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Gewölbegang des Isenburger Schlosses
© Bernd Georg
Wer sich in der Offenbacher Geschichte ein wenig auskennt, weiß vom Grafen Johann Philipp, der um 1700 in Offenbach die Ansiedlung der Hugenotten förderte. Weitaus weniger bekannt ist Graf Ludwig III. von Isenburg (1529-1588), dem die viel gerühmte Renaissancefassade des Offenbacher Schlosses zu verdanken ist. Als „Offenbachs vergessener Regent“ wurde er bei einer Vortragsveranstaltung im Haus der Stadtgeschichte bezeichnet.

Über den Grafen, der 1568 in Offenbach die Regierung antrat, sprach der Historiker Dr. Klaus-Peter Decker, einst Archivar des Fürsten zu Isenburg-Büdingen. Den Grafen Ludwig ließ er als einen schicksalhaft Gescheiterten erkennen. Offenbach und die Baustelle des Schlosses hatte er vom älteren Bruder geerbt und dessen Pläne sofort in den Papierkorb geworfen. Mit einer Laubengang-Fassade und reichem Schmuck aus Wappen, Figuren und Symbolen an der Südfront suchte er die Begründung einer neuen, seiner eigenen Dynastie anschaulich zu machen. Zu dem Schmuck gehört auch ein Porträt Ludwigs III. Eine andere Abbildung ist von ihm nicht verblieben.

Zur Baustelle des Schlosses, umfangreicher Wirtschaftsgebäude und Gartenanlagen strömten Arbeiter und Spezialisten in den bescheidenen Ort. Decker sieht unter ihnen auch erste Gastarbeiter aus Italien. Die Begründung einer Dynastie allerdings gelang dem Grafen nicht. Zwei Ehefrauen verstarben, und von ihren Kindern überlebten nur drei Töchter, „die Offenbacher Fräulein“ genannt. Ludwig starb ohne männlichen Nachkommen. Seine Grafschaft fiel an einen Bruder und dann an einen Vetter, und keiner von ihnen wollte in Offenbach residieren. Erst sehr viel später kehrte die Hofhaltung nach Offenbach zurück.

Schilderungen des höfischen Lebens im 16. Jahrhunderts wusste der Vortragende mit Dokumenten aus dem Büdinger Archiv zu belegen. Dabei konnte man erkennen: Eine schöne Handschrift hatte der Ludwig. Deutlich wurde auch, dass sich bei öffentlichen Bauten nicht viel verändert hat: „Auch das Offenbacher Schloss wurde auf Pump gebaut.“ Dennoch blieb es unvollendet. Denn ursprünglich sollte daraus ein dreiflügeliger Bau werden. Was hätte aus Offenbach werden können, wenn das Schloss vollendet worden wäre und Graf Ludwig einen Sohn gehabt hätte? Decker warf die Frage auf und ließ sie unbeantwortet.

Einen musealen Leckerbissen tischte bei dieser Gelegenheit Hausherr Dr. Jürgen Eichenauer auf. Erstmals seit der Restaurierung konnte er Bauzeichnungen öffentlich zeigen, die sein Haus jüngst erworben hat. Sie stammen von dem hoch dekorierten Malerprofessor Leopold Bode (1831-1906), der jahrzehntelang im Isenburger Schloss wohnte und arbeitete. Sie zeigen das Schloss in einer frühen Gestalt, dazu Aufrisse des Inneren.

Wer dabei war, könnte zum Isenburger Schloss eine neue Beziehung gewonnen haben. Er weiß nun auch von dem Bau, den Ludwigs Vorgänger 1559 in die Reste einer alten Wasserburg setzte und der schon fünf Jahre später nach einem Blitzschlag in Flammen aufging. Er weiß vom eingeleiteten Wiederaufbau, den Ludwig 1568 nach seinem eigenen Geschmack umkrempelte. Auch Ludwigs Schloss sollte in Flammen aufgeben. Das geschah bei einem Luftangriff im Jahr 1943. Den abermaligen Wiederaufbau von 1952 bis 1956 leiteten dann zwei beamtete Architekten: zuerst Erwin Schwarzer und dann Paulfriedrich Posenenske. Sie richteten im Schloss die Außenstelle Offenbach des Hessischen Staatsbauamtes ein. Heute wird es von der Hochschule für Gestaltung genutzt.

Von
Lothar R. Braun

veröffentlicht in der OFFENBACH POST

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