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Bestand Stadtarchiv Offenbach
Haus in der Geleitsstraße © Bestand Stadtarchiv Offenbach
Alle Offenbacher eilten an die Geleitsstraße. Jedenfalls alle, die laufen konnten. Sie wollten den künftigen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches sehen. Ende September 1790 ist er in Frankfurt gewählt worden, am 9. Oktober wurde er dort als Leopold II. gekrönt. Auf dem Weg nach Frankfurt kam er zwar nicht durch Offenbach hindurch, aber an Offenbach vorbei. Mit 1493 Pferden und 104 vier- und sechsspännigen Fahrzeugen, behütet von 1386 Geleitspersonen, zog die Kolonne außen an der Stadtmauer entlang. Ein Teil ihres Weges trägt heute den Namen Geleitsstraße.

Es war ein Ereignis, von dem man noch seinen Enkeln erzählen konnte. Doch es war nicht das erste seiner Art. Seit Jahrhunderten bewegten sich auf dem Geleitsweg die eskortierten Kaufmannszüge aus Nürnberg und Augsburg zur Frankfurter Messe. Von Aschaffenburg und Seligenstadt führte die Route über Mühlheim und die Rote Warte zum Mathildenplatz in Offenbach und dann auf der Geleitsstraße nach Oberrad.

Streng genommen verdient den Namen Geleitsstraße allerdings nur ihr Abschnitt vom Marktplatz bis hinter der Kaiserstraße. Danach nämlich bogen die Geleitzüge ab auf den Verlauf der Frankfurter Straße im Westend. Für ihren Schutz sorgten Soldaten des Kurfürsten von Mainz. An der alten Grenze zwischen Offenbach und Oberrad übergab die Schutztruppe an Frankfurter Kollegen.

Seit dem 14. Jahrhundert hatte sich die Frankfurter Messe zu einem internationalen Handelsplatz entwickelt, auf dem auch Luxuswaren aus Venedig und Mailand umgeschlagen wurden. Als „Silber- und Goldloch“ bezeichnete Martin Luther die Messestadt, „durch die alles fließt, was nur quillt, wächst, gemundet und geschlagen wird“.

Dieser Geld- und Warenfluss zog natürlich auch Ganoven an. Das war in alter Zeit nicht anders als heutzutage. Sogar das regelmäßige Marktschiff zwischen Mainz und Frankfurt wurde immer mal wieder zur Beute von Piraten. Erst recht auf dem Landweg lauerten die Räuber. Und das waren nicht nur gewöhnliche Strauchdiebe, sondern auch Banditen im Sold adeliger Herren. Selbst noch heute angesehene Ritter wie Franz von Sickingen und Götz von Berlichingen betätigten sich als ordinäre Räuberhauptleute.

Die Kaufmannszüge bedurften also des Schutzes. Den übernahmen Bewaffnete im Dienst der Landesherren. Manchmal waren es fünfzehn, mitunter hundert Waffenträger, die einen Geleitzug nach Frankfurt und heimwärts begleiteten. Bis 1802 blieb das so.

Ihre letzte Raststation vor Frankfurt hatten die Nürnberger und Augsburger Kaufleute in Seligenstadt. Das Geleitfest, das dort regelmäßig mit dem berühmten „Löffeltrunk“ veranstaltet wird, erinnert daran. Wenn alles richtig überliefert ist, müssen das gewaltige Gelage gewesen sein. Das wird es manchem Bewacher schwergemacht haben, sich nachher im Sattel zu halten. Aber die letzte Etappe über Offenbach war wohl auch nicht mehr allzu gefährlich. Dass der Geleitwechsel in Oberrad dann ebenfalls mit vollen Bechern vollzogen wurde, war vermutlich der Erleichterung zuzuschreiben. Man hatte wieder mal ein Abenteuer heil überstanden.

Erst im 19. Jahrhundert gab es an der Geleitsstraße nichts mehr zu gucken. Die Stadt dehnte sich über die Stadtmauer hinweg, die holprige, unbefestigte Route der Geleitzüge wurde gepflastert und bebaut. Vom Marktplatz her immer weiter nach Westen, bis an den Dreieichpark. Dabei verlor auch die Rote Warte ihre Bedeutung.

Im Mittelalter markierte ein Wartturm die Stelle, wo der Geleitsweg vor Offenbach die kurmainzische Grenze durchschnitt. Im Turm warteten die Zoll-Einnehmer. Später wurde daraus ein Wirtshaus. Die Siedlung, die sich darum bildete, ist ein Stadtteil von Mühlheim, hart an der Offenbacher Grenze. Aber auch auf Offenbacher, genauer Rumpenheimer Gebiet trägt eine Straße den Namen „An der Roten Warte“. Noch immer kommen auf der Mühlheimer Straße Händler und Warenlieferungen daran vorbei, aber einen Kaiser sah die Rote Warte schon lange nicht mehr.
Lothar R. Braun