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Carl und Charlotte © Urheberrecht abgelaufen
Der Freimaurer-Logenname „Carl und Charlotte zur Treue“ wahrt das Andenken an ein Ehepaar, mit dem wohl die wenigsten Offenbacher noch etwas verbinden. Die Namen gehören in eine ferne Vergangenheit: Carl von Isenburg (1766-1820) und seine Gemahlin Charlotte zu Erbach-Erbach (1778-1846). Carl war der letzte Fürst, der aus Offenbach über das Fürstentum Isenburg herrschte. Es verschwand von der politischen Landkarte, als Offenbach 1816 hessisch wurde.

1803 war Carl Regent geworden. Seine jungen Jahre hatte er großenteils auf Feldzügen verbracht, als Offizier des deutschen Kaisers in den Niederlanden, in Italien und im Kampf gegen die Osmanen. Im Rang eines Oberstleutnants nimmt er 1794 seinen Abschied. Aber schon 1803, nun als regierender Fürst, lässt er sich zu einem Generalmajor des Königs von Preußen ernennen. Drei Jahre später ist er Generalmajor des Franzosenkaisers Napoleon.

Er hat Gründe, mit den Mächtigen zu kuscheln. Seit 1802 werden in Deutschland die Ländergrenzen neu gezogen. Und nun beginnen auch noch die Franzosen mit der Eroberung des Kontinents. Die Souveränität des kleinen Fürstentums Isenburg ist nicht stabil. Vor diesem Hintergrund ist zu betrachten, dass Carl 1806 zu den deutschen Fürsten gehört, die ihren Austritt aus dem Reich erklären und sich in Paris zu einer französisch behüteten Konföderation zusammenschließen, dem „Rheinbund“.

Dabei geht es darum, dem Kaiser der Franzosen Soldaten für seine Eroberungskriege zuzuführen. Zwei Regimenter unter dem Namen „Isenbourg“ stellt der Offenbacher Fürst zur Verfügung. Eine ihrer Regimentsfahnen hängt heute im Treppenhaus des Birsteiner Schlosses. Unter ihr kämpfen und sterben zwischen 1806 und 1813 indes nicht nur isenburgische Landeskinder, sondern auch angeworbene Deserteure aus anderen Armeen. Carls Truppe ist eine Art Fremdenlegion.

Napoleon honoriert die Bündnistreue mit Rangerhöhungen. Rheinbund-Fürsten erhebt er zu Königen und Großherzögen. Der Isenburger freilich gewinnt nur an hausinterner Macht. Er kann in seiner Hand auch die Territorien isenburgischer Nebenlinien vereinen. Birstein, Büdingen, Wächtersbach, Meerholz, Philippseich gehen im Fürstentum Isenburg auf.

Das alles ändert sich nach Napoleons Winterkatastrophe in Russland. 1814 ist Napoleon ein Verbannter, und Fürst Carl hat sich in die Schweiz gerettet. Er ist nicht dabei, als Sieger und flotte Seitenwechsler auf dem Wiener Kongress Deutschland neu zu ordnen beginnen. Aber er hat dort eine Botschafterin seines Vertrauens, die Fürstin Charlotte. In einer Vitrine in Schloss Birstein ist das Ballkleid zu sehen, in dem die Fürstin in Wien tanzte und allen Charme aufbot, um den Fortbestand des Fürstentums Isenburg zu sichern, während Offenbach erst eine bayerische, dann eine österreichische Besatzungstruppe füttern musste.

Charlotte scheitert in Wien an fremden Begehrlichkeiten. Das erst durch Napoleon Königreich gewordene Bayern will das ganze Rhein-Main-Gebiet haben, mit Hanau, Offenbach und Frankfurt. Es muss sich dann mit Aschaffenburg begnügen. Erfüllt werden Wünsche des Darmstädter Großherzogs. Er erhält nicht nur Rheinhessen, sondern auch Offenbach und die Dreieich. Und die Kurhessen in Kassel bekommen ebenfalls etwas ab vom Fürstentum Isenburg.

Ihren Fürstentitel durften die Isenburger behalten und weiterhin vererben. Als Privatbesitz verbleiben ihnen ihre Wälder und Ländereien, in Offenbach auch Wohnhäuser und das alte Schloss am Main. Der Verlust der Souveränität hat Carl von Isenburg nicht arm gemacht. Aber unter den Napoleon-Mitläufern lässt sie ihn als den großen Verlierer erscheinen. Er hat den Seitenwechsel nicht rechtzeitig geschafft, und wer zu spät kommt, den bestraft ja bekanntlich das Leben. Mittlerweile wäre er wohl völlig vergessen, wenn nicht die Freimaurer-Loge ihn als ihren Gründer und ersten Stuhlmeister in Erinnerung hielte.

 Lothar R. Braun