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Bestand Stadtarchiv Offenbach
Titelblatt der Geschäftsordnung der Städtischen Armenpflege von 1910 © Bestand Stadtarchiv Offenbach
Wer mit wachen Augen den Wilhelmsplatz begeht, kann nahe der Bieberer Straße eine freistehende Informationstafel entdecken. Sie weist darauf hin, dass schräg gegenüber, mit der Hausnummer Bieberer Straße 24, bis 1877 die Seidenfärberei des Ludwig Johann Anton André (1810-1897) zu finden war. Er entstammte der Hugenottenfamilie André, die wir gemeinhin mit Musikalien und mit Goethe, Senefelder und Mozart verbinden. Dieser André indes steht für das den hugenottischen Einwanderern ursprünglich eigene Gewerbe der Tuchverarbeitung. Die Tafel unterlässt den Hinweis darauf, dass das Anwesen auch noch eine ältere Geschichte hat, als „Armenhaus“ und als Kaserne.

Damit dort, am Rande der Stadt, von 1714 an für die unglücklichsten Einwohner ein „Armen- und Waisenhaus“ gebaut werden konnte, gewährte der regierende Landesherr Johann Philipp von Isenburg den Offenbachern die Veranstaltung einer Lotterie. Als das Armenhaus nach vielen Jahrzehnten aufgelöst wurde, kamen die meisten seiner Insassen im „Bernardstift“ an der Kaiserstraße unter, gegenüber dem Büsingpark. Es war zuvor das Wohnhaus der Musiker aus dem Orchester, das sich jener Peter Bernard leistete, der im heutigen Büsingpalais seinen Wohlstand durch die Herstellung von Schnupftabak mehrte.

Gut hundert Jahre nach dem Bau des Armenhauses erlebt Offenbach eine Zeitenwende. 1816 verschwindet das Fürstentum Isenburg von der politischen Landkarte. Seine Hauptstadt Offenbach wird in das Großherzogtum Hessen-Darmstadt eingegliedert und versucht nun, einen Teil zu ergattern von den Möglichkeiten des größeren Gebildes. Als nützlich erscheint es, eine Garnisonstadt zu werden. Militär bringt Geld in die Stadt. Wie aber kann man die Regierung in Darmstadt bewegen, nach Offenbach Soldaten zu verlegen? Die Offenbacher besinnen sich einer alten Regel: Wer nehmen will, muss geben. Sie schenken dem Militärfiskus das alte Armenhaus. Allerdings mit einer Bedingung. Von den gewöhnlich mit militärischen Manövern einher gehenden Einquartierungen will Offenbach fürderhin verschont bleiben.

Wohl schon 1817 wird der langgestreckte Bau an der Bieberer Straße zur Kaserne. Sie nimmt eine Einheit des in Darmstadt stationierten hessischen Infanterieregiments „Groß- und Erbprinz“ auf. Doch die Soldaten bleiben nicht lang. Schon in den 1840er Jahren beziehen sie eine weiter ostwärts an der Bieberer Straße neu erbaute Kaserne. Der Komplex ist heute Domizil der Finanzämter für Stadt und Kreis Offenbach. Auch dort griff die Stadt dem Staat unter die Arme. Sie borgte dem Militärfiskus das Baukapital zu einer Verzinsung von drei Prozent bei jährlichen Tilgungsraten.

In die „Alte Kaserne“, das frühere Armenhaus, zog nun die Plüschfabrik eines Franzosen ein. Von dessen Witwe erwarb André den westlichen Flügel für seine Seidenfärberei. Im östlichen Teil verbreitete eine Gerberei ihre Gerüche. Die Nutzer mussten es hinnehmen, dass die Offenbacher das Anwesen noch immer „das Armenhaus“ nannten. Was niemanden befremdete, weil – wie der Heimatforscher Emil Pirazzi im 19. Jahrhundert notierte – „viele geringe Leute darin zur Miete wohnten“.

Seidenfärber André räumte das Feld 1877 als Opfer des zivilisatorischen Fortschritts. Er hatte für seine Produktion das weiche Wasser des vorbei fließenden Mühlbach genutzt, und den verbannte die Stadt nun in eine unterirdische Kanalisation. Das härtere Wasser aus der städtischen Leitung aber erwies sich als ungeeignet für die Seidenfärber. Als André seinen Betrieb nach Hirschhorn an Necker verlagert hatte, wurde das ehemalige Armenhaus abgerissen und das Areal neu parzelliert. Es änderte das Straßenbild und auch die Hausnummern.

Als 1897 das „Großherzoglich-Hessische Infanterieregiment Nr. 168“ aufgestellt wurde, erhielten der Regimentsstab, die Regimentskapelle und das 2. Bataillon den Standort Offenbach. Zwei weitere Bataillone wurden auf Butzbach und Friedberg verteilt. Den Offenbachern bescherte das ein Musikensemble, das kaum eine Gelegenheit zum öffentlichen Konzertieren auf den Plätzen der Stadt oder in Hallen ausließ.

Am Karfreitag 1919, in den revolutionären Wirren jener Zeit, wurde die Neue Kaserne Schauplatz eines blutigen Zwischenfalls. Siebzehn Menschen kamen ums Leben, als eine aufgebrachte Menge die Kaserne zu stürmen versuchte. Das Militär verweigerte die erhoffte Solidarisierung, es schoss.

Später erlebte die Kaserne ein Zwischenspiel als Sitz der „Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbahn“. Dazu war es noch vor Gründung der Bundesrepublik im „Vereinigten Wirtschaftsgebiet“ der drei westlichen Besatzungszonen gekommen, das der Volksmund nur „Trizonesien“ nannte. Eine zentrale Eisenbahnverwaltung für die drei Westzonen nahm in Offenbach ihre Arbeit als Nachfolger der Deutschen Reichsbahn auf. 1949 erhielt sie den Namen „Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbahn“. Für Offenbach war es eine zähneknirschend hingenommene Enttäuschung, als die Bahnzentrale im Oktober 1953 ihren Sitz nach Frankfurt verlegte. Doch das machte die Kaserne frei für die Finanzbehörde.

Die Offenbacher Militärgeschichte oder gar das alte Armenhaus sind darüber in Vergessenheit geraten. Auch von der dritten Offenbacher Kaserne an der Ecke Bieberer Straße und Kopernikusstraße wissen heute nicht mehr viele. Sie ist 1912 für eine neu aufgestellte Maschinengewehr-Kompanie gebaut worden und hieß in Offenbach auch nur „die Maschinengewehr-Kaserne“.

In der Zwischenkriegszeit unterhielt die hessische Landespolizei darin einen Stützpunkt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die amerikanische Armee für sie unterschiedliche Verwendungen. Die Militärpolizei und der Geheimdienst nutzten die Gebäude zeitweise, später fand man darin Gerätelager Army. Ihr folgte für einige Zeit wieder die hessische Polizei als Nutzer. Heute empfängt dort ein Lidl-Markt seine Kunden.

Lothar R. Braun