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Schloss Rumpenheim Westflügel
© Alexander Habermehl / Stadt Offenbach
Die Rumpenheimer waren aus dem Häuschen. Zwar hatten sie damals schon viel gesehen und oft Vivat und Hurra gerufen, wenn in ihrem Schloss hoher Besuch eintraf. Aber was sie 1863 bestaunen konnten, übertraf alles Bisherige.

Kaiser Franz Joseph, der Herrscher über Österreich, Böhmen und Ungarn, kam mit Geleit aus Frankfurt herüber. Er war der Ranghöchste unter den hohen Herrschaften, die 1863 durch die Breite Gasse ins Schloss kutschiert wurden. Die Gäste nutzten den Fürstenkongress in Frankfurt zu einer Visite bei der Rumpenheimer Verwandtschaft, und gewiss auch zu politischen Gesprächen. Und dann erschienen auch noch die Griechen in ihrer seltsamen, bunten Nationaltracht. Es war ein Aufzug von exotischem Reiz.

Die Gäste aus dem fernen Athen im erst 1830 souverän gewordenen Griechenland kamen nicht zu einem Höflichkeitsbesuch. Sie suchten einen neuen König, den zweiten in ihrer Geschichte. Der Vorgänger, der Bayernprinz Otto von Wittelsbach, hatte 1862 abdanken müssen.

Als Nachfolger wollten die Griechen abermals einen König aus dem Norden haben. Ihr Blick war auf einen 17jährigen Prinzen aus dem deutsch-dänischen Haus Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg gefallen. Er hielt sich in Rumpenheim auf, was den Reiseweg der griechischen Delegation angenehm verkürzte. Aus Rumpenheim nahm sie ihn mit nach Hause, wo er dann als Georg I. gekrönt wurde. Er galt als Schützling Großbritanniens, das bei ihm viel Verständnis für britische Interessen erwarten konnte. Mit Unterbrechungen blieben seine Nachkommenn bis 1974 auf dem Thron.

Nur weil das in der Gegenwart als interessante Pointe verstanden werden kann, sei angefügt, dass Griechenland 1893 den Staatsbankrott anzeigen musste und unter die Finanzkontrolle der Großmächte geriet. Es hatte sich, wie später auch in der Euro-Zeit, mit Krediten übernommen. Doch das hatte nicht der König verschuldet. 1875 war das Land eine konstitutionelle Monarchie geworden. Seitdem regierte das Parlament.

Was aber hatte vor 150 Jahren außer den Griechen auch so viele Fürsten an den Main geführt? Sie waren einer Einladung des Kaisers von Österreich gefolgt. Von Kaiser Franz Joseph waren die mehr als 30 Mitglieder des Deutschen Bundes zur Beratung von Reformvorschlägen nach Frankfurt gebeten worden.

Als Präsidialmacht des Deutschen Bundes schlug Österreich die Bildung eines aus fünf Fürsten bestehenden Direktoriums vor, dazu ein gemeinsames Parlament aus entsandten Abgeordneten der deutschen Landtage. Das Vorhaben scheiterte an Preußen, das gar nicht erst nach Frankfurt gekommen war. Preußen bestand auf Gleichberechtigung mit Österreich und wünschte ein direkt gewähltes Parlament. Mit dem Scheitern der Reform betrat Deutschland den Weg zu einem Deutschen Reich ohne die Österreicher. Man darf unterstellen, dass das zu jener Zeit auch im Rumpenheimer Schloss Gesprächsthema war, spätesten nachdem die Griechen mit ihrem jungen König abgereist waren.

 Lothar R. Braun