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Ansicht der französisch-reformierten Kirche von 1854
© Bernd Georg / Stadt Offenbach
Zuerst rissen die Bomben des Zweiten Weltkriegs klaffende Lücken. Ihnen folgten die Bagger, die dem Bau der Berliner Straße den Weg bahnten. Drei Jahrzehnte haben genügt, das Umfeld der Französisch-Reformierten Kirche völlig zu verändern. Wie aus der Zeit gefallen, steht sie heute da, wo sich Berliner Straße und Herrnstraße mit einem gesichtslosen Durchgang namens „Französisches Gässchen“ treffen. Nur das Kirchlein erinnert noch daran, dass dieser Ort Geschichte hat.

Hier lässt sich Offenbachs Sprung über die mittelalterliche Stadtmauer erfassen, zu dem um 1700 der Zuzug der hugenottischen Einwanderer aus Frankreich genötigt hatte. Doch als das Französische Gässchen 1708 angelegt wurde, trug es diesen Namen noch nicht. Es war auch nur ein Straßenstummel, der von der Herrnstraße bis zur Glockengasse führte. Dort fand er sein Ende am „Glockenturm“. Das war ein alter Wehrturm aus der Stadtmauer, in dem bis 1713 die Glocken der Schlosskapelle geläutet wurden. Danach übernahm der Turm der neuen Schlosskirche an der Kirchgasse das Geläute.

Der neue Straßenstummel trug denn auch zunächst den Namen „Kleine Glockengasse“. Erst nachdem 1718 die Französisch-Reformierte Kirche gebaut war, bürgerte sich der Name Französisches Gässchen ein. Mit einiger Berechtigung, denn schließlich wohnten im neuen Quartier vor der Stadtmauer vor allem „die Franzosen“.

Vom Glockenturm weiter zur Schlossstraße führte bis 1824 lediglich ein schmaler Fahrweg, „Spitalgässchen“ genannt. Es führte am Armenhaus der Französisch-Reformierten Gemeinde vorbei, in deren Obergeschoss sich das wohl erste Spital der Stadt befand. Erst 1825 hat man die Spitalgasse für den Fahrverkehr ausgebaut und dem Französischen Gässchen zugeordnet. Es ist der Abschnitt zwischen Glockengasse und Schlossstraße, der an der Rudolf-Koch-Schule vorbeiführt.

Diese Schule, das hoch aufragende N+M-Haus und die Kirche aus dem Jahr 1718 prägen das Bild. Den uns vertrauten Anblick bietet die Kirche allerdings erst seit 1874. Davor trat sie weitaus bescheidener und schmuckloser auf. Ursprünglich ist dort ausschließlich in französischer Sprache gepredigt worden. Doch nach hundert Jahren waren der Gemeinde so viele deutschsprachige Mitglieder zugewachsen, dass man 1825 zu den französischen auch deutsche Predigten anbieten musste. Die Zweisprachigkeit dauerte indes nicht lang. 1828 entschloss sich die Gemeinde, auf das Französische völlig zu verzichten. Die Integration war vollendet.

Zu dieser Zeit war den Offenbachern bereits zur Altstadt geworden, was einmal als Neustadt begonnen hatte. Noch aber stand am Französischen Gässchen die Knabenvolksschule. Ihr Hinterhaus gehörte zu den ältesten Schulgebäuden der Stadt. Es stammte aus dem Jahr 1833. Zubauten aus späteren Jahren bildeten dann einen Schulkomplex, in dem Realschule und Volksschule ihr Domizil fanden. Hinzu kam die „Allgemeine Fortbildungsschule“. Sie mussten zweimal wöchentlich von 17 bis 19 Uhr Vierzehn- bis Siebzehnjährige besuchen, „die nicht anderweitig hinreichend unterrichtet werden können“.

Schüler von Volksschulen genossen den Vorzug, kein Schulgeld zahlen zu müssen. Eine bekannte Figur im alten Offenbach war der 1897 verstorbene Oberlehrer Meissinger von der Knabenvolksschule im Französischen Gässchen. Er begründete eine Stiftung, die Kindern der so genannten „verschämten Armen“ im Bedarfsfall zu Kleidung und Schuhen verhalf.

Von all dem ist nur die Kirche der Reformierten geblieben, als letzte Franzosenspur am Französischen Gässchen. Auch an die Wurzeln des Bildungswesens und der Krankenversorgung erinnert dort nichts mehr. Den Neubauten aus unserer Zeit wendet die kleine Kirche den Rücken zu.

                                                                                                     Lothar R. Braun