztürk. Die Schwestern leben und arbeiten in Mühlheim am Main. 2018 Wallhangings Floorlayings, MyBerlinWall, Berlin. 2011 Das Leben, das Universum und der ganze Rest. In: Heimatkunde, Gruppenausstellung,Jüdisches Museum, Berlin. 2007 Mehr Licht! Installation für den öffentlichen Raum am Rond-Point Schuman anläßlich der deutschen EU- Ratspräsidentschaft, Brüssel.

Fette Sans

Untitled (Korpus matt) 2014

Auf einem großformatigen photographischen Abzug, sind mit weißen Winkelhaken unterschiedlicher Größe, weiß beschichtete Pressspahnbretter angebracht. Die Regalbretter sind unterschiedlich tief und werden von einer Reihe von Objekten bevölkert. Im Verhältnis zur Photographie treten die Haken und Bretter als eine formal konstruktivistische, zugleich dreidimensionale Überarbeitung auf. Diese korrespondiert mit dem „Gegenstand“ der Photographie und deren Konzept von räumlicher Tiefe als bildliches Phänomen. Jedes Brett zeig in der Auswahl der Präsentation von Gegenständen ein eigenes Stilleben, aus dem sich eine Vorgeschichte zu der, vom Betrachter vorgefundenen Hinterlassenschaft, imaginieren lässt. In dieser Arbeit verschwimmen die Grenzen zwischen Architektur und Bildlichkeit und werden zugleich in aller Deutlichkeit thematisiert. Sie ist ein ebenso relevanter Beitrag zum Thema „Stilleben“, wie zum Thema „Sockel“ und zeigt interessante Perspektiven für Konzepte bildlicher Erzählstrukturen auf.

Vita

lebt und arbeitet unterwegs und in Berlin 2018 Hände haben eine tragische Hierachie, Five Car Garage, Los Angeles 2017 If I can’t sleep at night is it because I am awake in someone else’s room? Performances und Installationen, Hotel Zoo Berlin 2016 RAW DESIRES: BRUTALISM AND VIOLENT STRUCTURES.Gruppenausstellung, Circle Culture Gallery, Berlin

Dirk Schlichting

Victoria

Die vom Blitz erschlagene Siegesgöttin Victoria wird mobil gemacht. Schlichting präsentiert eine, mit einem Model illustrierte Projektskizze, in der er die Idee entwickelt, die Fragmente der 1958 auf dem Alten Friedhof in Offenbach zerstörte Victoria Statue in maßstabgerecht verkleinerter Form, in einem Campignanhänger zu verstauen. Dieser Anhänger erlaubt es, die Skulptur in Bewegung zu setzen. So läßt sie sich zum Beispiel problemlos wieder auf den Aliceplatz, ihren ursprünglichen Aufstellungsort verbringen, oder auf den Alten Friedhof zurück zu ihrem Sockel. So kann Victoria Offenbach auch problemlos verlassen und im Geiste von Robert Fillious Commemor Projektes (Ein Vorschlag zu einem internationalen Austausch von Kriegerdenkmälern) verschiedene Orte in Europa aufsuchen. Die Siegesgöttin wird dabei, Dank ihres zerschlagenen Zustandes, zu einem angemessenem politischen und kulturellem Symbol. Die Denkmalskulptur erreicht in ihrer neuen Formgebung, als mit Denkmalschrott verfülltem Campingwagen, eine völlig neue und zeitgemäße Gestalt.

Vita

2017 Verdichtung durch Abriss, Essen 2016 Wir bauen eine neue Stadt, Oberhausen, actopolis- urbane künste ruhr und Goetheinstitut 2012 polderlicht@home, Amsterdam

Termin & Ort

Vernissage war am 3. November 2018 im temporären Projektraum Marterie, Geleitsstraße 5, 63065 Offenbach. Die Ausstellung ist bis zum 1. Dezember zu sehen und endet mit einer abendlichen Finissage. Die Öffnungszeiten der Ausstellung sind Mittwoch und Donnerstag von 15 bis 19 Uhr sowie Freitag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr.