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Der Aussichtsturm auf dem Bieberer Berg
Der Aussichtsturm auf dem Bieberer Berg © Stadtarchiv Offenbach
Öffentliche Bauvorhaben kommen stets teurer als veranschlagt. Das ist kein neues Phänomen, so war das schon immer. Als noch im 19. Jahrhundert der Aussichtsturm auf dem Bieberer Berg fertig gestellt war, hatte sein Bau 7.500 Mark verschlungen. Veranschlagt waren 1.500.

Mit einer Höhe von 24 Metern reckt er sich auf Offenbachs höchstem Punkt himmelwärts. Der Bieberer Berg überragt dort den Meeresspiegel um 128 Meter. Drei Gemarkungen grenzen am Turm aneinander: Bieber, Bürgel und Rumpenheim. Bürgeler und Rumpenheimer streiten darüber, auf welcher der beiden Gemarkungen der Turm denn steht. Auf Bieberer Grund jedenfalls nicht, doch das kann den Bieberern gleichgültig sein. Weil er auf dem Bieberer Berg steht, nennt den Bieberer Aussichtsturm. Gebaut aber haben ihn die Offenbacher, wenngleich außerhalb ihrer Stadtgrenzen.

Seit 1880 gab es in der Stadt einen „Verschönerungsverein", in dem sich Bürgersinn zu Aktivitäten bündelte. Der Ausbau und die Pflege von Spazierwegen standen auf seinem Programm, das Aufstellen von Ruhebänken und Schutzhütten und eben der Bau eines Aussichtsturms. Man lebte in einer Zeit ohne Auto und Fernsehen. Erfahrbar war nicht die Welt, sondern die engere Heimat, die uns heute nicht mehr genügt.

Rundblick soweit das Auge reicht
Rundblick soweit das Auge reicht © Stadtarchiv Offenbach

1882 war es so weit. Auf Offenbachs höchsten Turm wurde Einweihung gefeiert. Der Musikverein Eintracht spielte den Choral, die Polyhymnia sang. Vierzig Städte und Dörfer konnte man von der Turm-Plattform sehen, schwärmte die Zeitung, alles Land zwischen Taunus und Vogelsberg,  zwischen dem Melibokus im Odenwald und den Spessarthöhen bei Miltenberg.

Den Verschönerungsverein gab es nicht lange. 1922 nahm ihn die Vereinigung der Offenbacher Wandervereine in Obhut. 1943 übernahm ihn die Stadt Offenbach. Altere Mitbürger erinnern sich daran, dass man sich am Turm bei einem Türhüter den Einlass und Aufstieg erkaufen konnte. Es kostete ein paar Pfennig.

1954 konnte die Stadt den Turm an einen Bieberer verpachten. Der dann eine Gaststätte betrieb, in der man den Schlüssel zum Besteigen erhalten konnte. Doch auch dabei blieb es nicht allzu lange. Immer seltener stellten sich Besucher ein. Der Turm verkam. Zeitweise war er überhaupt nicht zu betreten. Ein Stiefkind der Stadt nannte ihn 1961 die Offenbach-Post.

Zeitgenössische Postkarte
Zeitgenössische Postkarte © Stadtarchiv Offenbach

Drei Jahre später klagte die Zeitung über den Zustand des fast vergessenen Turms: ,,Durch vergitterte Fenster bläst der Wind, und hohl klingen die Schritte auf den Stufen. Wenn heute Jungen mit ihren Rädern oder Mopeds Wettrennen rings um den Turm veranstalten, dann wundert er sich ein bisschen. Sein Dasein sollte eigentlich einen anderen Zweck erfüllen."

Der Turm auf dem Bieberer Berg ist ein Zeugnis von Bürgersinn und Heimatliebe. Bürgersinn hat ihn denn auch wieder belebt. 1983 übernahmen der Verein „Die Offenbacher 03" und der Musikverein Eintracht eine Patenschaft für den Turm. Sie sorgten für seine Pflege. Und in jedem Sommer rücken sie ihn ins Zentrum geselliger Veranstaltungen. Ihre Besucher mögen aus Offenbach, Bürgel oder Rumpenheim kommen: An einem solchen Tag werden sie alle mal eben zu Bieberern, ohne darüber nachzudenken, ob sie sich dort auf Bieberer Boden bewegen.

Von Lothar R. Braun
Erschienen in der Offenbach Post

Aussichtsturm in Bieber
Aussichtsturm in Bieber © Stadt Offenbach