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Im Treppenhaus des fürstlich-isenburgischen Schloss zu Birstein hängt eine alte Fahne. Wer die Treppe benutzt, hat sie im Blick. In das Tuch ist eingestickt, dass die Fahne einst einem Regiment Isenburg vorangetragen wurde. Sie erinnert daran, dass vor über 200 Jahren in der Geschichte des aus Offenbach regierten Fürstentums Isenburg das letzte Kapitel seinen Anfang nahm.

Seit 1803 regierte Fürst Carl Ludwig Moritz den Kleinstaat, um dessen Selbstständigkeit er ist seinem Regierungsantritt zu bangen hatte. Eine in Regensburg ausgearbeitete Neuordnung des Reichs, der „Reichsdeputationshauptschluss“, fegte viele Territorialherrschaften von der politischen Landkarte. Größere Nachbarn saugten souverän Grafschaften und Abteien ebenso wie Freie Reichsstädte auf. Auch das Fürstentum Isenburg wackelte.

Nach der Beschaffenheit der Machtverhältnisse konnte Fürst Carl nur auf die französische Karte setzen. 1805 trat er als Generalmajor in den dienst des Kaiserreiches Frankreich. Und als 1806 in Paris 16 deutsche Fürsten unter französischem Protektorat eine als „Rheinbund“ bezeichnete Konföderation gründeten, war Isenburg dabei.

Dem Rheinbund der Sechzehn schlossen sich andere an. Schließlich blieben nur Preußen, Österreich und das Herzogtum Braunschweig außerhalb. Das bedeutete die Auflösung des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Im August 1806 legte Kaiser Franz II. die Reichskrone nieder, fortan nannte er sich „Franz I. Kaiser von Österreich“.

Jetzt bestimmte Frankreichs Napoleon I. die deutschen Geschicke. Er wurde der Oberbefehlshaber auch jener Truppen, die seine deutschen Vasallen zu stellen hatten, Soldaten aus aller Herren Länder zogen für Frankreich kreuz und quer durch Europa, darunter auch zwei Regimenter Isenburgs mit jungen Männern, aus Offenbach und der Dreieich.

Den meisten Rheinbündlern brachte das französische Protektorat Gewinn. Aus Bayer, Württemberg und Sachsen wurden Königreiche von Napoleons Gnaden. Der Landgraf von Hessen-Darmstadt gewann den Titel Großherzog. Fürst Isenburg gewann nicht mehr als den Fortbestand seines Fürstentums für wenige Jahre. Den Preis zahlten seine Landeskinder unter der französischen Fahne.

Als Napoleons Stern 1812 zu sinken begann, vollzogen die Rheinbündler flugs den Schwenk auf die andere Seite. Auf diese Weise konnten die napoleonischen Könige und Herzöge ihre Titel bewahren. Sie waren ja abermals unter den Siegern. Fürst Isenburg indes schaffte den Absprung nicht. Er floh ins Schweizer Exil. Vergebens rang die verbliebene Fürstin Charlotte auf dem diplomatischen Parkett mit den Siegermächten. In Offenbach marschierte eine österreichische Besatzung ein. Bayern streckte die Hand nach Offenbach aus und unterlag diplomatischen Ränken. 1816, zehn Jahre nach Gründung des nun wieder verschwundenen Rheinbundes, wurde das Fürstentum Isenburg zwischen Kurhessen und Hessen-Darmstadt aufgeteilt. Die Haupt- und Residenzstadt Offenbach fand sich als hessische Provinzstadt wieder.

Die Fahne im Treppenhaus zu Birstein erzählt nichts von den jungen Männern, die unter ihr für Frankreich starben. Sie sind vergessen. Vergessen ist auch der Fürst, der im Spiel der Großen hatte mitspielen müssen und dabei alles verloren hatte. An ihn erinnert in Offenbach nur noch der Name der Freimauer-Loge Carl und Charlotte zur Treue. Sein Abstieg in die Vergessenheit begann, als vor 200 Jahren der französische Adler den Rheinbund ausbrütete.

Von Lothar Braun
Mit Unterstützung der OFFENBACH POST