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Synagoge in der Goethestraße
© Stadt Offenbach / Stadtarchiv
Wer in Frankfurts Goethestraße einzukaufen pflegt, muss in der Regel nicht mit dem Groschen rechnen. Die Straße hat eleganten Glanz, das lässt sich vielleicht als Zeichen hohen Respekts vor dem Dichterfürsten deuten. Dagegen mutet Offenbachs Goethestraße weitaus zurückhaltender an. Sie trug den Dichternamen auch nicht von Anfang an.

Als sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem Stadtplan auftauchte und langsam von der Kaiserstraße her westwärts bebaut wurde, trug sie noch den Namen Kreuzstraße. Das leitete sich von der Gewannbezeichnung „Im steinernen Kreuz“ ab. In alter Zeit stand dort wohl ein steinernes Andachts- oder Sühnekreuz. Den Goethenamen führt die Straße erst seit 1876.

Wo die Goethestraße auf die Kaiserstraße trifft, fängt heute die Kuppel des Veranstaltungshauses „Capitol“ den Blick. Das beherrschende Gebäude ist 1916 als Synagoge eingeweiht wurden. Es stand also noch nicht, als der Heimatforscher Friedrich Jöst 1905 einen Stadtführer in Buchform veröffentlichte. Bei Jöst sind die beherrschenden Bauten noch das 1886 fertiggestellte Haus des Turnvereins Offenbach (TVO) und sein Vis-a-vis, die „Goetheschule“.

Sie ist nicht zu verwechseln mit der heutigen Goetheschule an der Bernardstraße. Die Schule im Haus Goethestraße 10 trägt heute den Namen Fröbelschule. 1905 war das eine Privatschule mit Pensionat, die zur Mittleren Reife führte, dem „Einjährigen“. Mit diesem Abschluss konnten Freiwillige ihre Militär-Dienstzeit auf ein Jahr verkürzen. Die Schule warb mit einem besonderen Service: „Die häuslichen Aufgaben werden unter Aufsicht der Lehrer in der Anstalt angefertigt“.

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Turnhalle der TVO © Copyright erloschen

Am gegenüber stehenden Turnerhaus rühmt Friedrich Jöst, es sei in nur neun Monaten erbaut worden. Für das Gelände, die Turngeräte und das übrige Inventar gab der TVO 59.000 Mark aus. Eine später angefügte Erweiterung ermöglichte es, dass aus der Turnhalle ein gesellschaftliches Zentrum der Stadt werden konnte. Häufig konzertierte die Kapelle des Offenbacher Infanterieregiments. Die Musikschule des Königlichen Musikdirektors Glück hatte beim TVO ihr Domizil. Vortragabende fanden ihr Publikum. Wenn der „Ausschuss für Volksvorlesungen“ zu einem Vortrag auch Lichtbilder versprach, blieb selten ein Stuhl frei.

Unser Stadtführer von 1905 weist darauf hin, das Haus sei auch das Heim der Fechtriege gewesen, zudem „des unter dem Protektorat des Großherzogs stehenden Sängerchors des Turnvereins“. Der Autor notiert: „Letzterer ist der bedeutendste Männerchor unserer Stadt.“ Schließlich wird das Sanitätskorps des TVO erwähnt, „das sich im Krieg 1870/71 teils auf dem Schlachtfeld, teils zu Hause mit hohem Ruhm bedeckt hat“. In Offenbach unterhielt das Sanitätskorps 19 Stationen, „um bei Unglücksfällen sofort hilfsbereit beistehen zu können“.

Seit fast zehn Jahren gab es die Goethestraße, als weiter westlich eine „Promenade“ angelegt wurde, die den Namen Goethering erhielt. Es scheint, als wolle Offenbach mit Nachdruck darauf hinweisen, dass der große Mann „ein Bub aus der Nachbarschaft“ war. Man weiß von seinem Offenbacher Sommer 1775 mit Lili Schönemann, aber er kehrte ja auch in reiferen Jahren mehrmals zurück. 1779 kehrte er in der Domstraße bei der Schriftstellerin Sophie von La Roche ein, 1814 beim Geheimrat Metzler am Linsenberg und in der Schwanenapotheke bei Dr. Bernhard Meyer, dem Arzt, Apotheker und Naturforscher. „An dem wohlgebauten und zunehmend heiteren Ort“, so schreibt Goethe über das Offenbach von 1814, „verdient die Sammlung ausgestopfter Vögel des Herrn Hofrat Meyer alle Aufmerksamkeit.“

Im Jahr darauf, 1815, klopfte er abermals bei Metzler und Meyer an, zudem bei dem genialen Münzfälscher Karl Wilhelm Becker, den die Offenbacher nur den „Antiken-Becker“ nannten. Auch darüber machte der Besucher aus Weimar Notizen: „Hofrat Becker in Offenbach zeigte bedeutende Gemälde, Münzen und Gemmen vor, nicht abgeneigt, dem Liebhaber eins und das andere Wünschenswerte zu überlassen. Auf Naturgeschichte bezüglich sahen wir die Sammlung von Vögeln bei Hofrat Meyer, nicht ohne neue Belehrung über diesen herrlichen Zweig der Naturkunde.“ Kein Zweifel, ein so Prominenter, den es immer wieder nach Offenbach zieht, hat mindestens zwei Straßennamen verdient. Lothar R. Braun

Synagoge in der Goethestraße Stadt Offenbach / Stadtarchiv
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