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Bestand Stadtarchiv Offenbach
Goethe und Lili © Bestand Stadtarchiv Offenbach

Viel hätte nicht gefehlt und die Offenbacher hätten im Jahre 2000 den 225. Hochzeitstag von Goethe und Anna Elisabeth Schönemann, genannt "Lili", feiern können. Immerhin war es 1775 zur Verlobung der beiden gekommen. Doch so leidenschaftlich die Romanze mit der knapp 17-jährigen Bankierstochter auch war und so nachhaltig sie Goethe auch im Gedächtnis blieb, tatsächlich war sie bloß von kurzer Dauer, denn der junge Dichter scheute die bürgerliche Bindung. Am 30. Oktober 1775 setzte Goethe der Beziehung ein unwiderrufliches Ende. Er ging nach Weimar.


Eine stürmische Affäre war dieser Trennung vorausgegangen: Sie entschlossen, er zerrissen, sie kämpfte, er zauderte. Schließlich platzte das Verlöbnis. Stoff für einen tragischen Liebesfilm – vielleicht mit Brad Pitt in der Rolle des jungen Goethe: ein genialer Kopf, exzentrisch, rebellisch, widersprüchlich.

Lili hatte es – wie all seine Frauen – nicht leicht mit ihm. Wie er kam sie übrigens aus Frankfurt, genauer: vom Großen Kornmarkt.

Schmachtende Verse

Bei einem Hauskonzert der Schönemanns lernten sich die beiden um Neujahr 1775 kennen. Lili muss ihn reichlich betört haben – jedenfalls verfasste Goethe kurz darauf schmachtende Verse, die davon zeugen, dass er ihren Reizen recht willenlos erlegen war. Es folgte eine sieben Monate währende Liaison, die Lili erste Erfahrungen mit dem entscheidungsschwachen Geschlecht bescherte.

Anfang März traf sich das Paar in Offenbach, wo Lili bei ihrer Verwandtschaft zu Gast war. Ihre Mutter war eine geborene d´Orville. Lilis Cousin, Johann Georg d´Orville, war wiederum Mitinhaber jener Schnupftabak-Fabrik, mit der die Bernards die Industrie in Offenbach begründet hatten. Die Fabrikanten investierten in jenen März-Tagen gerade in ein neues Bauprojekt: Größere Produktions- und Lagerhallen mit integriertem Wohnraum für ihre Familien und einem repräsentativen Festsaal. Es entstand jenes Gebäude, das rund 125 Jahre später, nach einem erneutem Umbau, das Büsing-Palais werden sollte.

Goethe, der dieser Tage auf rosa Wolken schwebte, fühlte sich vom Krach der Zimmerleute freilich recht unsanft auf die Erde zurückgeholt. Es heißt, er habe sich mehrfach über die Lärmbelästigung beklagt.

Der Grund für seine ausgiebige Reise in die Schweiz war indes ein anderer: Die Panik hatte ihn gepackt. Denn vor seinem geistigen Auge gewann bereits der Hafen der Ehe Kontur. Eine konventionsbewusste Freundin der Familie Schönemann war zur Ostermesse aus Heidelberg angereist und befand, dass man das Verhältnis der beiden jungen Leute in geordnete Bahnen lenken müsse. Sie fädelte die Verlobung ein.

Angst vor ehelichen Fesseln

"Ich wäre ein Tor, mich fesseln zu lassen. Dieser Zustand erstickt all meine Kräfte, dieser Zustand raubt mir allen Mut der Seele; er engt mich ein ! Was liegt nicht alles in mir ? Was könnte sich nicht alles entwickeln ? Ich muss fort in die freie Welt." So empfand der unbezwingbare Stürmer und Dränger, und so ließ Goethe den Fernando in "Stella" sagen, jenem Stück, das er im Februar 1776 an seine Ex-Geliebte schickte – nicht ohne eine persönliche Widmung, in der noch immer von unentrinnbarer Liebe die Rede war.

Lili war hingegen weniger wankelmütig gewesen. Sie hatte nicht an Goethe gezweifelt - nicht einmal als der monatelang in den Schweizer Alpen unterwegs war, um sie zu vergessen. Und sie widerstand allen Versuchen wohlmeinender Verwandter, sie von der Liebschaft abzubringen. Nach mehr als drei Monaten trafen sich die beiden Anfang August 1775 wieder und kaum, dass er zurück war, dachte Goethe schon wieder an Flucht. Als Liebhaber steckte er in der Krise. Als Dichter war er hingegen gut in Form: Neben Gedichten und dem ersten Entwurf für "Egmont" entstand in diesen Herbsttagen in Offenbach auch eine Szene des Faust-Dramas.

Es war wohl am 20. September, als Goethe Lili seinen Entschluss mitteilte, das Verhältnis zu beenden. Nur einmal sahen sich die beiden danach noch wieder: 1779, als Goethe Lili in Straßburg besuchte. Nach mehreren Enttäuschungen hatte sie ein Jahr zuvor den Baron Bernhardt Friedrich von Türckheim geheiratet. Die Ehe hielt fast 40 Jahre bis Lili 1817 starb.
Der greise Dichter jedoch gesteht 1830 im Alter von 80 Jahren einem seiner Vertrauten, dem jungen Friedrich Soret: "Sie war die erste, die ich tief und wahrhaft liebte, und vielleicht war sie auch die letzte..."