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Der Bürgermeister bezog kein Gehalt. Dem Peter Georg d’Orville war es eine Ehre, dem Gemeinwesen Offenbach dienen zu dürfen. Als er für das Jahr 1825 seinen ersten Haushaltsplan zusammenstellte, stand ihm auch kein Stadtkämmerer bei. Für die Verwaltung der 6600-Seelen-Gemeinde Offenbach reichten ein paar Personen, Polizeidiener inbegriffen. Um ein Krankenhaus, um Kindergärten, Turnhallen und Sportplätze mussten sie sich nicht kümmern. Niemand erwartete von ihnen eine Müllabfuhr, ein Frauenhaus, einen fahrplanmäßigen Nahverkehr, Abwasserkanäle oder gar Museen. Sozialhilfe ging den Bürgermeister nichts an, denn Barmherzigkeit war Sache der Kirchen. So eine Stadt kostete nicht viel. Und dennoch drückte auch den Bürgermeister von 1825 eine Schuldenlast.

Wir erfahren es aus dem einem Heft der Schriftenreihe „Alt-Offenbach“ des Geschichtsvereins. Dr. Otto Schlander nimmt sich darin den Haushaltsplan von 1825 vor, um die Anfänge der Stadtverwaltung zu betrachten. Bei Schlander wird das Jahr 1825 zum Urknall. Mit ihm begann der Weg in die Gegenwart der Stadtverwaltung.

Vieles war neu im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts. Offenbach war hessisch geworden. Seine getrennt verwalteten Einheiten Alt- und Neugemeinde hatte die neue Regierung unter einem einzigen Bürgermeister zusammengeführt. Das Prinzip kommunaler Selbstverwaltung war nicht mehr angefochten. Nur die Oberaufsicht blieb in Darmstadt. 1825 lag sie bei der großherzoglichen Regierung; Heute liegt sie beim Darmstädter Regierungspräsidenten als Vertreter der nun in Wiesbaden ansässigen Landesregierung.

Die Strukturen einer modernen Verwaltung also ließen sich erahnen, keineswegs jedoch die modernen Größenordnungen. Der Etat des Jahres 1825, so lesen wir es bei Otto Schlander, ließ sich handschriftlich auf neun Seiten darlegen. Der Haushaltsplan heute füllt zwei dicke Bände. Wo d’Orville mit Tausendern rechnete, gehen Kämmerer unserer Zeit mit Millionen um.

Den neun Seiten von 1825 lässt sich eine Schuldenlast von 100.000 Gulden entnehmen, bei einem Steueraufkommen von gerade mal 12.000 Gulden. Wie konnte das überschaubare Gemeinwesen Offenbach diesen Schuldenberg aufhäufen? Die das 19. Jahrhundert kennzeichnende Industrialisierung nahm zum großen Sprung gerade erst den Anlauf. Noch war der Ort landwirtschaftlich geprägt. In seinen Ställen standen 386 Kühe und 169 Pferde. 55 Schweine wurden gemästet und 523 Schafe auf die Weide getrieben. War diese Idylle Dorf etwa in die Hände übermütiger Prasser gefallen?

Schlander findet die Erklärung bei den Kriegslasten. Seit der Französischen Revolution von 1789 und in der napoleonischen Zeit bis 1815 hielten Kriegszüge das Land in Atem. Und jede Kriegspartei finanzierte sich durch Kontributionen, die den heimgesuchten Gemeinden auferlegt wurden. Diese Gelder waren nur durch zinspflichtige Kredite aufzubringen, denn die öffentlichen Einnahmen blieben begrenzt. Die Gemeinde ließ sich Weiderecht bezahlen, sie verkaufte Heu und Holz. Besteuert wurde die Einfuhr von Lebensmitteln. Alles in allem addierten sich die Einnahmen von 1825 auf 37.000 Gulden, bei einer Verschuldung in Höhe von 100.000.

Wie den Bürgermeister von 1825 alte Kriegskosten drückten, so mögen den Kämmerer von heute die Sozialausgaben belasten, auf deren Höhe ja auch er keinen Einfluss hat. Sie engen den Spielraum dessen ein, was als so genannte „freiwillige Leistungen“ verfügbar bleibt. Für die Kultur beispielsweise sind das in Offenbach noch 2,2 Millionen, für Sport 1,8 Millionen Euro. Insgesamt machen die freiwilligen Leistungen drei Prozent des gesamten Volumens aus: eine gigantische Summe im Vergleich mit 1825, ein dürftiger Betrag im Vergleich etwa mit dem heutigen Frankfurt.

Den Bürgermeister d‘Orville hätten die Einnahmen und Ausgaben seiner Nachfolger gewiss sehr beeindruckt. Dem heutigen Betrachter erscheinen sie bescheiden. Wenn man das betrachtet, drängt sich eine Einsicht auf, die Otto Schlander so formuliert: „Wer über die an die Stadt zu zahlenden Gebühren und Steuern schimpft, müsste zuerst daran denken, welche Lebensbereiche von der Kommune gestaltet und zum Wohle der Bürger aufrecht erhalten werden.“

Eine „schlanke Verwaltung“, so ist das wohl zu verstehen, ließe sich nur mit sehr schlanken Bürgern ohne Bedürfnisse unterhalten.                                                         Lothar R. Braun