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Länderboten von Amy und Sibel Öztürk und Heiner Blum
Kunst- und Buchprojekt Länderboten von Amy und Sibel Öztürk und Heiner Blum © Bei den Künstlern und den Autoren
Ein schönes Buch ist es geworden. Da sind sich alle Beteiligten einig. Zudem könnte der Zeitpunkt der Veröffentlichung passender nicht sein. Schließlich sind Fragen nach Identität und Heimat aktueller denn je. Obwohl es doch ursprünglich um Freiheit und Demokratie ging. Doch der Reihe nach: Anlässlich des Büchner-Jahres 2013 hatte das Amt für Kultur- und Sportmanagement die Künstlerinnen Anny und Sibel Öztürk und Heiner Blum gebeten, ein Projekt zum Themenbereich „Meinungsfreiheit und demokratische Gesellschaft“ zu entwickeln.

In Anlehnung an den Hessischen Landboten, der 1834 in Offenbach in der ersten Fassung Georg Büchners gedruckt wurde, sollte dessen Idee von Freiheit und eines friedlichen Miteinanders anlässlich seines 200. Geburtstags neu übersetzt werden, erläutert Britt Baumann vom Amt für Kulturmanagement. Daraus entstanden 2013 die „Länderboten“, erst als Ausstellung und nun als Buch.

Vom „Hessischen Landboten“ zu den „Länderboten“

Während Büchner mit der Parole „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ die hessische Landbevölkerung zum Aufstand gegen Unterdrückung aufrief, repräsentieren die Länderboten die Offenbacher Stadtgesellschaft der Gegenwart. „Schließlich ist Demokratie ein hohes Gut und wurde hart erkämpft“, so Baumann. Und muss in manchen Teilen der Welt noch weiter erkämpft werden. Viele sind froh, hier angekommen zu sein. Davon zeugt so manch eines der grafisch aufbereiteten Porträts, in denen die Künstler den 154 Nationalitäten in der Stadt eine Stimme und eine Geschichte geben. Die Idee, Siebdrucke herzustellen, wurde schnell verworfen. „Das wäre zu aufwändig“ gewesen, erklärt Anny Öztürk. „Aber uns gefiel die Arbeit von Sister Corita, sie hat uns schon inspiriert.“ Die US-amerikanische Nonne gehörte in den 1960er Jahren mit ihren Siebdruck-Arbeiten zu den Vertretern der Pop-Art. Bei den Länderboten entstanden große Bildtafeln, eine „interessante und farbenfrohe Ausstellung“, so Dr. Stefan Soltek, Leiter des Klingspor-Museums, „die allen viel Freude gemacht hat.“ Dort war die Ausstellung „Länderboten“ von Dezember 2013 bis Februar 2014 zu sehen.

Macher mit Buch
v.l.n.r.: Britt Baumann, Amt für Kultur- und Sportmanagement, Künstlerinnen Sibel und Anny Öztürk, Christina C. Henrich-Kalveram, Geschäftsführerin Henrich Druck + Medien © Stadt Offenbach

Prozessuales Projekt

Ursprünglich sollten es 154 Interviews werden, geführt mit jeweils einem Vertreter der in Offenbach lebenden Nationalitäten. „Offenbach ist die Stadt der Ausländer“, erklärt Sibel Öztürk, trotzdem aber sei die Suche nach entsprechenden Repräsentanten seinerzeit eine echte Herausforderung gewesen. Ohnehin klang die Idee erst einmal abenteuerlich, vor allem „wenn man sich vergegenwärtigt, dass es weltweit 195 Staaten gibt und wir davon mehr als die Hälfte suchten“, ergänzt ihre Schwester Anny. 111 Nationen sind es schließlich geworden. Gemeinsam mit dem Dritten im Bunde, Heiner Blum, Professor für Experimentelle Raumkonzepte an der Hochschule für Gestaltung (HfG), wurden im Bekanntenkreis, über soziale Medien und auch auf dem Fest der Vereine Menschen angesprochen, deren Äußeres einen Migrationshintergrund vermuten ließ. Dabei kam viel Überraschendes zutage, entstanden spannende Gespräche und erhielten die drei Künstler teilweise sehr persönliche Einblicke in Lebensgeschichten und - Wege. Zumal sie die Idee eines Fragenkatalogs schnell verwarfen und Gespräche entweder spontan auf der Straße, im Café oder im Geschäft entstanden oder die im Atelier geführten Interviews sich schnell verselbstständigten. „Kaum Kritik, viel Dankbarkeit und Berührendes, aber auch gruselige Momente waren dabei“, erinnert sich Sibel Öztürk. Beispielsweise in Gesprächen mit Menschen aus Ex-Jugoslawien, die erleben mussten, wie von einem Tag auf den anderen der Krieg ausbrach und Nachbarn plötzlich zu Feinden wurden. Oder Geschichten von Menschen, die alles aufgeben mussten und zu Fuß aus Afrika nach Offenbach gekommen sind. „Jeder, der jetzt gegen Flüchtlinge wettert und das hört, hätte in 5 Minuten eine komplett andere Sichtweise“, ist sich die Künstlerin sicher. In der Darstellung haben sich die Macher dennoch um Leichtigkeit bemüht, zentrale Aussagen herausgegriffen, die Fotografien der Interviewten grafisch bearbeitet und beides voneinander getrennt. Dank dieser Herangehensweise werden Spuren verwischt und bleibt die Diskretion gewahrt.

Heimat vieler Welten

Im Buch ergänzen Beiträge von Kai Vöckler, Stadtforscher und Urbanist, und Kunsthistoriker und Kurator Rafael von Uslar die Farbtafeln und Porträts. Herausgekommen ist dabei nicht nur eine 248 Seiten umfassende Bestandsaufnahme, sondern auch eine Liebeserklärung an eine bunte, manchmal kantige, vor allem aber sehr lebendige Stadt, die nicht umsonst gerne als "Integrationsmaschine" bezeichnet wird. 

„Länderboten“ erscheint bei Henrich Editionen, Frankfurt am Main (ISN 978-3-943407-56-3) und kostet 29,00 EURO.