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Der Apotheker Dr. Richard Meyer
Der Apotheker Dr. Richard Meyer © Stadtarchiv Offenbach
Wenn von Offenbach und Johann Wolfgang Goethe die Rede ist, gilt der Blick in der Regel dem jungen Frankfurter von 1775 und seinem Verhältnis mit Lili Schönemann. Aber er kam auch im höheren Alter noch zweimal, nun schon als der große alte Herr aus Weimar. 1814 im Oktober und 1815 im August nahm er den Weg zum Offenbacher Marktplatz, um sich mit einem Bürger der Stadt auszutauschen. Sein Ziel war die Schwanen-Apotheke, an deren Inhaber Dr. Bernhard Meyer der Ruhm eines Wissenschaftlers haftete.

Meyer, 1768 in Hanau geboren, hatte sich 1797 als Arzt und Zahnarzt in Offenbach niedergelassen und dazu auch die Apotheke eröffnet. Goethes Interesse fand er jedoch als Naturwissenschaftler. Vor allem als Ornithologe, als Vogelkundler, genoss er hohes Ansehen. Zu seinen Ehren erhielt eine in Ostafrika entdeckte Papageienart den Namen „Psittacus Meyeri“.

Über seinen ersten Besuch bei Meyer hat Goethe notiert: „An diesem wohlgebauten und täglich zunehmend heiteren Orte (Offenbach) verdient die Sammlung ausgestopfter Vögel des Herrn Hofrats Meyer alle Aufmerksamkeit.“ Wobei Goethe noch anfügte, dass Meyer für die Illustration seiner Forschungsergebnisse eine Reihe namhafter Künstler beschäftige.

Meyers Sammlung muss in der Tat bemerkenswert gewesen sein. Sie bildet den Grundstock der heutigen ornithologischen Abteilung des Frankfurter Naturkundemuseums Senckenberg. Um sie von Mayer erwerben zu können, gab das Museum 1819 die stattliche Summe von 5000 Gulden aus.

In einem 1879 erschienenen Buch nennt der Heimatforscher Emil Pirazzi Meyers Haus am Marktplatz „eine der gastlichsten Stätten des damaligen Offenbachs“ mit einer „von Witz und Humor belebten Geselligkeit“. Einer der Gäste war Ende 1802 der noch heute gelesene Schriftsteller Johann Gottfried Seume, der Autor des kulturgeschichtlichen Reisebuchs „Spaziergang nach Syrakus“. Seume war tatsächlich vornehmlich zu Fuß in 16 Monaten aus Sachsen nach Sizilien und zurück gewandert. Offenbach lag auf seinem Heimweg aus Italien, der über Straßburg, Mainz, Frankfurt und Fulda nach Leipzig führte.

Vom Humor des Schwanen-Apothekers berichtet eine Geschichte, die noch jahrzehntelang in Offenbach bekannt war. Es muss in der Zeit nach den napoleonischen Kriegen gewesen sein, als zu den berühmten Offenbacher Kostümbällen im Komödienhaus an der Kirchgasse auch viele Frankfurter kamen. Die Frankfurter kamen gern über die Landesgrenze, weil bei ihnen daheim solche Vergnügungen häufig verboten wurden.

Bei diesen Bällen war es ein geschätzter Brauch, die Tanzerei durch eine Art Jahrmarkt mit Verkaufsständen aufzulockern. Dort konnte man Erfrischungen kaufen und Spaß an allerlei Schnickschnack haben. Da der Erlös solcher Verkäufe in der Regel den Armen zufloss, galt es bei feinen Leuten als besonders fein, einen solchen Stand zu unterhalten.

An jenem Abend hatte auch der Hofrat Meyer einen Tisch aufgebaut. Er bot dort selbst gefertigte Süßigkeiten an. Niemandem fiel auf, dass der gelehrte Süßwaren-Händler eilends verschwand, nachdem er das letzte Stück abgesetzt hatte. Er verschwand keinen Augenblick zu früh. Denn wer von seinem Zeug gekostet hatte, den befiel alsbald Schlimmes. Der Doktor Meyer hatte dem Zuckerzeug ein kräftiges Abführmittel beigemengt. Und im Komödienhaus gab es nur eine einzige Toilette.

Was Wunder, dass der Zwischenfall den Ball verdarb. Die Szenen, die sich rings um die Kirchgasse abspielten, entziehen sich der Beschreibung. Die Opfer, allesamt aus den so genannten besseren Kreisen, zürnten noch jahrelang. Das Gelächter der Nichtbetroffenen freilich soll man bis nach Fechenheim vernommen haben. Doch als er 1836 starb, war der Doktor Meyer längst wieder ein geachteter Mann geworden.

                                                                                                          Lothar R. Braun

Schwanen-Apotheke. In diesem Haus war Goethe Gast
Schwanen-Apotheke. In diesem Haus war Goethe Gast © Stadtarchiv Offenbach