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Der "Bürgeler Reichstag" heute
Der "Bürgeler Reichstag" heute © Stadt Offenbach (Foto Matthias Müller)
Wenn vom Reichstag die Rede ist, richten Blick und Gedanken sich auf die Hauptstadt Berlin. In Offenbach indes ist es zulässig, dabei auch an Bürgel zu denken. Den Bürgeler „Reichstag“ findet man zwischen Maindamm und Fluss als baumbeschirmte Rundbank. Seit altersher träfen sich dort die Ruheständler zu Plausch und Streitgespräch, und deshalb werde ihr Treffpunkt „Reichstag“ genannt.

So wird es gemeinhin erklärt. Doch es gibt auch eine andere Deutung. Hier oder in nächster Umgebung fand tatsächlich einmal eine Reichsversammlung statt: 1018. Wenn jetzt zum Eingemeindungs-Jubiläum Bürgeler Geschichte ins Blickfeld rückt, fällt Glanz auf das Jahr 1018.

Heinrich II. war der Kaiser des Reichs, das keine Hauptstadt in unserem Sinne kannte. Seit 1002 trug er die Krone der deutschen Könige, seit 1013 die römische Kaiserkrone. Als er den Reichstag an den alten Königshof Bürgel einberief, stand auf der Tagesordnung auch ein Streitfall, bei dem eine Privatsache politische Dimensionen angenommen hatte.

Otto Graf von Hammerstein aus Andernach am Rhein, ein nicht unbedeutender unter den Standesherren des Reichs, hatte eine allzu nahe Verwandte geheiratet. Das widersprach dem kirchlichen wie dem weltlichen Recht. Otto und Irmingard von Hammerstein verfielen kirchlichem Bann. Den Ehemann zog der Kaiser vors Tribunal der Reichsversammlung zu Bürgel.

Dort unterwarf sich Otto dem gewaltigen Druck. Er versprach die Trennung von seiner Frau. Die Liebe freilich war stärker, der Trotz wohl auch. Otto stellte die Treue zu seiner Frau höher als die Treue zum Kaiser und den Gehorsam gegenüber der Kirche. Damit verlagerte sich der Fortgang der Geschichte von Bürgel an den Rhein.

Graf Otto ließ nach den Waffen greifen und attackierte den Erzbischof von Mainz, den schärfsten seiner Gegner. Worauf der Kaiser die Hammerstein-Burg belagern ließ. Als die ausgehungerte Besatzung kapitulieren musste, waren .Soldaten gestorben, die einen für das Recht von Kaiser und Kirche, die anderen für das Recht auf Liebe. Das Ehepaar Hammerstein überlebte, wurde jedoch in die Verbannung geschickt.

Nun freilich wurde die Angelegenheit noch komplizierter. 1023 unterwarf sich Hammerstein abermals. Irmingard indes wandte sich an den Papst, der sich bereit zeigte, eine alle befriedigende Lösung zu erwägen. Dazu kam es jedoch nicht mehr. Erst starben der Papst und kurz darauf auch der Kaiser. Danach hat der Fall Hammerstein zwar weiterhin Kirchensynoden beschäftigt, wir aber verlieren ihn jetzt aus dem Blick.

In Bürgel standen 1018 gewiss auch andere Probleme zur Entscheidung. In Erinnerung blieb jedoch nur die romantisch anmutende Geschichte einer Liebe, die keine Gewalt der Welt zu unterdrücken vermochte, weder Kaiser noch Papst. Nur verschwommen lässt sich ahnen, wie das zugegangen sein mag, als am Königshof zu Bürgel mit Glanz und Gloria alle versammelt waren, die vor tausend Jahren Macht und Einfluss hatten.

Für Tage oder Wochen war Bürgel das Zentrum des römisch-deutschen Reichs, überflutet von Fürsten und Soldaten, Pferden und Dienstpersonal, gewiss auch von den leichten Mädchen, die immer im Gefolge sind. Die Zurückbleibenden werden erleichtert aufgeatmet haben, als das alles wieder fort war.

Von Lothar R. Braun

Stadt Offenbach (Foto Matthias Müller)
Die Initiative "Pro Bürgel" begrüßt mit einer Tafel am Main an die Ankommenden © Stadt Offenbach (Foto Matthias Müller)