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Gegen Offenbach zu sticheln, das lernt ein richtiger Frankfurter bereits im Kindergarten-Alter. In jeder Fastnachtskampagne fliegen die spitzen Pfeile, denn ohne Offenbach kommt Frankfurter Fastnacht nicht aus. Beide Städte verbindet eine endlose Geschichte von reizvoller Nachbarschaft. Manche bringen die Rivalität mit dem Fußball in Verbindung. Doch sie ist älter als der Ballsport. Sie wurzelt in historischen Tiefen.

Möglicherweise begann sie im 14. Jahrhundert. Damals, vor 600 und mehr Jahren, genossen die Bewohner von Offenbach, Bieber und Bürgel das Recht, sich bei Kriegsgefahr in den Schutz der Frankfurter Mauern zu retten. Das war nicht so großzügig gemeint, wie es erscheint. Wer in Frankfurt „Burgrecht“ genoss, musste jedes Jahr dort antreten und an der Instandhaltung der Wehrsysteme arbeiten. Zugleich war es dem Umland verboten, sich mit eigenen Mauern zu schützen.

1414 führte das zum Konflikt. Angehörige des in und um Offenbach engagierten niedern Adels schickten sich an, in Offenbach eine Burg zu bauen, ein festes Haus jedenfalls mit Mauern und Gräben. Das war ein grober Verstoß gegen die Regeln. Empört protestierte der Frankfurter rat beim Offenbacher Landesherrn, es war damals der Erzbischof und Kurfürst von Trier, ein Falkensteiner.

Die Beschwerde blieb ohne Erfolg. 1417 wandte sich Frankfurt deshalb an die oberste Reichinstanz. Es klagte beim Kaiser. Wieder ohne Erfolg. Der Zankapfel aber, die umstrittene Burg, wurde unterdes zu einem maroden Altbau. Bis die Isenburger 1556 Offenbach als Residenz wählten und mit dem Bau eines repräsentativeren Schlosses begannen. 1631, im Dreißigjährigen Krieg, nahm der Schwedenkönig Gustav Adolf Quartier. Aus dem Offenbacher Schloss forderte er Frankfurt zur Übergabe auf. Das hatte Peinliches zur Folge.

Der Frankfurter Rat schickte eine Verhandlungs-Delegation nach Offenbach. Sie forderte Schonung, zunächst mit dem Selbstbewusstsein Verweis auf ihr Ansehen und die Bedeutung ihrer Stadt für Handel, Gewerbe und Geldwirtschaft, zuletzt eher flehend. Es wurde eine demütigende Begegnung. Denn auf Verhandlung ließ der Schwede sich nicht ein. Barsch verlangte er die totale Unterwerfung. Frankfurt musste eine schwedische Besatzung ertragen.

Die Demütigung, ausgerechnet in Offenbach, hat noch lange geschmerzt. Zweihundert Jahre später sah sich der Frankfurter stolz aber sogar noch härter getroffen. Das war, als die politischen Umstände den Offenbachern eine erfolgreiche Konkurrenzveranstaltung zur ehrwürdigen Frankfurter Messe ermöglichten. Damals entstand das unfromme Stoßgebet „Krieh die Kränk, Offebach!“

Die Nachbarn haben sich gerächt, immer wieder, wo ihnen eine Gelegenheit sich bot. Es gab kein Jahrhundert ohne Interessenkonflikte. Wobei die jeweiligen Anlässe sicher in Vergessenheit gerieten, nicht aber die Grunderfahrung, dass in Offenbach stets Ärger lauert.

Nur weil man die Quellen des Unbehagens heute so recht nicht mehr kennt, heftet es sich an das Verhalten im Straßenverkehr, an den Fußball und den Karneval. Zwanghaft knirschen Goliaths Zähne, sobald er den David erblickt.

Von Lothar Braun

Erschienen in der Offenbach Post